Das Feuer der Wiedergeburt / The Fire of Rebirth

Über den rumänischen Folk-Song Focuri Vii / About the Romanian Folk-Song Focuri Vii

Ein äußerlich vernichtetes Volk bleibt doch in seiner geistigen Identität unangetastet. Solange aber dieses innere Feuer weiterbrennt, ist auch seine Zukunft nicht verloren. – Über den rumänischen Folk-Song Focuri Vii (Feuer des Lebens).

A people that is outwardly destroyed still remains untouched in its spiritual identity. But as long as this inner fire continues to burn, its future is not lost. – About the Romanian folk song Focuri Vii (Fire of Life).

English Version

Lebensfeuer

In einem Wald aus morschen Blättern
beweint ein Mädchen die verlor’nen Männer.
Der Frühling weint mit ihr, die Eichenglut
erstickt im Wüstensand der Trauer.

Doch still: Erwacht nicht in der Grabesstille
ein neues Lebensfeuer auf den Bergen?
Versprühen nicht die Himmelshengste
ihren Regen freier Funken in das Tal?

Und tröstend flüstert ihr der Wind ins Ohr:
Stirbt auch der Baum, so lebt der Wald doch fort.
In deiner Seele leben die Verlor’nen fort,
für immer brennt ihr Feuer fort auf deinem Land.

Doch still: …

So fliegt herab, ihr Himmelshengste!
Zerbrecht die Ketten, schürt die Eichenglut,
lasst frei die Quellen sprudeln, düngt das Land
mit eurem Feuer, das in and’ren Welten keimt.

Doch still: …

Focul Viu: Focuri Vii

aus: Pământul Frate (Bruder Erde; 2002)

Cineva de Undeva: Focuri Vii:

Focul Viu: Focuri Vii

Ein antiker Vernichtungskrieg: Daker und Rumänen

Seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts erwuchs der Großmacht Rom im Schwarzmeerraum allmählich ein neuer Rivale. Die Daker, ethnisch den Thrakern verwandt, hatten sich um das heutige Siebenbürgen herum durch interne Einigungsprozesse und Unterwerfung anderer Völker zu einer Regionalmacht entwickelt.
150 Jahre lang konnten sich die Daker gegen das übermächtige Rom behaupten. Dann aber wurden sie vom römischen Kaiser Trajan Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts in zwei Kriegen im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend geschlagen und mussten sich den Römern vollständig unterwerfen. Nicht nur wurden ihre Siedlungsgebiete zu einer römischen Provinz degradiert. Trajan machte aus dem Feldzug auch einen regelrechten Raubzug und entführte neben 330 Tonnen Gold und 165 Tonnen Silber auch 50.000 Kriegsgefangene nach Rom, die dort versklavt, zu Gladiatorenkämpfen gezwungen oder schlicht hingerichtet wurden.
Während die Taten des Kaisers in Rom auf der Trajanssäule glorifiziert wurden, nahmen sich der dakische König Decebalus und seine Generäle das Leben. Zurück blieb ein gedemütigtes Volk, das auf Jahre hinaus von der Wunde der verlorenen Männer geprägt war.
Dies ist der Hintergrund, vor dem das Lied Focuri Vii gesehen werden muss. Warum das Schicksal eines antiken Volkes in einer rumänischen Volksweise besungen wird? – Weil ein Großteil des dakischen Siedlungsgebiets mit dem heutigen Rumänien zusammenfällt. Die Wurzeln des rumänischen Volkes werden deshalb auch in manchen historischen Forschungen auf die Daker zurückgeführt.

Lebendige Feuer und das Wasser des Lebens

Die dakische Vergangenheit ist in dem Lied in verschiedenerlei Hinsicht präsent. Zum einen werden die Daker im Original explizit erwähnt. Zum anderen verweisen indirekt aber auch die titelgebenden „focuri vii“ (oder „focurile vii“, wörtlich „lebendige Feuer“) auf sie.
Mit diesem Begriff – oder mit dem Einzahlbegriff „focul viu“ (lebendiges Feuer) – wird in Rumänien ein Naturphänomen bezeichnet, das es auch anderswo auf der Welt gibt, insbesondere im Zusammenhang mit Vulkanausbrüchen. Dabei treten an Erdspalten Gase aus – am häufigsten Methan –, die sich durch Reibung mit der Erde und den Kontakt mit der Luft entzünden. In Rumänien tritt das Phänomen insbesondere an den Berghängen der Karpaten, stellenweise aber auch im siebenbürgischen Becken auf.
In früheren Zeiten, als die Ursachen der Feuer noch nicht verstanden wurden, haftete den Spontanbränden in den Augen der Menschen etwas ausgesprochen Geheimnisvolles an. Da die Feuer sich wie von Geisterhand entzündeten, sowohl von Ausmaß als auch von Dauer her unberechenbar waren und auch in der kalten Jahreszeit auftreten konnten, brachte man sie mit einer anderen, unterirdischen Welt in Verbindung, die sich auf diese Weise bemerkbar machte.
So lag es auch nahe, in den Feuern einen Gruß der untergegangenen dakischen Vorfahren zu sehen. Dies verband sich mit dem Glauben, dass es sich bei den Gluten um ein Zeichen handelte, einen Hinweis auf verborgene Schätze. Dabei war zwar auch an materielle Schätze gedacht, wie etwa einen sagenhaften Goldschatz. Wichtiger jedoch war der übernatürliche Schatz, den manche an der Stelle der „lebendigen Feuer“ im Berg vermuteten: das Wasser des Lebens. Denn dieses hätte jeden Krieger unverwundbar gemacht und so die Möglichkeit eröffnet, die in der Schlacht gegen die Römer erlittene Schmach zu tilgen.

Trauernde Witwen und Friedensutopien

Lieder, die wie Focuri Vii aus der Sicht der Kriegerwitwen geschrieben sind, enthalten oft einen Unterton der Gewalt. Dies liegt daran, dass der Trost für die Untröstlichen auch aus der Aussicht auf künftige Sühne gezogen wird. Mag die Situation für einen selbst auch ausweglos erscheinen und dies womöglich auch bis zum Lebensende bleiben – künftige Generationen werden die Waage des Lebens doch wieder ins Gleichgewicht bringen.
Objektiv betrachtet, wird so einer Spirale von immer neuer Gewalt und Gegengewalt das Wort geredet. Aus der subjektiven Sicht der Betroffenen ist eine solche Sichtweise aber durchaus verständlich – denn anders müssten sie sich ja eingestehen, dass der Tod ihrer Gatten, Väter, Söhne und Brüder völlig sinnlos war, dass all die Toten nur der Boden waren, auf dem der Feind seine Herrschaft errichtet hat.
Allerdings muss sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht notwendigerweise in solchen Phantasien der Stärke und des gegenseitigen Übertrumpfens erschöpfen. Die Utopie eines unbeschwerten Lebens, wie sie die Metapher vom „Wasser des Lebens“ verheißt, lässt sich auch auf veränderte Rahmenbedingungen und Einstellungen beziehen, durch die Wege zu einem harmonischen Miteinander eröffnet und Kriege überflüssig werden.
Um auch eine solche Deutung zu ermöglichen, weicht die Nachdichtung in einigen Punkten vom rumänischen Original ab. Daneben soll so natürlich auch der allgemeine, auch auf andere Situationen übertragbare Charakter der Witwentrauer deutlich gemacht werden. Was die römische Armee für die Daker war, ist heute die russische Armee für das ukrainische Volk. Die Gefühlslage der heutigen ukrainischen Frauen wird sich nicht groß von der ihrer dakischen Leidensgenossinnen in grauer Vorzeit unterscheiden.

Zur hier präsentierten Fassung des Liedes Focuri Vii

Das Lied Focuri Vii ist ursprünglich 2002 von der rumänischen Folk-Band Focul viu auf dem Album Pământul Frate (Bruder Erde) aufgenommen worden. Diese spielte damit sowohl durch den Bandnamen als auch durch den Songtitel auf die „lebendigen Feuer“ an – und unterstrich so deren Bedeutung für die rumänische Volkskultur.
Die Beliebtheit des Liedes in Rumänien zeigt sich u.a. an den zahlreichen Cover-Versionen, die im Netz zu finden sind. Eine davon sticht in mehrfacher Hinsicht heraus. Zum einen hat die Frauenstimme, in der das Lied hier vorgetragen wird, einen fast schon magischen Charakter. Der zugleich eindringliche und sanfte Gesang verbindet den Schmerz der trauernden Witwe mit dem Trost, der aus der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gezogen wird.
Zum anderen ist die Liedfassung aber auch deshalb bemerkenswert, weil die Sängerin explizit anonym bleiben zu wollen scheint. Der Name ihres YouTube-Kanals – Cineva de Undeva („Irgendjemand von irgendwoher“) – ist offenbar Programm. Ein bisschen können wir uns damit auf dem Literaturplaneten – dessen Stimme ja auch „von irgendwoher“ ins Nirgendwo der Welt dringt – auch identifizieren. Deshalb ist diese Niemandsversion unser Favorit. Selbstverständlich verlinken wir aber zusätzlich die Originalfassung.

Links

Zum Phänomen der „lebendigen Feuer“:

Farnoaga, Radu, Geological Institute of Romania: The Romanian Eternal Flames; geoera.eu, 24. September 2021 (bebildert).

Urlaub-in-Rumänien.de: Living Flames.

Zur Legendenbildung rund um die Feuer:

Carnoouh, Claude: Rezension (französisch) zu Cuisenier Jean: Le Feu vivant: la parenté et ses rituels dans les Carpates. Paris 1994; persee.fr.

CultureTalk Romania and Moldova Video Transcripts: More Mountain Legends (PDF). Five College Center for the Study of World Languages and Five Colleges, 2012.

Zu den Feldzügen Kaiser Trajans gegen die Daker:

Curry, Andrew / Garrett, Kenneth (Fotos): Römisches Reich: Die Säule von Trajan. National Geographic, Heft 5 / 2015.

Hellenica World: Dakerkriege.

English Version

The Fire of Rebirth

About the Romanian Folk-Song Focuri Vii

The Fire of Life

In a forest of rotten leaves
a girl weeps for the fallen men.
Spring weeps with her, the oak embers
choke in the desert sand of grief.

But in the sepulchral silence awakens
a new fire of life on the mountains.
Behold, the celestial stallions already spray
their redeeming rain of sparks into the valley.

Comfortingly, the wind whispers in her ear:
Even if the tree dies, the forest survives.
In your soul the vanished live on,
forever their fire will burn on your land.

And in the sepulchral silence …

So fly down, celestial stallions!
Break the chains, stir up the oak embers,
feed the wellsprings with your fire, fertilise the land
with your flame that germinates in other worlds.

And in the sepulchral silence …

Focul Viu: Focuri Vii

from: Pământul Frate (Brother Earth; 2002)

Cineva de Undeva: Focuri Vii:

Focul Viu: Focuri Vii

An Ancient War of Annihilation: Dacians and Romanians

From the middle of the first century BC, a new rival gradually emerged for the Roman Empire in the Black Sea region. Through internal unification processes and the subjugation of other peoples, the Dacians, ethnically related to the Thracians, had developed into a regional power in the area of present-day Transylvania.
For 150 years, the Dacians were able to withstand the overwhelming power of Rome. But then, at the beginning of the second century AD, the Roman Emperor Trajan defeated them in two wars, whereupon they had to submit completely to the Romans. Not only were their settlement areas demoted to a Roman province. Trajan also turned the campaign into a veritable raid and carried off 330 tons of gold and 165 tons of silver to Rome. In addition, he abducted 50,000 prisoners of war to the capital, who were enslaved there, forced into gladiator fights or simply executed.
While the emperor’s deeds were glorified on Trajan’s Column in Rome, the Dacian king Decebalus and his generals took their own lives. A humiliated people was left behind, marked for many years by the wound of the doomed men.
This is the background against which the song Focuri Vii must be seen. Why the fate of an ancient people is sung about in a Romanian folk song? – Because a large part of the Dacian settlement area coincides with present-day Romania. In some historical studies, the roots of the Romanian people are therefore also traced back to the Dacians.

Living Fires and the Water of Life

The Dacian past is present in the song in several ways. First of all, the Dacians are explicitly mentioned in the original. In addition, the „focuri vii“ (or „focurile vii“, literally „living fires“), which give the song its title, are an indirect reference to them.
This term – or the singular term „focul viu“ (living fire) – is used in Romania to describe a natural phenomenon that also occurs elsewhere in the world, especially in connection with volcanic eruptions. In this process, gases – most frequently methane – escape from fissures in the earth and ignite as a result of friction with the earth as well as contact with the air. In Romania, the phenomenon occurs particularly on the mountain slopes of the Carpathians, but also in some places in the Transylvanian Basin.
In former times, when the causes of these fires were not yet understood, spontaneous combustions were perceived by the people as something very mysterious. Since the fires ignited as if by magic, were unpredictable in both extent and duration and could also occur in the cold season, they were associated with another, subterranean world that made itself felt in this way.
For the people of the regions concerned, it was therefore natural to see in the fires a greeting from the vanished Dacian ancestors. At the same time, the embers were seen as an indication of hidden treasures. This could of course also include material treasures, such as a fabulous treasure of gold. More important, however, was the supernatural treasure that some suspected to be hidden in the place of the „living fires“ in the mountain: the water of life. For this would have made every warrior invulnerable and thus opened up the possibility of redeeming the disgrace suffered in the battle against the Romans.

Grieving Widows and Utopias of Peace

Songs written from the perspective of war widows, like Focuri Vii, often contain an undertone of violence. The reason for this is that the consolation for the inconsolable is also drawn from the prospect of future retribution. As hopeless as the situation may seem for oneself, future generations might be able to rebalance the scales of life.
From an objective point of view, this gives rise to a spiral of ever new violence and counter-violence. From the viewpoint of those affected, however, such a perspective is quite understandable – because otherwise they would have to admit to themselves that the death of their husbands, fathers, sons and brothers was completely senseless, that all the deceased were nothing but the ground on which the enemy had established his rule.
However, the hope for a better future does not necessarily have to be exhausted in such fantasies of strength and superiority over one another. The utopia of a carefree life, as promised by the metaphor of the „water of life“, can also be related to changed framework conditions and attitudes that open up paths to harmonious coexistence and make wars superfluous.
To also allow for such an interpretation, the English adaptation deviates in some points from the Romanian original. In this way, the universal character of widows‘ mourning can be made clear and transferred more easily to other circumstances. What the Roman were for the Dacians in ancient times, the Russian army is for the Ukrainian people today. The emotional situation of today’s Ukrainian women will therefore not differ greatly from that of their Dacian fellow sufferers two thousand years ago.

About the Version of the Song Focuri Vii Presented Here

The song Focuri Vii was originally recorded in 2002 by the Romanian folk band Focul viu on the album Pământul Frate (Brother Earth). Both the band’s name and the song title allude to the „living fires“ – and thus underline their importance for Romanian folk culture.
The popularity of the song in Romania is reflected, among other things, in the numerous cover versions that can be found on the net. One of them stands out in several respects. First of all, the female voice in which the song is performed has an almost magical character. The singing, at once powerful and gentle, combines the pain of the grieving widow with the consolation drawn from the hope for a better future.
Furthermore, the song version is also remarkable because the female singer apparently wants to remain explicitly anonymous. The name of her YouTube channel – Cineva de Undeva („Someone from somewhere“) – is obviously to be understood programmatically. On Planet Literature, we – whose voice also floats „from somewhere“ into the nowhere of the world – can identify with such an approach to some extent. That’s why this Nobody version is our favourite. But of course we also link to the original version.

Links

On the phenomenon of „living fires“:

Farnoaga, Radu, Geological Institute of Romania: The Romanian Eternal Flames; geoera.eu, 24. September 2021 (illustrated).

Lica-Butler, Mihaela: The Living Fires of Lopătari – A Must See in Romania. April 26, 2020; argophilia.com.

About legends related to the fires:

Carnoouh, Claude: Review (French) of a book by Jean Cuisenier: Le Feu vivant: la parenté et ses rituels dans les Carpates. Paris 1994; persee.fr.

CultureTalk Romania and Moldova Video Transcripts: More Mountain Legends (PDF). Five College Center for the Study of World Languages and Five Colleges, 2012.

About the military campaigns of Emperor Trajan (Traian) against the Dacians:

Curry, Andrew / Garrett, Kenneth (photos): Trajan’s Amazing Column. A War Diary Soars Over Rome. National Geographic, 2015 (with an interactive graphic of the column).

History Time: Decebalus & The Dacian Wars; nine-minute info film.

Bilder /Images: Michael Watts (AzDude): Sonnenauf-/untergang / Sunrise/-set (Pixabay); DeSa81: Apokalypse (Pixabay)

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