Die Rache der Natur / The Revenge of Nature

Zu dem Lied Glædur (Die Glut) der isländischen Band Mammút / On the Song Glædur (The Embers) by the Icelandic Band Mammút

Musikalischer Adventskalender 2021, 4. Türchen / Musical Advend Calendar 2021, 4th Door

To the English Version

Wer die Natur kontrollieren möchte, entfesselt dabei womöglich unkontrollierbare Naturgewalten. Niemand weiß das besser als die Menschen in Island, wo aktive Vulkane und das Meer die Kraft der Natur tagtäglich vor Augen führen.

Die Glut

Meine salzigen Funken,
eine brennende Geißel für deine Stirn,
dein lasterhaftes Blut,
stechen in dein Gesicht.

Lass deinen Atem in mich zurückströmen,
Herr, gib mir die Macht, zu rächen,
lass meinen Atem die Luft entzünden,
lass mich den Ort verbrennen,
an dem wir gelebt haben.

Lass deinen Atem in mich zurückströmen,
Herr, gib mir die Macht, zu rächen.
Freudig werde ich, die Verräterin,
in der Stadt mein Lager aufschlagen
und Jahr um Jahr in deinem Rücken weiterbrennen.

Mammút: Glædur; aus: Komdu til mín svarta systir (Komm zu mir, schwarze Schwester; 2013)

Live-Aufnahme (Live recording, 2013)

Naturgewalten auf Island: das Meer und die Vulkane

Über 100 Vulkane gibt es auf Island. Sie sind durch etwa 30 unterirdische Vulkansysteme miteinander verbunden, deren Energie sich immer wieder in teils heftigen Ausbrüchen entlädt.
Wer auf Island lebt, hat also ein ganz anderes Bild von der Kraft der Natur als ein Mensch in Kontinentaleuropa. Verstärkt wird das Gefühl für die Naturgewalten dabei noch durch das Meer, dessen Kraft auf einer Insel ebenfalls viel stärker zu spüren ist als auf dem Festland.

Lava und Gischt: zwei Aspekte überquellender Naturgewalt

In ihrem Song Glædur (Die Glut) hat die isländische Band Mammút beide Aspekte von Naturgewalt in einem einzigen Bild zusammengefasst. Die Glut wird hier mit der Gischt, die alles verzehrende Kraft des Feuers mit der nicht minder zerstörerischen Kraft des Meeres zusammengesehen.
Interessant ist dabei, dass der Text aus der Perspektive der Natur geschrieben ist. Scheinbar aus der Zivilisation verdrängt, sammelt sie außerhalb von deren Toren ihre Kräfte zu einem Sturmangriff, der an die Gewalt der Vulkanausbrüche oder auch von Tsunamis denken lässt. So schlägt sie wieder Wurzeln inmitten der scheinbar gegen sie abgeschotteten Zivilisation und zersetzt sie von innen heraus, um sich selbst zu erneuern.

Wenn die Natur aus dem Gleichgewicht gerät

Das Lied legt so den Finger in die Wunde unserer Wachstumsgesellschaft, die noch immer so tut, als wäre die Natur eine nach Belieben ausbeutbare Ressource. Es verweist auf die Kipp-Punkte, jenseits derer das zerstörte Gleichgewicht der Natur zwangsläufig zu unumkehrbaren, für die menschliche Zivilisation schmerzhaften Entwicklungen führt.

Über Mammút

Die Band Mammút gründete sich 2003 zunächst als Trio – und zwar unter dem Namen ROK, wobei alle drei Bandmitglieder weiblich waren. Zeitgleich mit der ein Jahr später erfolgten Umbenennung in Mammút erweiterte sich die Band um zwei männliche Mitglieder.
2004 gewann die Band den Músíktilraunir (englischer Titel Icelandic Music Experiments, IME), einen bedeutenden Wettbewerb für isländische Nachwuchsbands. In der Folge wurde sie mehrfach bei den Icelandic Music Awards ausgezeichnet.
Musikalisch bewegt sich die Band zwischen Elektro-Pop sowie Alternative und Psychedelic Rock. Neben einigen wilderen und tanzbaren Stücken hat die Gruppe auch ein paar eher kontemplative Songs eingespielt.

Tipp: Über Vulkane in Island gibt es eine ausführliche, reich bebilderte Info-Seite von Nanna Gunnarsdóttir auf guidetoiceland.is.

Mehr Musik aus Island in: Nordische Musikkulturen, S. 53 – 63: Island: Punk und raunende Elfen (PDF).

Kellner, Alexander: Mammút at the Haldern Pop Festival 2017 (Wikimedia)

English Version

The Revenge of Nature

On the Song Glædur (The Embers) by the Icelandic Band Mammút

The embers

My salty sparks,
a burning scourge to your brow,
your vicious blood,
sting into your face.

Let your breath flow back into me,
Lord, give me the power to avenge,
let my breath ignite the air,
let me burn the place
where we have lived.

Let your breath flow back into me,
Lord, give me the power to avenge.
Joyfully I, the traitor,
will set up camp in the city
and keep on burning
year after year at your back.

Mammút: Glædur; from: Komdu til mín svarta systir (Come to me, dark sister; 2013)

Forces of Nature in Iceland: the Ocean and the Volcanoes

There are more than 100 volcanoes on Iceland. They are connected by about 30 underground volcanic systems, whose energy is discharged again and again in sometimes violent eruptions.
Those who live on Iceland therefore have a completely different image of the power of nature than people on the continent. The feeling for the forces of nature is intensified by the ocean, whose power is also felt much more strongly on an island than on the mainland.

Lava and Spray: Two Aspects of Overflowing Natural Force

In the song Glædur (The Embers), the Icelandic band Mammút combines both aspects of the force of nature in a single image: The embers are linked with the spray, the all-consuming power of the fire is associated with the no less destructive power of the sea.
An interesting thing about the text is that it is written from the perspective of nature. Ostensibly pushed out of civilisation, it gathers its forces outside the gates of the latter for a storm attack reminiscent of volcanic eruptions or tsunamis. In this way, nature takes root again in the midst of civilisation, seemingly sealed off against it, and decomposes the latter from within in order to renew itself.

When Nature Gets out of Balance

The song thus puts its finger in the wound of our growth society, which still pretends that nature is a resource that can be exploited at will. It draws attention to the tipping points beyond which the destroyed balance of nature inevitably leads to developments that are as irreversible as they are fatal to human civilisation.

About Mammút

The band Mammút was initially formed in 2003 as a trio under the name ROK, with all three band members being female. At the same time as the name was changed to Mammút a year later, the band expanded by adding two male members.
In 2004, the band won the Músíktilraunir (English title Icelandic Music Experiments, IME), a major competition for up-and-coming Icelandic bands. Subsequently, they won several prizes at the Icelandic Music Awards.
Musically, the band moves between electro-pop as well as alternative and psychedelic rock. In addition to some wild and danceable songs, the group has also recorded a few more contemplative songs.

Tip: A detailed, richly illustrated information page on volcanoes in Iceland (by Nanna Gunnarsdóttir) is available at guidetoiceland.is.

Bild /Image: David Mark: Island (Pixabay)

Eine Antwort auf „Die Rache der Natur / The Revenge of Nature

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