Die unerfüllbare Sehnsucht nach Vollkommenheit / The Unfulfillable Longing for Perfection

Zu Stéphane Mallarmés Gedicht Soupir (Seufzer) / On Stéphane Mallarmé’s Poem Soupir (Sigh)

Der azurblaue Himmel, zum Greifen nahe und doch unnahbar – das ist in Stéphane Mallarmés Dichtung das Bild für das unerreichbare Ideal von Vollkommenheit.

English Version

Seufzer

Befleckt vom Sommersprossenglanz des Herbstes,
versinkt meine Seele, verschwiegene Schwester, an deiner Stirn
im flüchtigen Himmel deiner Engelsaugen
und steigt mit den träumenden Wasserspielen
aus leergeweinten Gärten auf in den Azur.
– In den Azur, besänftigt von der reinen Blässe des Oktobers
und seiner wissenden Wunde,
den verblutenden Blattgespinsten auf dem erstarrenden Fluss,
in den der Wind eine Frostfurche gräbt, umzittert
von einem letzten, langen Sonnenstrahl.

Stéphane Mallarmé: Soupir (Erstveröffentlichung 1866)

1866 schrieben Schüler an die Tafel eines Gymnasiums im südfranzösischen Tournon die Worte:

„Je suis hanté. L’Azur! L’Azur! L’Azur! L’Azur!“
(„Ich werde verfolgt. Der Azur! …“)

Es war der Schlussvers eines Gedichts von Stéphane Mallarmé, das kurz zuvor in einer Anthologie veröffentlicht worden war. Die auf den ersten Blick befremdlich wirkenden Worte lösten an der Schule einen Skandal aus.
Für einen Lehrer – Mallarmé unterrichtete an dem Gymnasium Englisch – galt es als unschicklich, derartige Verse zu verfassen. So wurde der Dichter der Schule verwiesen und musste seinen Dienst fortan in einer anderen Stadt (in Besançon) verrichten.
Was damals niemand wusste: Die Worte gehören zu den Schlüsselversen des geistigen Kosmos Mallarmés. Der „Azur“ ist eine zentrale Metapher für seine Dichtung.
Als Inbegriff des makellos blauen Himmels steht der „Azur“ in seiner Reinheit für ein den menschlichen Möglichkeitsraum übersteigendes Vollkommenheitsideal. Er ist gleichermaßen Sehnsuchtsziel und unerreichbares Gegenbild zur Vergänglichkeit des Alltags, Abbild des Erhabenen und Spiegel des Schrecklichen, im Sinne des den Menschen abweisenden Gleichmuts des Himmels.
Auch für den dichterischen Schaffensprozess ist die ambivalente Beziehung zum Idealen bei Mallarmé von zentraler Bedeutung. Das Gedicht Der Azur, aus dem der oben zitierte Vers stammt, verdeutlicht dies auf programmatische Weise.
Der Dichter strebt hier mit seinem „sehnsuchtsvolle[n] Geist“ nach einem adäquaten Ausdruck für die ‚gleichmütige Schönheit‘ des Azurs. Da das Erhabene die menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten grundsätzlich übersteigt, bleibt dieses Ziel jedoch unerreichbar für ihn.
Dennoch verfolgt der ‚bohrende Blick‘ des Azurs ihn überallhin: Er kann seiner Bestimmung, das Ideal ebenso zu benennen wie den „Riss im Himmel“, der den Menschen von diesem Ideal trennt, nicht entkommen.
In der Liebe bezeichnet der „Azur“ bei Mallarmé die Unerreichbarkeit des Ideals dauerhafter, vollkommener Vereinigung. Hierauf verweisen in Tristesse d’été („Traurigkeit des Sommers“; 1866) die Traumworte:

„Nie werden wir als eine Mumie ruhen
unter den glückseligen Palmen der alterslosen Wüste.“

Allerdings wird der Liebe, ebenso wie der Kunst, das Potenzial zugeschrieben, eine Ahnung von einem Leben in vollkommener Harmonie zu vermitteln. So träumen die Liebenden sich in Soupir (Seufzer) hinauf in den Azur, der in seiner Unendlichkeit eine tröstende Zuflucht bietet vor dem „jardin mélancholique“, dem melancholischen Garten des Herbstes.
Das Gedicht zählt mit Placet futile und Autre éventail zu den von Claude Debussy vertonten Trois poèmes de Stéphane Mallarmè.

Pierre-Auguste Renoir (1841 – 1919): Stéphane Mallarmé (1892); Paris, Musée d’Orsay

English Version

The Unfulfillable Longing for Perfection

On Stéphane Mallarmé’s Poem Soupir (Sigh)

Sigh

Stained by the freckle shine of autumn,
my soul, secret sister, sinks at your brow
into the fleeting sky of your angel eyes
and rises with the dreaming fountains
from empty weeping gardens into the azure.
– Into the azure, soothed by October’s pure pallor
and its knowing wound,
the bleeding webs of leaves on the congealing river,
in which the wind digs a furrow of frost, trembling
in a last, long ray of sunlight.

Stéphane Mallarmé: Soupir (first published in 1866)

In 1866, pupils wrote on the blackboard of a grammar school in Tournon in southern France the words:

„Je suis hanté. L’Azur! L’Azur! L’Azur! L’Azur!“
(„I am pursued. The Azur! …“).

It was the final verse of a poem by Stéphane Mallarmé that had been published shortly before in an anthology. The words, which at first glance seemed quite strange, caused a scandal at the school.
For a teacher – Mallarmé taught English at the grammar school – it was considered indecent to write such verses. So the poet was expelled from school and transferred to another town (to Besançon).
What no one knew at the time: the words are among the key verses of Mallarmé’s intellectual cosmos. The „azure“ is a central metaphor for his poetry.
As the epitome of the immaculate blue sky, the „azure“ in its purity stands for an ideal of perfection that is unattainable for human beings. It is both a goal of longing and an unreachable antithesis to the transience of everyday life, an image of the sublime as well as a mirror of the terrible, in the sense of the equanimity of the sky that repels humans.
Mallarmé’s ambivalent relationship to the ideal is also crucial for him with regard to the poetic creative process. The poem The Azure, from which the verse quoted above originates, illustrates this in a programmatic way.
Here, the poet strives with his „yearning spirit“ for an adequate expression for the ‚equanimous beauty‘ of the Azure. However, since the sublime exceeds human expressive possibilities, this goal remains unattainable for him.
Nevertheless, the ‚piercing gaze‘ of the Azure pursues him wherever he goes: he cannot escape his destiny to name the ideal as well as the „crack in the sky“ that separates him from this ideal.
In the sphere of love, the „azure“ denotes the inaccessibility of the ideal of permanent, perfect union. This is what the dream words in Tristesse d’été (Sadness of Summer; 1866) refer to:

„Never shall we rest as one mummy
under the blissful palm trees of the ageless desert.“

However, love, like art, is said to have the potential to convey a sense of a life in perfect harmony. Thus, in the poem Soupir („Sigh“), the lovers dream themselves up into the Azure, which in its infinity offers a consoling refuge from the „jardin mélancholique“, the melancholy garden of autumn.
Along with Placet futile and Autre éventail, the poem is one of the Trois poèmes de Stéphane Mallarmè set to music by Claude Debussy.

Claude Debussy. Soupir. Bariton:  Maurice Le Roux
Klavier / Piano: Noël Lee

Titelbild: William Merrit Chase (1849 – 1916): Oktober (wikiart.com)

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