Der Frieden nach dem Weltuntergang / Peace after the End of the World

Zu Angelo Branduardis Lied La favola degli aironi (Das Märchen von den Reihern) / On Angelo Branduardi’s song La favola degli aironi (The Fairy Tale of the Herons)

Musikalischer Adventskalender 2021, erstes Türchen / Musical Advent Calendar 2021, First Door

To the English Version

Heute startet auf dem Literaturplaneten der musikalische Adventskalender 2021. Wie bereits angekündigt, wird er dieses Mal bis zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6./7. Januar nächsten Jahres dauern, dafür aber nicht jeden Tag ein Türchen aufweisen. Der erste Themenschwerpunkt betrifft unseren Umgang mit der Natur.

Das Märchen von den Reihern

Dort ist es,
wo die Erde sich herabgeneigt hat,
um all das aufzusammeln,
was die Zeit aufgegeben
und hinter sich gelassen hat.
Dort, wo der ruhelose Wind
an den Dünen nagt,
den Dünen mit dem Aschesand,
wo nun die Raben des Winters
sich niedergelassen haben,
dort ist es,
wo der Horizont verschwindet.

Dort ist es,
wo auch der letzte Samen
sich nicht mehr zur Frucht gehäutet hat.
Dort, wo die Erde vergessen hat,
dass vor so langer Zeit
der duftende Atem des Windes
die schillernden Flügel der Reiher benetzt hat,
dort, wo die Raben des Winters
nun alles verfinstern,
dort ist es,
wo der Horizont verschwindet.

Angelo Branduardi: La favola degli aironi; aus: Alla fiera dell’est (1976). Text von Branduardi und seiner Frau Luisa Zappa Branduardi

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1985 (Live recording from 1985

Albumfassung (Album version):

https://www.youtube.com/watch?v=wn9Vwvcbeb4

Die friedliche Apokalypse

Angelo Branduardi zeichnet in seinem Lied die Situation nach der vollendeten Apokalypse nach: Die Bäume tragen keine Früchte mehr, der weiße Sand der Strände ist von der Asche der untergegangenen Zivilisation durchtränkt.
Zusätzlich unterstrichen wird die Endzeitstimmung durch entsprechend apokalyptische Bilder. Im Vordergrund stehen hier natürlich die Raben, die als Todesboten den Himmel verfinstern und die schillernden Flügel der Reiher wie ein Märchen aus mythischer Vorzeit erscheinen lassen. Hinzu kommt der Wind, der wieder wie zu Anbeginn der Zeiten über die Erde weht. Statt dem verheißungsvollen Duft der Blüten verbreitet er nun die Klage über den Untergang der Welt.
Natürlich ist dieser pessimistische Ausblick mit getragenen Klängen unterlegt. Das Erstaunliche ist jedoch, dass die musikalische Untermalung der Apokalypse insgesamt eher eine friedliche, tröstende Stimmung ausstrahlt. Es ist fast, als würde die Erde, nachdem sie die Trümmer der menschlichen Zivilisation zusammengekehrt hat, aufatmen, dass sie nun ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufschlagen kann.

Die Erde und die Menschen: Wer braucht wen?

So ermahnt uns das Lied auch, unser eigenes Wohlergehen nicht mit dem des Planeten zu verwechseln, auf dem wir leben. Der Untergang unserer eigenen Welt ist eben nicht gleichbedeutend mit dem Untergang der gesamten Welt. In der Bildsprache des Gedichts ausgedrückt: Während unser Horizont verschwindet, tut sich zugleich wieder ein neuer Horizont auf.
Die Erde hat sich schon nach ganz anderen Katastrophen als der aus den Fugen geratenen menschlichen Zivilisation wieder neu erfunden. Nicht sie braucht uns – wir brauchen sie. Nur wenn wir wieder lernen, auf ihre Sprache zu hören und unser Leben auf die Eigengesetzlichkeit ihrer Entwicklung abzustimmen, werden wir aus unserer derzeitigen Krise herausfinden können.

Über Angelo Branduardi

Der 1950 geborene Cantautore erhielt am Genueser Konservatorium Niccolò Paganini eine Ausbildung als Violinist und studierte in Mailand Philosophie.
Internationale Anerkennung als Musiker erlangte er, als er in den 1970er Jahren Elemente der Folk-Musik mit traditionellen Lied- und Märchentexten verband. So basiert etwa eines seiner bekanntesten Canzoni, Alla fiera dell’est, auf dem jüdischen Pessah-Lied Chad gadja (Kleines Lämmchen). Auch Walther von der Vogelweides Gedicht Under der linden (Unter der Linde) hat Branduardi in einem gleichlautenden Lied (Sotto il tiglio) aufgegriffen.
Ein weiterer Schwerpunkt von Branduardi ist die Renaissancemusik, an die er in zahlreichen Stücken anknüpft. Die dazugehörigen Texte sind dabei teilweise explizit religiöser Natur. Dies gilt insbesondere für sein Album L‚infinitamente piccolo aus dem Jahr 2000, das dem Heiligen Franziskus gewidmet ist. In diesem Zusammenhang ist auch die „Kirchentour“ zu sehen, in deren Verlauf Branduardi 2014 in mehreren deutschen Gotteshäusern aufgetreten ist.
Durch die häufige Bezugnahme auf Märchen und Sagen klingen Branduardis Texte oft auch dann „märchenhaft“, wenn sie – wie La favola degli aironi – keinen expliziten Bezug zu volkstümlichen Quellen aufweisen. Verfasst worden ist der Text zu diesem Lied, wie auch in vielen anderen Fällen, als Gemeinschaftsprojekt des Musikers mit seiner Frau Luisa Zappa Branduardi.

English Version

Peace after the End of the World

On Angelo Branduardi’s song La favola degli aironi (The Fairy Tale of the Herons)

Today marks the start of the 2021 Musical Advent Calendar on Planet Literature. As already announced, it will last until the Orthodox Christmas on January 6/7, but will not offer a door every day. The first thematic focus concerns our interaction with nature.

The Fairy Tale of the Herons

There it is,
where the earth has bent down
to gather up all the things
that time has abandoned
and left behind.
There, where the restless wind
gnaws at the dunes,
the dunes with the ashy sand,
where now the ravens of winter
have settled down,
there it is,
where the horizon disappears.

There it is,
where even the last seed
hasn’t molted into a fruit.
There, where the earth has forgotten
that such a long time ago
the fragrant breath of the wind
moistened the iridescent wings of the herons,
there, where the ravens of winter
now darken everything,
there it is,
where the horizon disappears.

Angelo Branduardi: La favola degli aironi; from: Alla fiera dell’est (1976)

Lyrics by Branduardi and his wife Luisa Zappa Branduardi

Live recording from 1985:

https://www.youtube.com/watch?v=rfiGDCR46I0

Album version:

https://www.youtube.com/watch?v=wn9Vwvcbeb4

Peaceful Apocalypse

In his song, Angelo Branduardi depicts the situation after the ultimate apocalypse: The trees no longer bear fruit, the white sand of the beaches is permeated by the ashes of the vanished civilisation.
The atmosphere of the end of time is emphasised by correspondingly apocalyptic images. The clearest metaphor here is of course represented by the ravens, which darken the sky as messengers of death and make the iridescent wings of the herons seem like a fairy tale from ancient mythical times. In addition, the wind again blows across the earth as it did at the dawn of time. Instead of the promising fragrance of the blossoms, it now disseminates the lament about the downfall of the world.
As a matter of course, this pessimistic outlook is accompanied by subdued sounds. The amazing thing, however, is that the musical background of the apocalypse as a whole exudes a rather peaceful, comforting mood. It is almost as if Mother Earth, having swept up the rubble of human civilisation, is breathing a sigh of relief that she can now open a new chapter in her history.

Mother Earth and Humankind: Who Needs Whom?

Thus the song admonishes us not to confuse our own well-being with that of the planet we live on. The demise of our world is not synonymous with the demise of the entire world. To say it in the imagery of the poem: The very moment our horizon disappears, a new horizon will open up.
Mother Earth has already reinvented herself after much greater catastrophes than that of human civilisation running off the rails. She does not need us – we need her. Only if we learn again to listen to her language and tune our lives to the inherent laws of her development will we be able to find our way out of our current crisis.

About Angelo Branduardi

Born in 1950, the cantautore was trained as a violinist at the Niccolò Paganini Conservatory in Genoa and studied philosophy in Milan.
He gained international recognition as a musician when he combined elements of folk music with traditional song texts and fairy tales in the 1970s. For example, one of his best-known canzoni, Alla fiera dell’est, is based on the Jewish Pessah song Chad gadja (Little Lamb). Branduardi also took up the poem Under der linden („Under the Lime Tree“) by the minnesinger Walther von der Vogelweide in a song of the same title (Sotto il tiglio).
Another focus of Branduardi’s work is Renaissance music, to which he refers in numerous pieces. The accompanying texts sometimes have an explicitly religious nature. This is especially true of his album L’infinitamente piccolo from 2000, which is dedicated to St. Francis. His Church Tour, in the course of which Branduardi performed in several German churches in 2014, can also be seen in this context.
Due to the frequent references to fairy tales and legends, Branduardi’s lyrics often sound „fairy-tale-like“ even when – like La favola degli aironi – they do not explicitly go back to folk sources. The lyrics to this song, as in many other cases, were written as a joint project by the musician and his wife Luisa Zappa Branduardi.

Bilder /images: Hans Thoma (1839–1924): Wundervögel: 1892; North Carolina Museum of Art (wikimedia);
Richard Westall (1765–1836): Landscape – solitude; 1811; Art Gallery of New South Wales

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