Traurige Fortschrittseuphorie / Sad Euphoria of Progress

Zu dem Song Pjetschal‘ (Schwermut) von Viktor Tsoj und der Band Kino. Musikalischer Adventskalender, 5. Türchen / On the Song Pyetschal‘ (Gloom) by Viktor Tsoi and the Band Kino. Musical Advent Calendar, 5th Door

To the English Version

Die plötzliche Traurigkeit, die uns alle manchmal befällt, kann ihren Grund in uns selbst haben. Sie kann aber auch in der Angst vor den Folgen einer blinden, staatlich verordneten Euphorie begründet sein. Hierzu ein Song des legendären russischen Musikers Viktor Tsoj.

Schwermut

Über der kalten Erde
erhebt sich eine große Stadt.
Lichter brennen dort, und Autos hupen.
Und die Nacht wölbt sich über die Stadt,
und der Mond erhellt die Nacht,
leuchtend wie ein Tropfen Blut.

Dort steht mein Wohnhaus,
Licht dringt auf die Straße,
aus dem Fenster sieht man in die Ferne.
Woher kommt sie also, diese Traurigkeit?
Ich bin doch gesund und munter,
es fehlt mir an nichts –
warum dann diese Traurigkeit?

Um mich herum herrscht eitel Sonnenschein,
auch wenn alles dunkel ist.
Um mich herum ist alles wunderschön,
selbst in tiefster Finsternis.

Und alle schreien „Hurra!“,
alle schreiten froh voran.
Und müde quält sich über alledem
der neue Tag aus seinem Bett.

Dort steht mein Wohnhaus …

Виктор Цой (Viktor Tsoj): Печаль (Pjetschal‘); aus: Звезда по имени Cолнце (Ein Stern namens Sonne; 1989)

Albumfassung

Die Traurigkeit des Glücklichen

Viktor Tsojs Lied Pjetschal‘ (Traurigkeit/Schwermut) lässt sich zunächst auf jene scheinbar grundlose Traurigkeit beziehen, von der die meisten von uns dann und wann heimgesucht werden. Nicht selten überfällt sie uns ja gerade dann, wenn unser Leben rein äußerlich in geregelten Bahnen verläuft und uns vielleicht sogar eben erst besondere Glücksmomente beschert hat.
Was im ersten Augenblick unverständlich erscheint, offenbart bei genauerem Hinsehen durchaus eine gewisse Logik. Denn gerade in den Momenten des größten Glücks und äußeren Erfolgs drängt sich die existenzielle Tragik des menschlichen Lebens am stärksten in den Vordergrund: diese Tragik, die darin besteht, dass für uns nichts von Dauer sein kann und alles irgendwann verloren sein wird. So ist all unser Glück auf brüchigem Eis gebaut.

Materielle Freiheit, geistige Unfreiheit

Ein zweiter Blick auf Tsojs Lied offenbart dann allerdings noch eine weitere Bedeutungsebene. Das Bild einer Menschenmenge, die fröhlich voranschreitend „Hurra!“ schreit, weist, als Teil eines in der Sowjetunion entstandenen Liedes, deutliche Anklänge an den staatlich verordneten Fortschrittsglauben realsozialistischer Länder auf.
Dadurch fällt zwangsläufig ein Schatten auf den relativen materiellen Wohlstand, der im Text erwähnt wird. Elektrifizierung und ein Dach über dem Kopf machen eben nicht automatisch glücklich. Wenn dies mit der Uniformität realsozialistischer Plattenbauten bezahlt werden muss, bleibt letztlich doch ein Unbehagen zurück: das Unbehagen darüber, den Eigen-Sinn der eigenen Persönlichkeit nicht entfalten zu können, nicht selbst über sein Leben bestimmen zu können, materielle Freiheit mit geistiger Unfreiheit bezahlen zu müssen.
Der Blick in die Ferne, die das Fenster ermöglicht, ist somit wie ein Blick aus dem Gefängnis – in ein anderes, freieres Leben, das einem selbst verwehrt bleibt.

Misstrauen gegenüber Hurra-Patriotismus

Nun ist allerdings der Hurra-Patriotismus kein exklusives Kennzeichen realsozialistischer Staaten. Das Phänomen ist vielmehr auch für andere Länder, Kulturen und Epochen gut dokumentiert.
In Deutschland erinnert das Bild von Menschen, die in blindem Hurra-Geschrei voranschreiten, an die dunkelsten Epochen der Geschichte: an den Beginn des Ersten Weltkriegs und an die Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Passend dazu marschieren die Hurra-Rufer in Tsojs Lied ja auch durch die Finsternis: Die goldene Zukunft ist eine propagandistische Verheißung, die die faktische Düsternis der Gegenwart überdecken soll. So stand sowohl in der Sowjetunion als auch in Deutschland am Ende des blinden Marschierens der Untergang: im einen Fall der Zusammenbruch des Vielvölkerstaates, im anderen Fall die Katastrophen der beiden Weltkriege.

Beglückende Wachstumsideologie?

Blindes Voranschreiten ist darüber hinaus auch ein zentrales Kennzeichen des Fortschrittsglaubens, der eng mit der Wachstumsideologie verbunden ist. Auch hier wird das ständige Voranschreiten propagiert, das permanente Sich-selbst-Überholen der Wachstumsraten, das alle Probleme lösende Innovationspotenzial der Technik.
Und wie in der realsozialistischen Zukunftspropaganda und der hysterischen Vorkriegsekstase fühlen sich auch hier diejenigen allein, die nicht in den allgemeinen Fortschrittstaumel einstimmen, die angesichts der zerstörerischen Auswirkungen der Wachstumsideologie Zweifel hegen an deren alleinseligmachender Kraft.

Über Viktor Tsoj

Виктор Цой (Viktor/Wiktor Tsoj/Tsoi/Zoi/Coi) wurde 1962 als Sohn eines koreanischstämmigen Vaters und einer russischen Mutter in St. Petersburg (damals Leningrad) geboren. Er besuchte die Kunstakademie, musste diese aber wegen angeblich ungenügender Leistungen verlassen. Daraufhin verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Heizer in einem Wohnblock und verfolgte nebenher seine Karriere als Musiker.
Entscheidend für Tsojs späteren Erfolg war die Begegnung mit Boris Grebenschtschikow. Dieser hatte sich damals mit seiner Band Aquarium schon ein gewisses Ansehen erworben. So konnte er, nachdem er das Potenzial des zehn Jahre jüngeren Tsoj erkannt hatte, diesem zu den nötigen Kontakten verhelfen und ihn in seiner Entwicklung fördern.
Nachdem Tsoj 1982 andere Musiker um sich versammelt und mit ihnen die Band Kino (auf der zweiten Silbe betont) gegründet hatte, geriet er zunächst ins Visier der Zensur. Manche seiner Lieder wurden verboten, weckten aber gerade dadurch die Neugier des überwiegend jugendlichen Publikums.
Tsoj ließ sich durch den auf ihn ausgeübten Druck der Behörden allerdings keineswegs einschüchtern. Stattdessen äußerte er in seinen Texten immer unverblümter Kritik an den Verhältnissen in seinem Land. Dadurch – wie auch durch seinen authentisch-leidenschaftlichen Gesangsstil – wurde er bald zu einem Idol der Jugend.
Als die gegen ihn verhängten Verbote im Zuge der Perestroika aufgehoben wurden, entwickelte Tsoj sich zu einer Art sowjetischem James Dean. Er trat in Kinofilmen auf, seine Konzerte hatten den Charakter öffentlicher Manifestationen für eine neue Zeit, und seine Lieder wurden überall im Land von jungen Menschen nachgesungen.
Ungeachtet seines Erfolgs wurden Tsojs Texte mit der Zeit deutlich düsterer, und seine Musik wies eine zunehmend melancholische Grundierung auf. Sein letztes, erst nach seinem frühen Tod erschienenes und daher Tschornyj Album („Schwarzes Album“) getauftes Werk wurde denn auch von manchen als Vorausdeutung auf seinen Unfalltod im Jahr 1990 angesehen.
Tsojs früher Tod machte ihn endgültig zur Legende. Seine Songs sind als Klassiker der Popkultur unzählige Male gecovert worden.

Weiterer Song von Viktor Tsoj im Adventskalender 2019:
Viktor Tsoj / Kino: Pjerjemjen! („Veränderungen!“). Der Wandel – ersehnt und gefürchtet.

Tim Penn: Yuri Kasparyan (seated) and Viktor Tsoi (standing) photographed in 1987 during a concert in Leningrad. Kino während eines Konzerts in Leningrad, 1987; Source / Quelle:https://www.flickr.com/photos/8969412@N08/3656891530/in/set-72157604083936788/ (Wikimedia)

English Version

Sad Euphoria of Progress

On the Song Pyetschal‘ (Sadness) by Viktor Tsoi and the Band Kino

The song Pyetschal‘ (Sadness) by the legendary Russian singer Viktor Tsoi is about the sudden sadness that afflicts many of us from time to time. It can have its reason in ourselves – but it can also be rooted in the fear of the consequences arising from a blind, state-imposed euphoria.

Sadness

Above the cold earth
a big city towers up,
with burning lights and honking cars.
The night arches over the city,
and the moon lights up the night,
shining like a drop of blood.

Over there is my house,
light pours into the street,
from the window you can see into the distance.
So where does it come from, this sadness?
After all, I am alive and well,
I want for nothing –
so why do I feel so sad?

There is blissful sunshine all around me,
even when the world is dark.
Everything is delightful,
even in the deepest gloom.

And everyone shouts „Hooray!“,
all go forward joyfully.
And wearily above it all
the new day struggles from its bed.

Over there is my house …

Виктор Цой (Viktor Tsoi): Печаль (Pyetschal‘); from: Звезда по имени Cолнце (A star called the Sun; 1989)

Live

Album version

The Sadness of the Lucky One

Viktor Tsoi’s song Pyetschal‘ (Sadness/Gloom) can first of all be related to the seemingly unprovoked sadness that afflicts most of us from time to time. Not infrequently, we are attacked by it just when our lives are running smoothly on the surface and perhaps have just brought us special moments of happiness.
What seems incomprehensible at first glance reveals a certain logic on closer inspection. For it is precisely in the moments of greatest happiness and external success that the existential tragedy of human life comes to the fore most strongly: this tragedy, which consists in the fact that nothing can last for us permanently and everything will be lost at some point. So all our happiness is built on fragile ice.

Material Freedom, Spiritual Unfreedom

A second look at Tsoi’s song, however, reveals another level of meaning. The image of a cheerfully advancing crowd shouting “ Hooray!“, as part of a song written in the Soviet Union, has clear echoes of the state-imposed belief in progress of real socialist countries.
This inevitably casts a shadow on the relative material prosperity mentioned in the text. Electrification and a roof over one’s head do not automatically make people happy. If this has to be paid for with the uniformity of real-socialist concrete high-rises, what ultimately remains is a sense of unease: the unease of not being able to develop the intrinsic sense of one’s own personality, of not being able to determine one’s own life, of having to pay for material freedom with lack of spiritual freedom.
The view into the distance that the window makes possible is thus like a view out of prison – into another, freer life that is denied to oneself.

Distrust of Jingoism

Of course, Hooray Patriotism is not an exclusive characteristic of real socialist states. The phenomenon is also well documented for other countries, cultures and eras.
In Germany, the image of people blindly shouting „Hooray“ is reminiscent of the darkest epochs in history: the beginning of the First World War and the seizure of power by the National Socialists.
In keeping with this, the hooray shouters in Tsoi’s song march through the darkness: the golden future is a propagandistic promise that is supposed to cover up the actual gloom of the present. Hence, in both the Soviet Union and Germany, the blind marching ended in doom: in the first case, in the collapse of the multi-ethnic state, in the second, in the catastrophes of the two world wars.

Gratifying Growth Ideology?

Furthermore, blind marching forward is also a central characteristic of the virtually religious belief in progress, which is closely linked to the growth ideology. Here, too, constant moving ahead is propagated, the permanent self-surpassing of growth rates, the innovation potential of technology that solves all problems.
And as in the real-socialist future propaganda and the hysterical pre-war euphoria, those who do not join in the general progress frenzy, who, in view of the destructive effects of the growth ideology, have doubts about its sole-sanctifying power, also feel alone here.

About Viktor Tsoi

Viktor Tsoi was born in 1962 in St. Petersburg (then Leningrad) to a Korean father and a Russian mother. He attended the art academy, but had to leave it because of allegedly insufficient achievements. Thereupon he earned his living as a stoker in a block of flats and simultaneously pursued his career as a musician.
A decisive factor in Tsoi’s later success was his acquaintance with Boris Grebenshchikov. At that time, the latter had already gained a certain reputation with his band Aquarium. Grebenshchikov recognised the potential of the ten-year-younger Tsoj, helped him find the necessary contacts and supported him in his further development.
After gathering other musicians around him in 1982 and founding the band Kino (stressed on the second syllable) with them, Tsoi was initially in the sights of the censors. Some of his songs were banned, but precisely because of this they aroused the curiosity of the mainly young audience.
However, Tsoi did not let himself be intimidated by the pressure exerted on him by the authorities. Instead, he criticised the conditions in his country ever more bluntly in his texts. This – as well as his authentic, passionate singing style – soon made him an idol of the young generation.
When the bans imposed on him were removed in the wake of perestroika, Tsoi gradually became a kind of Soviet James Dean. He performed in films, his concerts had the character of public manifestations for a new era, and his songs were re-sung by young people all over the country.
Despite his success, Tsoi’s lyrics became much more gloomy over time, and his music exhibited an increasingly melancholic undertone. His last work, released after his untimely death and hence called Chornyj Album („Black Album“), was therefore considered by some as a foreshadowing of his accidental death in 1990.

Another song by Viktor Tsoj in the Advent calendar 2019:
Viktor Tsoi / Kino: Pjerjemjen! („Change!“). Transformation – desired and feared.

Bild / Image: Kalhh: Laufende Menschen vor einer Skyline / People walking in front of a skyline (Pixabay)

Eine Antwort auf „Traurige Fortschrittseuphorie / Sad Euphoria of Progress

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