Unpatriotischer Patriotismus / Unpatriotic Patriotism

Ein Gedicht über „Deutschland“/A Poem about „Germany“

English Version

Unser Poetry Day fällt in diesem Jahr mit dem deutschen Nationalfeiertag zusammen. Diese Gelegenheit nutzen wir, um ein vor zwei Jahren schon einmal veröffentlichtes Deutschland-Gedicht noch einmal ins Schaufenster zu stellen – dieses Mal ergänzt um eine englische Übersetzung und einen kurzen Autorenbrief zu dem Text.

„Deutschland“

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen Torwächtern,
die keine Ausnahmen machen,
den Gralshütern und Opferpriestern,
den Untoten, die immer härter werden,
weil nichts sie töten kann.

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen Musterschülern,
die keinen Zweifel kennen,
dem Volk der Folgsamen,
den mustergültig Ausführenden
für das Lob der Führenden.

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen Kriegern,
die im Unterholz lauern,
den Scharfschützen, die beschützen wollen
als Scharfrichter
mit eigenem Recht.

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen Weltmeistern,
die überall Besiegte sehen
und lorbeerumkränzte Spiegel,
die noch im Schmerzensschrei der Verlorenen
ein Loblied hören auf sich.

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen Gärtnern,
die keine Blumen kennen,
die Steine pflanzen und Hügel pfählen
über schwarzen, unausweichlichen Straßen
in ein leuchtendes Nichts.

Deutschland, mir graut vor dir.
Vor deinen geschlossenen Augen,
deinen verschlossenen Lippen
und deinen dreimal abgeschlossenen Herzen.

Deutschland und „Deutschland“

„Deutschland, mir graut vor dir“ – ein solcher Ausspruch verlangt in zweierlei Hinsicht nach einer Präzisierung.
Zunächst einmal sollte klargestellt werden, dass mit „Deutschland“ keineswegs unterschiedslos alles Deutsche gemeint ist. Die Anführungszeichen dienen hier vielmehr – wie in Kurt Tucholskys berühmter Gegenüberstellung seiner Vorlieben und Abneigungen (1) – der Abgrenzung zwischen zwei diametral entgegengesetzten Bezugsweisen auf das eigene Land.
Ohne Anführungszeichen ist Deutschland ein Land wie jedes andere, mit dem die hier Lebenden ein bestimmtes Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl verbinden mögen – wie Menschen in anderen Ländern auch. Mit Anführungszeichen erscheint „Deutschland“ dagegen überhöht zum Maßstab aller Dinge, zu einem Vorbild für alle anderen Nationen.

Das Ideal der inneren Abhärtung

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ (2) – das bedeutete für andere Länder eben allzu oft: Am deutschen Kriegswesen soll die Welt genesen. Dabei ist zum einen ganz konkret an Militär und Waffentechnik zu denken. Zum anderen lässt sich „Kriegswesen“ aber auch im Sinne von „kriegerisches Wesen“ verstehen, also als innere Haltung, die auch unabhängig von kriegerischen Handlungen das Alltagshandeln und -denken prägt.
Besonders plastisch wird diese Haltung ausgedrückt in dem Satz: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ – auch bekannt in diversen anderen furchteinflößenden Varianten wie beispielsweise: „Was mich nicht tötet, macht mich hart / härter / härtet mich ab.“ (3).
Der Satz klingt, als wäre er einem Lehrbuch für junge Rekruten entnommen. Er beschreibt den Prozess einer inneren Abhärtung als Folge erlittener seelischer Verletzungen und feiert die daraus resultierende Härte gegen sich und andere als vermeintliche Stärke. Diese besteht im Kern aus einer forcierten Zurückdrängung von Empathie und kritischer Reflexion des eigenen Handelns.
So ist eine solche Härte auch die Grundvoraussetzung für den unbedingten Gehorsam, der beim Militärdienst eingefordert wird. Im gesellschaftlichen Alltag kann aus diesem Kadavergehorsam eine Art generalisierter Befehlsnotstand werden, bei dem soziale Normen auch dann nicht hinterfragt werden, wenn sie der eigenen inneren Überzeugung oder allgemeinen Menschenrechten widersprechen. Dies ist derzeit etwa beim Abwehrkampf gegen Flüchtlinge oder auch bei der Forderung, die Natur auf dem Altar des „Klimaschutzes“ zu opfern, zu beobachten.
Derselbe Untertanengeist kann auch die Neigung fördern, sich Führern unterzuordnen, die die Bereitschaft zur unkritischen Gefolgschaft mit Heilsversprechen aller Art belohnen. Eben diese Neigung scheint in Deutschland besonders stark ausgeprägt zu sein. Selbst wenn – wie in der Studentenbewegung – ein Hauch von Umsturz durch unser Land weht, schauen wir uns immer sofort nach den Anführern der Bewegung um – was den umstürzlerischen Geist letztlich ad absurdum führt.

„Deutschland, mir graut vor dir“ = Mir graut vor mir

„Deutschland, mir graut vor dir“ – von einem Deutschen ausgesprochen, bedeutet dieser Satz natürlich immer auch: „Mir graut vor mir.“
In der Tat bin ich mir der kulturellen Schizophrenie, die mir in die Wiege gelegt worden ist, bewusst. Eben deshalb kann ich jedoch versuchen, sensibel zu bleiben für mein militaristisch-führertreues geistiges Erbe und es zurückzudrängen, wo immer es sich in meinem Denken oder Handeln bemerkbar macht.
Immerhin bleibe ich auch mit einem solchen Blick auf den eigenen inneren Zwiespalt ganz auf dem Boden der deutschen Geistestradition. Ich folge damit dem Stern Goethes, des deutschen Geistesheros par excellence: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (4).
Leider wird unser Dichterfürst aber gerade deshalb so gerne bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten zitiert, weil seine Aussprüche mittlerweile glattgebügelt sind wie die Bildzitate aus Gemälden, mit denen wir unsere Kaffeetassen schmücken. So wird die bipolare deutsche Seele viel zu selten in ihrem werwolfhaften Wesen thematisiert und problematisiert.
Die Folge ist, dass das abgehärtete, gnadenlose „Deutschland“ in den vergangenen Jahren wieder mehr und mehr die Oberhand gewinnt gegenüber seinem weicheren, nachdenklicheren Zwilling – mit der Aussicht, dass es irgendwann die Geschicke hierzulande wieder vollständig bestimmen könnte. Eben das ist es, wovor mir am meisten graut.

Nachweise

  1. Vgl. die Porträtskizze Kurt Tucholsky (1928) in: Tucholsky, Kurt: Panter, Tiger und andere. Berlin 1957: Volk und Welt.
  2. Der Satz beruht auf den Versen „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“. Diese stehen am Schluss des Gedichts Deutschlands Beruf von Emanuel Geibel aus dem Jahr 1861. Die „Genesung“ bezieht sich darin auf das deutsche „Staatswesen“, im Sinne eines einheitlichen deutschen Staates, durch den die damalige Zersplitterung der deutschen Territorien überwunden werden sollte. Im Zuge der kolonialistischen Politik des wilhelminischen Zeitalters wurde der Ausspruch dann in die imperialistische Doktrin einer „Heilung“ der Welt durch das deutsche Wesen umgedeutet.
  3. Die Redewendung geht auf einen Aphorismus Friedrich Nietzsches in der Götzen-Dämmerung (1889) zurück: „Aus der Kriegsschule des Lebens. – Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ (Sprüche und Pfeile, 1 – 10, Nr. 8). Dies deutet zwar bereits voraus auf die späteren Abwandlungen des Ausspruchs, die dessen soldatischen Charakter noch stärker akzentuierten. Bei Nietzsche ist  die „Kriegsschule des Lebens“ allerdings mehr im geistigen Sinne zu verstehen – als Zuwachs an geistiger Freiheit, der sich aus der von ihm postulierten Umwertung aller Werte und insbesondere der Absage an die christliche Metaphysik ergibt. Hiervon zeugt auch der unmittelbar vorausgehende Aphorismus:  „Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?“ (ebd., Nr. 7); Druckfassung: Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert (1889). In: Ders.: Werke in drei Bänden, Bd. 2, S. 943 f. München 1954: Hanser.
  4. Der Ausspruch bezeichnet bei Goethe das Dilemma seines Protagonisten, der zwischen reinem Erkenntnisstreben und der Hingabe an irdische Wonnen, wie sie ihm von Mephistopheles eingeflüstert wird, hin und her schwankt: „Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / die eine will sich von der andern trennen: / Die eine hält in derber Liebeslust / sich an die Welt mit klammernden Organen; / die andre hebt gewaltsam sich vom Dust, /zu den Gefilden hoher Ahnen“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1, Vers 1112 – 117. Tübingen 1808: Klett-Cotta).
Hawsky: Rose (Pixabay)

English Version

Unpatriotic Patriotism

A Poem about „Germany“

This year, our Poetry Day coincides with the German National Day (Day of German Unity). We are taking this opportunity to once again put a poem about „Deutschland“ in our „website window“ – this time supplemented by an English translation and a short author’s letter about the text.

„Germany“

Germany, I am terrified of you.
Of your gatekeepers,
who don’t know any exceptions,
the guardians of the Grail, the border priests,
the undead who get harder and harder,
because nothing can kill them.

Germany, I am terrified of you.
Of your model pupils,
who don’t know any doubt,
the leader lovers,
the exemplary executors
for the praise of the executioners.

Germany, I am terrified of you.
Of your warriors,
lurking in the undergrowth,
the sharpshooters who pretend to protect
as shark kings
with justice of their own.

Germany, I am terrified of you.
Of your world champions,
who see defeated people everywhere
and laurel-wreathed mirrors,
who even in the anguished cries of the lost
hear a song of praise for themselves.

Germany, I am terrified of you.
Of your gardeners,
who don’t know any flowers,
who plant stones and stake hills
over black, inescapable roads
into a throbbing nothingness.

Germany, I am terrified of you.
Of your shuttered eyes,
your locked lips
and your conscientiously closed hearts.

Germany and „Germany“

„Germany, I am terrified of you“ – such a statement requires clarification in two respects.
First of all, it should be made clear that „Germany“ does not include everything German indiscriminately. Rather, the inverted commas – as in Kurt Tucholsky’s famous juxtaposition of his likes and dislikes (1) – emphasise precisely the distinction between two diametrically opposed ways of referring to one’s own country.
Without inverted commas, Germany is a country like any other, with which those living there may associate a certain sense of home and belonging – just like people in other countries. With inverted commas, by contrast, „Germany“ appears inflated to the standard of all things, to a role model for all other nations.

The Ideal of Inner Hardening

„Am deutschen Wessen soll die Welt genesen“ („The world shall be healed by the German essence/spirit“; 2) – for other countries this has all too often meant: the world shall be healed by the German martial spirit. On the one hand, this refers concretely to the military and to weapons technology. On the other hand, „martial spirit“ can also be understood in the sense of „warlike nature“, i.e. as an inner attitude that shapes everyday actions and thinking independently of warlike actions.
This attitude is expressed particularly vividly in the phrase: „What doesn’t kill me makes me stronger“ (3). The phrase sounds as if it were taken from a textbook for young recruits. It describes the process of inner hardening as a result of emotional injuries and celebrates the resulting toughness against oneself and others as alleged strength. In essence, this consists of a forced repression of empathy and critical reflection on one’s own actions.
Such toughness is thus also the basic prerequisite for the unconditional obedience demanded in military service. In everyday society, this obedience can turn into a kind of generalised „Befehlsnotstand“, i.e., the supposed compulsion to obey orders under all circumstances. In this case, social norms are not questioned even if they contradict one’s own inner convictions or general human rights. This can currently be observed, for example, in the fight against refugees or in the demand to sacrifice nature on the altar of „climate protection“.
The same spirit of subservience can also fuel the tendency to submit to leaders who reward the willingness to uncritical allegiance with promises of salvation. This tendency seems to be particularly strong in Germany. Even when – as in the student movement – a breeze of upheaval blows through our country, we always immediately look around for the leaders of the movement – which ultimately reduces the subversive spirit to absurdity.

„Germany, I am terrified of you“ = I am terrified of myself

„Germany, I am terrified of you“ – uttered by a German, this sentence of course means at the same time: „I am terrified of me.“
Indeed, I am aware of the cultural schizophrenia that lies in my blood. Precisely for this reason, however, I can try to remain sensitive to my militaristic, leader-loving spiritual heritage and push it back wherever it becomes noticeable in my thoughts or actions.
After all, even with such a view of my inner conflict, I remain entirely on the ground of German spiritual tradition. I am thus following the star of Goethe, the German spiritual hero par excellence: „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust!“ („Two souls, alas! reside within my breast“; 4).
Unfortunately, however, our poet prince is quoted so readily on all possible and impossible occasions precisely because his sayings have become as smooth as the picture quotations from paintings with which we decorate our coffee cups. Thus, the bipolar German soul is far too rarely broached and questioned in its werewolf-like essence.
The result is that the hardened, merciless „Germany“ has again been gaining the upper hand more and more in recent years over its softer, more thoughtful twin – with the prospect that at some point it could once again completely determine the fate of this country. That is precisely what I am most terrified of.

References

  1. Cf. the portrait sketch Kurt Tucholsky (1928) in: Tucholsky, Kurt: Panter, Tiger und andere. Berlin 1957: Volk und Welt.
  2. The sentence is based on the verses „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“ („And it is the German essence / that once might heal the world“). These verses are at the end of the poem Deutschlands Beruf („Germany’s vocation“) by Emanuel Geibel from 1861. In this poem, „genesen“ („recover“) rhymes with „Staatswesen“ („state system“), thus pointing to a unified German state that would overcome the fragmentation of the German territories at the time. In the course of the colonialist policies of the Wilhelmine era, the saying was later reinterpreted into the imperialist doctrine of a „healing“ of the world through the German essence/spirit.
  3. The phrase goes back to an aphorism of Friedrich Nietzsche in his Götzen-Dämmerung („Twilight of the Idols“, 1889): „From the war school of life. – What does not kill me makes me stronger“ (Proverbs and Arrows, 1 – 10, no. 8). This already foreshadows the later variations of the phrase, which further accentuated its soldierly character. In Nietzsche’s case, however, the „war school of life“ is to be understood more in a spiritual sense – as an increase in spiritual freedom resulting from the re-evaluation of all values postulated by him and in particular from his rejection of Christian metaphysics. This is also evidenced by the immediately preceding aphorism: „‚Is man only a mistake of God? Or God only a mistake of man?“ (ibid., no. 7); Print version: Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert (1889). In: Nietzsche, Werke in drei Bänden (Works in three volumes), vol. 2, p. 943 f. Munich 1954: Hanser; work in Englisch translation: Nietzsche, The Twilight of the Idols Or, How to Philosophise with the Hammer).
  4. In Goethe’s work, the saying refers to the dilemma of his protagonist, who wavers between the pursuit of pure cognition and the indulgence in earthly delights as suggested to him by Mephistopheles: „Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / die eine will sich von der andern trennen: / Die eine hält in derber Liebeslust / sich an die Welt mit klammernden Organen; / die andre hebt gewaltsam sich vom Dust, /zu den Gefilden hoher Ahnen“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1, Vers 1112 – 117. Tübingen 1808: Klett-Cotta); „Two souls, alas! reside within my breast, / one wants to separate itself from the other: / one holds on to the world with clinging organs / in crude love-lust; / the other lifts itself violently from the dust, / to the realms of high ancestors“; complete work in English translation available at poetryintranslation.com.

Bilder (von links oben nach rechts unten):1. OpenClipart-Vectors: Enemy (Pixabay); 2. Loreley (Fotografie von Lienyuan Lee, eingestellt 2005 auf Wikimedia commons); 3. Gianmaria Visconti: Fotografie vom Mahnmal am Konzentrationslager Mauthausen/Österreich, 2002 (Wikimedia commons); 4. Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe (1828); München, Neue Pinakothek (Wikimedia commons); 5. Max Koner: Kaiser Wilhelm II. (1890; Wikimedia commons)

Picture credits (from top left to bottom right): 1. openClipart-Vectors: Enemy /Adolf Hitler (Pixabay); 2. Loreley (photograph by Lienyuan Lee, posted to Wikimedia commons in 2005); 3. Gianmaria Visconti: photograph of the memorial at Mauthausen concentration camp/Austria (Wikimedia commons, 2002); 4. Joseph Karl Stieler: Johann Wolfgang von Goethe (1828); Munich, Neue Pinakothek (Wikimedia commons); 5. Max Koner: Wilhelm II, German Emperor from 1888 to 1918 (1890; Wikimedia commons).

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