Der Traum vom einfachen Leben / The dream of the simple life

Zu dem Song Kostroma, mon amour von Boris Grebenschtschikow und der Band Aquarium/On the song Kostroma, mon amour by Boris Grebenshchikov and the band Aquarium

6.Türchen des musikalischen Adventskalenders / 6th door of the Musical Advent Calendar

To the English Version

Angesichts der gar nicht so traumhaften Zustände, die unser Traum vom technischen Fortschritt uns zuweilen beschert, träumen wir uns von Zeit zu Zeit zurück in das einfache, vorzivilisatorische Leben. Sollen wir versuchen, den Traum zu verwirklichen? Eine musikalische Meditation von Boris Grebenschtschikow.

Kostroma, mon amour

Ich brauche weder Lohn noch Lorbeerkränze
und keine Zauberin, um meinen Weg zu gehen.
Die Frühlingssüße reicht mir und ein Leben ohne Lügen.
Ach Samara, du meine Schwester!

Durch Himmelsgärten ziehn zerzauste Herden.
Lug und Trug ertränken sie im Weihwasser …
Es bricht mir das Herz, aber ein weißer Schwan
fließt läuternd durch mein Blut.
Jenseits der Hügel grüßt mich [die Stadt] Wladimir,
darunter [der Ort] Pokrow.

Über mir das Ringen von Sonne und Wolken,
ein Vogel ruft nach seiner Liebsten.
Murmelnd hinter weißen Wänden
weißbärtige Sehnsucht aus grauer Zeit.
Was für ein Glück ich habe, noch zu leben!

Berauscht bin ich, ein Erzengel mit Schalmei,
im Dunkeln rein, bei Licht von Narben überdeckt.
Und über mir gleitet der himmlische Lotse
in grimmiger Gerechtigkeit.
Ach Samara, du meine Schwester,
Kostroma, du meine Liebe!

Wie gerne würde ich nüchtern leben und ohne Hast!
Doch meine ruhelose Seele zieht es in die Welt hinaus.
Auf denn, Piraten, bereit zum Entern!
Ach Samara, du meine Schwester,
Kostroma, du meine Liebe!

Ich brauche weder Lohn noch Lorbeerkränze.
Doch meinen Stall in Gottes Reich errichten?
Hätt‘ ich doch wenigstens geschnitzte Türen
und einen Lampenschirm mit Spitzenmuster!
Ach Samara, du meine Schwester,
Kostroma, du meine Liebe!

Boris Grebenschtschikow und die Band Aquarium: Кострома mon amour; aus dem gleichnamigen, 1994 erschienenen Album.

vollständiges Album (Kostroma mon amour ab 18:00), mit passenden Bildern:

full album (Kostroma mon amour beginning at 18:00), with fitting pictures:

https://www.youtube.com/watch?v=XTYkjtty9cE

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1993 (Live recording from 1993)

Im Arm von Mütterchen Wolga

Kostroma, mon amour ist ein Lied über den Traum vom einfachen Leben. Jemand liegt irgendwo auf einer der vielen Inseln oder am Strand von Mütterchen Wolga und träumt in den Himmel hinauf. Über ihm ziehen die Wolken an der Sonne vorbei, ab und zu ruft ein Vogel, hinter den weißen Klostermauern läutet von Zeit zu Zeit eine Glocke zum Gebet, dann dringt das Gemurmel der Mönche in die Träume des am Wasser Liegenden.


So fühlt er sich eins mit dem paradiesischen Versprechen, für das die zahlreichen Kloster- und Kirchenbauten stehen, die sich in den Städten des Goldenen Rings befinden. Hierauf deutet insbesondere die Erwähnung der Städte Wladimir, Pokrow und Kostroma hin. Durch letzteren Ort ergibt sich auch die Verbindung zum ungleich größeren Samara. Beide Städte liegen an der Wolga, wenn auch etwa tausend Kilometer voneinander entfernt.
Wie wäre es also, denkt sich der Träumende, wenn ich immer so leben würde? Wozu brauche ich eigentlich diese rastlose Jagd nach Geld und Ruhm? Wäre ich nicht glücklicher, wenn ich mich wie die Mönche hinter die Mauern eines Klosters zurückziehen und meinen Sinn im stillen Gebet dem Ewigen zuwenden würde? Wenn ich mich wie die Menschen auf dem Land mit dem bescheiden würde, was Mütterchen Wolga und die von ihr befruchteten Felder mir schenken?

Das verlorene Paradies

Ein schöner Traum … Aber es bleibt eben nichts als ein Traum. Zwei Gründe klingen dafür in dem Lied an. Zum einen ist die Vorstellung vom gottesfürchtigen und bescheidenen Leben selbst ein Klischee, das mit der Wirklichkeit nur bedingt etwas zu tun hat. Ein reines Landleben gibt es im Zeitalter von Verkehrsadern und Hochgeschwindigkeitstrassen nicht mehr.
Auch das Leben im Einklang mit Gott ist oft nur eine Fassade, die durch den sonntäglichen Weihwasser-Ablass erkauft wird. Heuchelei und Unaufrichtigkeit geben damit auch in der scheinbar heilen Welt der gottesfürchtigen Menschen den Takt vor.


Zum anderen ist die Person, die sich da im Arm von Mütterchen Wolga in eine himmlische Harmonie hineinträumt, aber offenbar auch selbst nicht dafür geschaffen, ein ruhiges, einfaches Leben zu führen. So beschreibt sie selbst ihren Rausch als den eines „Erzengels mit Schalmei“. Es ist also, als hätte der ewig ruhelose Schalmeispieler Pan sich kurzzeitig in den Himmel verirrt.
Nach einer kurzen Hingabe an den Traum wird denn auch gleich wieder zum Aufbruch geblasen – sinnigerweise mit einem alten Schlachtruf der Wolga-Piraten: Der Befehl „Сары́нь на ки́чку“ wies die Schiffsbesatzung bei Überfällen an, sich am Bug des Schiffes zu versammeln, damit die Piraten ungehindert auf Beutejagd gehen konnten.
Der moderne Mensch erscheint so wie ein Plünderer, wenn er am selbstgenügsam-ruhevollen Leben schnuppert: Er kann sich dort ein paar Stunden oder Tage ergaunern, dauerhaft heimisch wird er in der anderen Welt jedoch nicht.

Entstehungsgeschichte des Songs

Dem entspricht auch die Entstehungsgeschichte des Liedes: Es ist – wie auch die anderen Songs des gleichnamigen Albums – keineswegs in der Abgeschiedenheit eines Wolgastädtchens oder gar hinter den Mauern eines Klosters entstanden. Stattdessen wurden die Lieder unterwegs verfasst, während Tourneen von Grebenschtschikow und seiner Band – Kostroma mon amour etwa in Tel Aviv.
Dies unterstreicht den Charakter des Traums vom einfachen Leben als einer Sehnsucht nach etwas, das unerreichbar ist: einer Sehnsucht nach einem Leben, das wieder von der harmonischen Schönheit der bäuerlichen Alltagskultur geprägt wäre, auf die der Schluss des Liedes verweist. Und einer Sehnsucht nach einem vom Göttlichen durchdrungenen Leben, wie sie durch die Anspielung auf den Schwan – das Symbol der göttlichen Liebe – anklingt.
Dabei sucht Grebenschtschikow selbst die göttliche Harmonie allerdings nicht im orthodoxen Glauben, sondern im tibetischen Buddhismus, mit dem er sich zur Entstehungszeit von Kostroma mon amour eingehender zu befassen begann. Musikalisch macht sich das auf dem Album – das allerdings auch Elemente der traditionellen russischen Volksmusik und Instrumentierung aufgreift – insbesondere durch Art und Einsatz der Perkussionsinstrumente bemerkbar.

Über Boris Grebenschtschikow

Der 1952 geborene Künstler gründete während seines Mathematikstudiums in St. Petersburg zusammen mit Anatolij Gunitskij die Band Aquarium. Während er wissenschaftlich zu arbeiten begann, trat er parallel mit der bis heute in wechselnden Besetzungen bestehenden Band auf und rief die Rockzeitschrift Roksi ins Leben.
Obwohl die Band 1981 verboten wurde und Grebenschtschikow zusätzlich seine Arbeit verlor, wurde er eine zentrale Figur der oppositionellen Musikszene. So half er etwa dem legendären Viktor Tsoj (Tsoi) und seiner Band Kino bei der Produktion ihres ersten Albums und arbeitete auch mit der Kult-Band Maschina Wremjeni zusammen. Im Zuge der Perestroika wurde Grebenschtschikow zu einem Idol der russischen Jugend.


Nachdem er sich seit Beginn der 1990er Jahre intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt hatte, lernte Grebenschtschikow 2006 den aus Indien stammenden geistlichen Gelehrten Sri Chinmoy kennen, mit dessen Schülern er u.a. ein Konzert in der Londoner Royal Albert Hall gegeben hat. Außerdem hat er Schriften des tibetischen Lamas Tulku Urgyen Rinpoche ins Russische übersetzt.

Mehr Musik aus Russland:

Putinistan und Russkij-Rockistan. Zur Kontinuität der musikalischen Gegenkul­tur in Russland.

Der Krieg als Verrat am Selbst. Anti-Kriegslieder in der russischen Gitarrenlyrik.

Weiteres Lied von Boris Grebenschtschikow im Adventskalender des letzten Jahres:

Die hungrigen Geister und der befreite Geist: Boris Grebenschtschikow mit der Band Aquarium: Kladbischtsche (Friedhof)

Sergei Prokudin-Gorskij (1863 – 1944): Junge russische Bäuerinnen zur Zeit des Zarenreichs / Peasant girls in the Russian Empire (1909); Wikimedia commons

English Version

The dream of the simple life

On the song Kostroma, mon amour by Boris Grebenshchikov and the band Aquarium

In view of the not quite dreamlike conditions that our dream of technical progress sometimes brings about, we dream ourselves back to the simple, pre-civilisational life from time to time. Should we try to make the dream come true? A musical meditation by Boris Grebenshchikov

Kostroma, My Love

I don’t need rewards or laurel wreaths
and no sorceress to make my way.
The sweetness of spring and a life without lies –
that’s enough for me.
Oh Samara, my sister!

I see dishevelled flocks wandering
through the gardens of heaven.
Lies and deceit are drowned in holy water…
It breaks my heart, but a white swan
flows purifying through my blood.
Beyond the hills [the city of] Vladimir greets me,
below [the town of] Pokrov.

Above my head the struggle of sun and clouds,
a bird calling for his beloved.
Murmuring behind white walls
white-bearded longing from ancient times.
How lucky I am to be still alive!

I feel inebriated, like an archangel with a shawm,
pure in the dark, covered with scars in the light.
And above me I sense the heavenly navigator
gliding in fierce justice.
Oh Samara, my sister,
Kostroma, my love!

How I would love to live soberly and without haste!
But my restless soul is drawn out into the world.
Come on, pirates, get ready to board!
Oh Samara, my sister,
Kostroma, my love!

I don’t need rewards or laurel wreaths.
But can I build my stable in the realm of God?
If at least I had carved doors
and a lampshade with a lace pattern!
Oh Samara, my sister,
Kostroma, my love!

Boris Grebenschtschikow and the band Aquarium: Кострома mon amour; from the album of the same name, released in 1994

full album (Kostroma mon amour beginning at 18:00), with fitting pictures:

Live recording from 1993

In the Arms of Mother Volga

Kostroma, mon amour is a song about the dream of the simple life. Someone lies somewhere on one of the many islands or on the beach of Mother Volga and dreams up into the sky. Above him the clouds pass by the sun, now and then a bird calls, behind the white monastery walls a bell rings for prayer from time to time. Then the murmur of the monks penetrates the dreams of the one lying by the water.


So he feels the paradisiacal promise fulfilled, which is represented by the numerous monastery and church buildings located in the towns of the Golden Ring. This is particularly indicated by the reference to the cities of Vladimir, Pokrov and Kostroma. The latter also provides a connection to the much larger city of Samara. Both cities are located on the Volga, although about a thousand kilometres apart.
So how would it be, the dreamer thinks, if I always lived like this? After all, what is this restless pursuit of money and fame good for? Wouldn’t I be happier if I withdrew behind the walls of a monastery like the monks and turned my mind to the eternal in silent prayer? If, like the people of the countryside, I were to be content with what Mother Volga and the fields she fertilises offer me?

The Unattainable Paradise

A beautiful dream … But it remains nothing but a dream. There are two reasons for this expressed in the song. Firstly, the idea of a God-fearing and modest life is itself a cliché that has little to do with reality. A pure rural life no longer exists in the age of traffic arteries and high-speed roads.
Even the life in harmony with God is often only a kind of façade that is kept superficially clean by ritual washing with holy water. Hypocrisy and insincerity thus set the pace even in the seemingly perfect world of pious people.


Secondly, the person dreaming of a heavenly harmony in the arms of Mother Volga is obviously not made to lead a quiet, simple life. This is evidenced in particular by the description of the person’s own paradisiacal frenzy as that of an „archangel with a shawm“. It is as if the eternally restless shawm-player Pan had accidentally entered heaven for a moment
Thus, after a short devotion to the dream, the departure is immediately heralded again – appropriately enough with an old battle cry of the Volga pirates: The order „Сары́нь на ки́чку“ instructed the ship’s crew to assemble at the bow of the ship during raids so that the pirates could freely go on the prowl.
Modern man thus appears like a plunderer when he sniffs at the self-sufficient, peaceful life: He can scam a few hours or days there, but he can’t make himself permanently at home in the other world.

Genesis of the Song

The song’s genesis also corresponds to this: like the other songs on the album of the same name, it was not at all written in the remoteness of a Volga town or even behind the walls of a monastery. Instead, the songs were created „on the road“, during tours by Grebenshchikov and his band – Kostroma mon amour, for example, in Tel Aviv.
This underlines that the dream of the simple life here is a longing for something that is unattainable: a longing for a life that would again be characterised by the harmonious beauty of everyday peasant culture, to which the end of the song refers. And a longing for a life permeated by the divine, as indicated by the allusion to the swan – the symbol of divine love.
Grebenshchikov himself, by the way, does not seek divine harmony in the Orthodox faith, but in Tibetan Buddhism, which he began to study at the time he wrote Kostroma mon amour. Musically, this is noticeable on the album especially through the type of percussion instruments and the way they are used – while at the same time the songs take up elements of traditional Russian folk music and instrumentation.

About Boris Grebenshchikov

The song’s genesis also corresponds to this: like the other songs on the album of the same name, it was not at all written in the remoteness of a Volga town or even behind the walls of a monastery. Instead, the songs were created „on the road“, during tours by Grebenshchikov and his band – Kostroma mon amour, for example, in Tel Aviv.
This underlines that the dream of the simple life here is a longing for something that is unattainable: a longing for a life that would again be characterised by the harmonious beauty of everyday peasant culture, to which the end of the song refers. And a longing for a life permeated by the divine, as indicated by the allusion to the swan – the symbol of divine love.
Grebenshchikov himself, by the way, does not seek divine harmony in the Orthodox faith, but in Tibetan Buddhism, which he began to study at the time he wrote Kostroma mon amour. Musically, this is noticeable on the album especially through the type of percussion instruments and the way they are used – while at the same time the songs take up elements of traditional Russian folk music and instrumentation.


After intensively studying Buddhism since the early 1990s, Grebenshchikov met the Indian-born spiritual savant Sri Chinmoy in 2006, with whose disciples he gave a concert at London’s Royal Albert Hall, among others. He has also translated writings by the Tibetan lama Tulku Urgyen Rinpoche into Russian.

Another song by Boris Grebenshchikov in last year’s Advent calendar:
The hungry spirits and the liberated spirit. Boris Grebenshchikov and the band Aquarium: Kladbishche (Graveyard)

Bilder /Images:

Konstantin Juon (1875 – 1958): Sonnenuntergang an der Wolga; Nischni Nowgorod, Staatliches Kunstmuseum; Wikimedia commons
Konstantin Yuon (1875 – 1958): Sunset on the Volga (1911); Nizhny Novgorod State Art Museum; Wikimedia commons
Alexei Savrasov (1830 – 1897): The Volga (1874); Kaluga, Museum of Fine Arts; Wikimedia commons
Alexej Sawrassow (1830 – 1897): Die Wolga (1874); Kaluga, Museum der Schönen Künste; Wikimedia commons
Dreifaltigkeitskathedrale des Ipatios-Klosters in Kostroma (1652); Foto von Ghirlandajo, aufgenommen Weihnachten 2005 (Wikimedia)
Cathedral of the Hypatian Minster in Kostroma (1652); photo by Ghirlandajo, taken at Christmas 2005
Boris Grebenshchikov: photo posted by the artist himself on Wikimedia, 2014

Eine Antwort auf „Der Traum vom einfachen Leben / The dream of the simple life

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