Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen) / Robert de Souza’s Cycle of Poems Du Trouble au Calme (From Turmoil to Tranquillity)

Ein dichterisches Ringen um inneren und äußeren Frieden / A Poetic Struggle for Inner and Outer Peace

Einführung zur überarbeiteten PDF mit Analyse und Nachdichtungen

English Version

1897 veröffentlichte der französische Dichter und Literaturkritiker Robert de Souza (1864 – 1946) den Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen). Der Zyklus ist heute aktueller denn je – denn er kreist um nichts anderes als um Fundament und Ermöglichungsbedingungen dauerhaften Friedens.

Ein unzeitgemäßer Gedichtzyklus?

Was der Symbolismus uns lehren kann

Der Frieden als zentrales Thema des Gedichtzyklus

Die Utopie innerer und äußerer Harmonie als Leitfaden unseres Handelns

Ein unzeitgemäßer Gedichtzyklus?

Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen), Ende des vorletzten Jahrhunderts entstanden, ist eindeutig symbolistisch geprägt. Dies mögen manche als unzeitgemäß empfinden.
Erscheint die Beschäftigung mit symbolistischer Literatur angesichts der im Krieg brennenden Welt nicht unpassend? Schließlich scheint der Rückzug aus der Welt, die Schaffung einer eigenen, vom Alltag unberührten Gegenwelt, doch ein zentrales Kennzeichen des Symbolismus zu sein. Und ist das denn in einer Situation, in der die am Abgrund stehende Welt unsere volle Aufmerksamkeit verlangt, eine adäquate Reaktion?
Ja und nein. Natürlich wäre es falsch, uns in unser Schneckenhäuschen zurückzuziehen, während draußen die Welt untergeht. Nur trifft es keineswegs zu, dass die Beschäftigung mit symbolistischer Literatur die Abkehr von der realen Welt impliziert.

Was der Symbolismus uns lehren kann

Zentrales Anliegen des Symbolismus ist es, das wahre Wesen der Dinge freizulegen. Es geht ihm zuallererst darum, unseren Blick zu schärfen und uns nicht mit den Schablonen zu begnügen, welche die tradierten Sicht- und Deutungsweisen den Dingen überwerfen.
Der Symbolismus lehrt uns damit zweierlei: genaueres Hinsehen und das Gewinnen von Distanz zu alltäglichen Wahrnehmungsmustern. Eben dies kann uns aber dazu verhelfen, das Grauen unserer gegenwärtigen Wirklichkeit in seiner ganzen Tragweite zu erfassen und mit aller Entschlossenheit darauf zu reagieren.
So gesehen, kann das, was zunächst wirklichkeitsfern zu sein scheint, gerade ein Impuls für handelndes Einwirken auf die Dinge sein. Manchmal ist es eben notwendig, die Dinge in anderer, verfremdeter Form zu sehen, um sie in ihrer Struktur zu erkennen. Und wie bei einem großen Gemälde in einem Museum kann es hilfreich sein, einen Schritt zurückzutreten, um das Tableau der Wirklichkeit in Gänze zu erfassen.

Der Frieden als zentrales Thema des Gedichtzyklus

Bei Robert de Souza und seinem Gedichtzyklus Du trouble au calme kommt noch etwas anderes hinzu. Der Zyklus kreist um ein Thema, das derzeit kaum aktueller sein könnte: um das Fundament des Friedens.
De Souza versteht Frieden nicht einfach als die Abwesenheit von Gewalt. Stattdessen beschreibt er Frieden als einen Zustand, in dem das Einssein des Menschen mit sich selbst sich mit einem Zustand äußerer Harmonie verbindet.
Beides hängt eng miteinander zusammen: Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann die der Natur innewohnende Harmonie als solche wahrnehmen und aus ihr heraus handeln. Und nur wenn äußere Harmonie herrscht, kann der Mensch zu sich selbst finden.
Vollständige innere und äußere Harmonie ist dabei ein idealer Zustand, der nur jenseits des Lebens möglich erscheint. Denn gerade das dynamische Wechselspiel aus Disharmonie und Harmonie, aus Zwietracht und Eintracht, aus Trennung und Vereinigung, treibt die Entwicklung des Lebendigen an.

Die Utopie innerer und äußerer Harmonie als Leitfaden unseres Handelns

Trotzdem ist es möglich, den Zustand einer vollständigen Harmonie, in der innerer und äußerer Frieden miteinander zusammenfallen, zum Leitfaden des eigenen Lebens zu machen. Es ist die Utopie, an dem wir unser Denken und Handeln ausrichten können, ja müssen, wenn wir in Frieden miteinander leben möchten.
Dafür, dass symbolistische Dichtung und soziales Engagement einander nicht ausschließen müssen, ist Robert de Souza selbst der beste Beweis. An seinem langjährigen Wohnort Nizza hat er sich für eine naturverträgliche Stadtentwicklung eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg war er in der Résistance aktiv.
Nach seinem Tod im Jahr 1946 ist sein dichterisches Werk weitgehend in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, wie ein genauerer Blick zeigt.

PDF

Musikvideo zu dem Gedicht Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne)

Weiteres Gedicht aus dem Zyklus

Le Saule (Die Weide)

An deinen Trauerweidentagen
streckst du aus der Höhe deines stolzen Glaubens
herab die langen, trauervollen Arme
zu den Herzen, den Kieselsteinherzen,
die haltlos über die Steilküste stürzen
ins Nichts,
eingeschlossen in ihre Hülle aus Schlamm.
Nichts kann sie aufhalten
und zur Sonne tragen,
um sie in Diamantenfunken zu verwandeln.
Und doch streckst du deine langen, trauervollen Arme
aus nach den haltlosen Herzen,
deine Trauerarme, die im Wind sich drehen,
leise in der Leere schwankend.

Claude Monet: Die große Weide bei Giverny, 1918

English Version

Robert de Souza’s Cycle of Poems Du Trouble au Calme (From Turmoil to Tranquillity)

A Poetic Struggle for Inner and Outer Peace

In 1897, the French poet and literary critic Robert de Souza (1864 – 1946) published the poem cycle Du trouble au calme (From Turmoil to Tranquillity). The cycle is more topical today than ever before – because it revolves around nothing other than the foundation and preconditions for lasting peace.

An Untimely Cycle of Poems?

What Symbolism Can Teach Us

Peace as a Central Theme of the Cycle

The Utopia of Inner and Outer Harmony as a Guide to our Actions

An Untimely Cycle of Poems?

Robert de Souza’s cycle of poems Du trouble au calme (From Turmoil to Tranquillity), written at the end of the 19th century, is clearly symbolist in style. Some may consider this to be out of time.
Doesn’t the preoccupation with symbolist literature seem inappropriate in the face of a world burning in war? After all, withdrawal from the world, the creation of a separate counter-world untouched by everyday life, seems to be a central characteristic of symbolism. And is that an adequate reaction in a situation where the world standing on the abyss demands our full attention?
Yes and no. Of course it would be wrong to retreat into our little shell while the world outside is collapsing. However, it is by no means true that a preoccupation with symbolist literature implies a withdrawal from the real world.

What Symbolism Can Teach Us

The central objective of symbolism is to uncover the true essence of things. It is first and foremost about sharpening our view and not limiting ourselves to the perspective provided by traditional ways of perceiving and interpreting things.
Symbolism thus teaches us two things: to look more closely and to gain distance from everyday patterns of perception. It is precisely this that can help us to grasp the horror of our present reality in its full dimension and to confront it with all our determination.
Seen in this light, what at first seems to be out of touch with reality can actually be an impulse for taking action. Sometimes it is necessary to see things in a different, alienated way in order to recognise their structures. And as with a large painting in a museum, it can be helpful to take a step back in order to comprehend the tableau of reality in its entirety.

Peace as a Central Theme of the Cycle

In the case of Robert de Souza and his cycle of poems Du trouble au calme, something else comes into play. The cycle revolves around a theme that could hardly be more topical at the moment: the fundament of peace.
De Souza does not see peace simply as the absence of violence. Instead, he describes peace as a state in which inner, spiritual concord is combined with a state of outer harmony.
The two aspects of peace are closely related. Only those who are at peace with themselves can perceive the harmony inherent in nature as such and act on the basis of it. And only when there is external harmony can we find the way to inner peace.
Perfect inner and outer harmony, however, represents an ideal state that only seems possible beyond life. For it is precisely the dynamic interplay of disharmony and harmony, of discord and concord, of separation and unification, that stimulates the development of the living.

The Utopia of Inner and Outer Harmony as a Guide to our Actions

Nevertheless, it is possible to make the state of perfect harmony, in which inner and outer peace coincide, the guiding principle of our own lives. It is the utopia to which we can, indeed must, orient our thoughts and actions if we want to live in peace with each other.
Robert de Souza himself is the best proof that symbolist poetry and social commitment do not have to be mutually exclusive. In his long-time place of residence, Nice in Southern France, he fought for an environmentally compatible urban development, and during the Second World War he was active in the Résistance, the French resistance movement against the National Socialist occupiers.
After his death in 1946, his poetic work was largely forgotten – unjustly, as a closer look shows.

PDF:   Robert de Souza’s Cycle of Poems Du trouble au calme (From Turmoil to Tranquillity). Analysis and Translation (German)

Music video to the poem Le sommeil des cygnes (The Sleep of the Swans)

Another Poem from the Cycle:

Le Saule (The Willow)

On your weeping willow days
you stretch out your long, sorrowful arms
from the height of your proud faith
to the hearts, the pebble hearts
that tumble helplessly over the cliffs
into the void,
enclosed in their shell of mud.
Nothing can stop them
and carry them to the sun
to turn them into sparks of diamonds.
And yet you stretch out your long, sorrowful arms
to the helplessly tumbling hearts,
your plaintive arms that implore the wind,
swaying softly in the void.

Bild: Collage aus: Signatur de Souzas; Georg Bumester: Brandung (1907); Amelie Lundahl: The Lake

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