Der erloschene Zorn / The Extinguished Anger

Zu dem Chanson Ma colère (Meine Wut) von Françoiz Breut / On the Song Ma Colère (My Anger) by Françoiz Breut

Musikalischer Adventskalender 2021, 7. Türchen / Musical Advend Calendar 2021, 7th Door

To the English Version

Wut und Zorn erscheinen uns spontan als etwas Negatives. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen wir sie als Gegengift gegen ein viel schädlicheres Gift benötigen: das Gift der Abstumpfung.

Meine Wut

Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, mein Zorn?
Auf welche Böden habe ich sie ausgesät?
Welche Irrwege haben bewirkt,
dass ich sie vergessen habe?

Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen?
Nichts mehr gehört, nichts?
Niemand mehr, den ich zur Verantwortung ziehen kann,
niemand, dem ich mich entgegenstellen kann,
niemand, der mir missfällt.
Wohin hat sich meine Wut verflüchtigt?

Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, mein Zorn?
Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen?
Nichts mehr gehört,
nichts mehr, das meine Sinne berührt?
Hast du sie mir vollständig genommen,
hast du sie zerstört?
Hast du dieses Wenige, das ich besaß, an dich gerissen,
dieses Wenige, das ich mir bewahrt hatte:
meine Wut?

Françoiz Breut: Ma colère (Text von Dominique Ané). Aus dem Album Françoiz Breut (1997)

Das Gift der Gewöhnung

Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung – unsere Welt ist voll von Unrecht und skandalösen Fehlentwicklungen.
Dabei bringt nicht nur der Krieg den Tod. Auch soziale Ungerechtigkeit kann töten, indem sie Menschen das Recht auf ausreichende Ernährung, menschenwürdiges Wohnen oder eine umfassende Gesundheitsversorgung vorenthält. Und wie sehr die Gifte, die wir tagtäglich durch unsere Lebensweise in die Luft blasen, unser aller Lebensgrundlage bedrohen, spüren wir mittlerweile alle am eigenen Leib.
All das wissen wir, und niemand von uns ist damit einverstanden. Das Problem ist nur: Gerade dann, wenn das Skandalöse zum Dauerzustand wird, wenn es also an Bedrohlichkeit zunimmt, wird es für uns zu etwas Alltäglichem. Und gegenüber allem Alltäglichen stumpfen wir mit der Zeit ab. Selbst die aufrüttelndsten Bilder können uns dann nicht mehr von unserem Fernsehsessel aufscheuchen. Sie sind nur noch eine Kulisse für uns, wie ein schriller Videoclip vor der Late-Night-Show.

Passiver Katastrophenkonsum

Bis zu einem gewissen Grad ist diese Reaktionsweise durchaus verständlich. Gegen viele Katastrophen, deren Schatten der Bildschirm uns in die gute Stube wirft, sind wir schlicht machtlos. Kriege, die Tausende Kilometer von uns entfernt ausgefochten werden, Vulkanausbrüche am anderen Ende der Welt – was sollen wir dagegen tun?
In diesen Fällen hilft uns die innere Distanz dabei, unseren Alltag weiterzuleben. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Haltung generalisiert wird, wir also ganz allgemein eine passive Konsumhaltung einnehmen gegenüber den Katastrophenmeldungen, die über den Bildschirm flimmern. Dann verlieren wir allmählich jene Kraft, die allein uns dabei helfen kann, das Unrecht zu überwinden: die Empörung, die sich natürlicherweise in uns regt, wenn wir zum ersten Mal von all den Ungeheuerlichkeiten hören, die auf unserer Welt vor sich gehen.

Ausdrucksformen von Chanson und Videoclip

Eben hiervon handelt das Chanson Ma colère („Meine Wut“) von Françoiz Breut. Schon die betont ausdruckslose Vortragsweise der Sängerin verdeutlicht die thematisierte emotionale Austrocknung.
Grundsätzlich könnte das Lied natürlich auch auf eine konkrete Person hindeuten, von der sich das Ich emotional ausgebeutet fühlt. Der Videoclip zu dem Song legt allerdings nahe, den Text auf einen weiteren sozialen Kontext zu beziehen. So münden die Traumbilder, die in dem Film zu sehen sind, am Ende in Andeutungen staatlicher Gewalt.
Das Du, das in der letzten Strophe plötzlich auftaucht, lässt sich dadurch mit einem Staat assoziieren, der Kritik an seinem Handeln mit aller Macht unterdrückt und so die Abstumpfung gegenüber dem Unrecht aktiv fördert: Nur wer wegsieht, bleibt unbehelligt.
Auf der anderen Seite zeigt jedoch gerade die Anwendung staatlicher Gewalt, dass diese implizite Erpressung auf die Dauer keine erfolgreiche Strategie ist. Spätestens dann, wenn das Unrecht den Alltag der Menschen erreicht, provoziert es eben doch Widerstand, ungeachtet aller staatlichen Repression.

Über Françoiz Breut

Die 1969 in Cherbourg geborene Sängerin, die auch als Illustratorin von Kinderbüchern in Erscheinung getreten ist, entstammt der Nanteser Musikszene. Ihr musikalisches Debüt ist stark von ihrem langjährigen Lebensgefährten Dominique Ané (Künstlername Dominique A) beeinflusst, mit dem zusammen sie ihre ersten Lieder komponiert und produziert hat.
Nachdem ihr erstes, 1997 veröffentlichtes Album insbesondere in der Independent-Szene für Furore gesorgt hatte, gelang ihr mit dem zweiten, im Jahr 2000 herausgebrachten Album der Durchbruch. In der Folge zog sie nach Brüssel um, wo 2005 ihr drittes Album erschien. Bis 2021 sind sechs weitere Alben erschienen.

Ulf Cronenberg: Françoiz Breut bei einem Auftritt in Würzburg, 2010 / Françoiz Breut at a performance in Würzburg/Bavaria, 2010 (Wikimedia commons)

English Version

The Extinguished Anger

On the Song Ma Colère (My Anger) by Françoiz Breut

Anger and rage spontaneously appear to us as something negative. However, there are situations in which we need them as an antidote to a much more harmful poison: the poison of deadening.

My Anger

Where, where has it disappeared to?
Where is my anger, my rage?
On what soils have I sown it?
What aberrations have caused me
to forget it?

Did I suddenly go blind?
Was there nothing more I heard?
No one left for me to hold accountable,
no one to confront,
no one to dislike.
Where has my anger disappeared to?

Where, where has it disappeared to?
Where is my anger, my rage?
Did I suddenly go blind?
Was there nothing more I heard,
nothing that touched my senses?
Did you take it away from me completely,
did you destroy it?
Did you usurp the little I possessed,
the little that I had preserved:
my anger?

Françoiz Breut: Ma colère (Lyrics by Dominique Ané). From the album Françoiz Breut (1997)

Video clip

The Poison of Habituation

Wars, social injustice, environmental destruction – our world is full of wrongdoings and scandalous aberrations.
And it is by no means only war that brings death. Social injustice can also kill by denying people the right to adequate food, decent housing or comprehensive health care. Moreover, we are all experiencing first-hand how much the poisons we blow into the air every day threaten the very basis of our life.
We know all this, and none of us agrees with it. The only problem is that precisely when the scandalous becomes permanent, i.e., when it increases in menace, it becomes something commonplace for us. And the commonplace is something we become numb to over time. Then even the most startling images can no longer rouse us from our television chairs. They are just a backdrop for us, like a shrill video clip before the late-night show.

Passive Catastrophe Consumption

To a certain extent, this reaction is quite understandable. We are simply powerless against many of the catastrophes whose shadows the TV screen casts into our living rooms. Wars being fought thousands of kilometers away from us, volcanic eruptions on the other side of the world – what can we do about this?
In these cases, the inner distance helps us to get on with our daily lives. However, this attitude becomes problematic when it is generalized, that is, when we generally adopt a passive consumer attitude toward the catastrophes flickering across the screen. Then we gradually lose the power that alone can help us overcome injustice: the indignation that naturally arises in us when we first hear about all the monstrosities that are going on in our world.

Forms of Expression in Chanson and Video Clip

This is exactly what the chanson Ma colère (My rage) by Françoiz Breut is about. It is already the singer’s emphatically expressionless style of performance that highlights the emotional desiccation addressed in the song.
In principle, of course, the song could also refer to a specific person by whom the ego feels emotionally exploited. The video clip for the song, however, suggests that the lyrics refer to a broader social context. Thus, the dream images at the end of the film allude to violence exerted by the state.
The You that suddenly appears in the last strophe can thus be associated with a state that suppresses criticism of its practices with all its might and thus actively promotes deadening in the face of injustice: Only those who look the other way remain unmolested.
On the other hand, however, the very use of state violence shows that this implicit blackmail is not a successful strategy in the long run. At the latest when injustice reaches people’s everyday lives, it provokes resistance, regardless of any state repression.

About Françoiz Breut

Born in Cherbourg in 1969, the singer, who has also made an appearance as an illustrator of children’s books, comes from the Nantes music scene in Brittany. Her musical debut is strongly influenced by her longtime partner Dominique Ané (stage name Dominique A), with whom she composed and produced her first songs.
After her first album, released in 1997, had attracted attention especially in the independent scene, she had her breakthrough with the second album, released in 2000. Subsequently, she moved to Brussels, where her third album came out in 2005. Six more albums have been published until 2021.

Bild /Image: Bild: Colin Behrends: Brennende (Burning) Hand (Pixabay)

Eine Antwort auf „Der erloschene Zorn / The Extinguished Anger

  1. Elias

    Mit dem Video zusammen ein kleines Gesamtkunstwerk. Danke für diesen Beitrag und den Adventskalender an sich! Das sind Lieder, Chansons, die man nicht alle Tage hört. Immer überraschend und „anders“. Schön auch, dass eine Übersetzung und Erläuterungen zum Lied und den Bands/Künstlern „mitgeliefert“ werden. Toll! ❤️

    Gefällt 1 Person

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