Zeit-Sprünge / Time Jumps

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Der Blackout/10 / Diary of a Shadowless Man/2: The Blackout/10

Mit dem heutigen Eintrag endet der zweite Teil von Theos Tagebuchaufzeichnungen. Das Nachwort der Herausgeberin lässt allerdings vermuten, dass es eine Fortsetzung geben wird – vielleicht noch in diesem Jahr?

Today’s entry marks the end of the second part of Theo’s diary notes. However, the editor’s afterword suggests that there will be a sequel – perhaps even this year?

Freitag/Samstag, 6./7. Oktober, nachts

Gleich Mitternacht – aber an Schlaf ist natürlich nicht zu denken! War ja auch nicht anders zu erwarten nach dieser Bruchlandung.
Auch jetzt noch, nachdem ich alles noch einmal habe Revue passieren lassen, kann ich einfach nicht fassen, was passiert ist. Was für ein Reinfall! Was für eine Tragödie! Und das alles nur für einen dummen Lausbubenstreich – für einen kurzen Augenblick der Finsternis, der wahrscheinlich nicht das Geringste am Lauf der Geschichte geändert hätte!
Die PR-Strategen des Präsidenten haben es sich natürlich nicht nehmen lassen, den Zwischenfall propagandistisch auszuschlachten. Sie lassen verbreiten, dass es während der Rede des Präsidenten einen terroristischen Anschlag gegeben habe. Nur durch das „entschlossene Handeln“ der Sicherheitskräfte hätten die Pläne vereitelt werden können. Eine Terroristin habe „ausgeschaltet“ werden können, nach den übrigen werde mit Hochdruck gefahndet.
Mittlerweile bin ich mir sicher, dass die Geheimdienste im Vorfeld über unsere Aktion informiert worden sind. Anders hätten sie diese einfach nicht so punktgenau torpedieren können.
Wenn das stimmt, frage ich mich allerdings, warum die Aktion nicht schon im Vorfeld verhindert worden ist. Sollten wir etwa tatsächlich als nützliche Idioten dienen, mit denen vor laufender Kamera die Kriegsvorbereitungen legitimiert werden sollten?
Oder wollte man keinen Verdacht auf den Spitzel in unseren Reihen lenken? Sollte diese wertvolle Quelle nicht gefährdet werden? Will man über sie weiter Informationen über unsere finsteren Machenschaften abschöpfen? Schließlich kann Hervé ja nicht wissen, dass ich ihn in seiner Special-Agent-Aufmachung erkannt habe!
Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, dass nicht längst die Spezialkommandos hier im Kloster angerückt sind. Allerdings: Selbst wenn ich an diesem Ort sicher sein sollte – sobald ich mich draußen in der Welt bewege, könnte ich in das Räderwerk der Rasterfahndung geraten und in den zweifelhaften Genuss der VIP-Behandlung für Terroristen kommen. Für die Computer der Sicherheitsorgane bin ich ab sofort ein gemeingefährlicher Verbrecher.
Befinde ich mich damit nicht in exakt so einer Notsituation, wie sie George im Blick hatte, als er uns diese mysteriösen Zeitreisen-Uhren gegeben hat? Soll ich es also wagen, am Rad der Zeit zu drehen? Oder muss ich dafür erst warten, bis ich konkret angegriffen werde? Aber zeigt nicht Yvonnes Fall, dass es dann zu spät sein kann?
Natürlich kommt mir der Gedanke, einfach mal so in eine andere Zeit zu hüpfen, noch immer völlig abwegig vor. Andererseits – Schorsch und Lina sind ja nun einmal spurlos verschwunden. Dass sie ihren Verfolgern entkommen konnten, ist angesichts der gewaltigen Security-Armada in dem Bunker fast ebenso unwahrscheinlich wie eine Zeitreise.
Auch von Yvonnes Schicksal kenne ich ja nur die Version der Sicherheitsorgane. Dass die sich mit der „Liquidierung“ der Attentäterin brüsten, ist nicht verwunderlich. Aber könnte nicht auch sie ihre Finger im letzten Moment an die Notfalluhr bekommen haben? Ist es nicht denkbar, dass sie nur verletzt, aber eben nicht vollständig „ausgeschaltet“ worden ist?
Haben die drei also tatsächlich zum Sprung durch die Zeit angesetzt? Befinden sie sich irgendwo im tiefsten Mittelalter? Oder in einer unvorstellbar fernen Zukunft?
Um das herauszufinden, gibt es nur eine Möglichkeit: Ich muss die Uhr selbst ausprobieren. Ich muss sie anziehen und dieses mysteriöse Rouletterad an ihrem Rand in Gang setzen.
Noch liegt die Uhr vor mir auf dem Tisch. Gerade fällt ein Sonnenstrahl durch das Fenster und lässt sie leuchten wie eine auf der Erde gestrandete Sonne. Oder vielmehr: wie ein ganzes Universum voller Sonnen. Die Ziffern funkeln mich an mit der geheimnisvollen Aura unendlich weit entfernter Welten. Ein Zauber geht von ihnen aus, dem ich mich nur schwer entziehen kann. Je länger ich auf die Uhr starre, desto mehr nimmt sie mich auf in ihren Zahlenreigen, desto mehr habe ich den Eindruck, mich längst auf ihrem Karussell einer anderen Zeit entgegenzudrehen.
Soll ich ihren Verlockungen nachgeben? Soll ich es wirklich wagen, zum Flug durch die Zeit anzusetzen?

Nachwort der Herausgeberin

Mit diesen kryptischen Worten enden Onkel Theos Aufzeichnungen. Auch nach mehrmaligem Durchlesen des Tagebuchs wirft dieses für mich mehr Fragen auf, als es beantwortet. Vieles ist mir nach wie vor rätselhaft.
Eins ist mir beim Lesen der Aufzeichnungen allerdings klargeworden: Onkel Theo wird sich keineswegs immer auf Märkten und Messen aufgehalten haben, wenn er für ein paar Tage verschwunden war. Oft dürfte er stattdessen auch bei seinen Laienbrüdern und -schwestern Station gemacht haben.
Dies aber bedeutet für mich: Das Kloster, das diesen Dunkelmännern als Versammlungsort dient oder gedient hat, ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die Suche nach meinem Onkel. Wenn sich sein Verschwinden überhaupt jemals aufklären lässt, so liegt der Schlüssel dafür an diesem Ort.
Das Dumme ist nur: Ich habe keinerlei Vorstellung davon, wo das Kloster sich befinden könnte. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob es diese obskure Vereinigung überhaupt gegeben hat oder ob sie nur wieder einer von Onkel Theos Münchhausen-Phantasien entsprungen ist. Und doch bleibt mir nichts anderes übrig, als mich bei meiner Suche nach Onkel Theo darauf zu konzentrieren.
Vielleicht entdeckt ja irgendjemand da draußen beim Lesen dieser Aufzeichnungen etwas, das mir weiterhelfen kann. Irgendeinen unscheinbaren Anhaltspunkt, den ich womöglich übersehen habe. Nachdem ich dieses neue Lebenszeichen von Onkel Theo entdeckt habe, kann ich mich weniger denn je damit abfinden, dass er einfach spurlos verschwunden sein soll. So groß ist diese Welt ja nun auch wieder nicht. Irgendwo muss er einfach abgeblieben sein!
Also dann: Die Spurensuche ist eröffnet!

English Version

Time Jumps

Friday/Saturday, October 6/7, night

Almost midnight – but sleep is out of the question! Basically, I didn’t expect anything else after this crash landing.
Even now, after having reviewed everything, I still can’t believe what happened. What a disaster! What a tragedy! And all this for a stupid rascal prank – for a brief moment of darkness that probably wouldn’t have changed the course of history in any way!
Of course, the president’s PR strategists did not miss the opportunity to exploit the incident for propaganda purposes and spread the rumour of a terrorist attack during the president’s speech. Only thanks to the „decisive action“ of the security forces could the attack be foiled, the report says. One terrorist was „eliminated“, they claim, the others are being sought at full speed.
Meanwhile, I am sure that the secret services were informed about our plans in advance. Otherwise they simply could not have thwarted it so precisely.
If this is true, though, I wonder why the action was not prevented in advance. Were we really supposed to serve as useful idiots to legitimise the war preparations in front of the camera?
Or did they not want to draw suspicion to the spy in our ranks? Should this valuable source not be endangered? Do they want to use it to continue skimming off information about our sinister machinations? After all, Hervé cannot know that I recognised him in his special agent outfit!
This could also be the explanation for the fact that the special commandos have not already arrived in this monastery. However, even if I am safe in this place, as soon as I move out into the world, I could get caught in the dragnet of the police files and enjoy the dubious benefit of a VIP treatment for terrorists. For the computers of the security agencies, I am a dangerous criminal from now on.
Doesn’t that put me in exactly the same emergency situation that George had in mind when he gave us these mysterious time-travelling watches? So should I dare to turn the wheel of time? Or do I have to wait until I am specifically attacked before doing so? But doesn’t Yvonne’s case show that by then it may be too late?
Of course, the idea of jumping into another time just like that still seems completely absurd to me. But undoubtedly, Shorsh and Lina have disappeared without a trace. In view of the huge security armada in the bunker, it is almost as unlikely that they were able to escape their pursuers as that they fled to another time.
Even as far as Yvonne’s fate is concerned, I only know the security forces‘ version. That they boast about the „liquidation“ of the alleged terrorist is not surprising. But couldn’t she too have got her fingers on the emergency watch in the nick of time? Is it not conceivable that she was only injured, but not completely „eliminated“?
So have the three of them really set off on a flight through time? Are they somewhere in the deepest Middle Ages? Or in an unimaginably distant future?
There is only one way to figure it out: I have to try out the watch for myself. I have to put it on and set this mysterious roulette wheel on its edge in motion.
At the moment, the clock is still lying on the table in front of me. Just now a ray of sunlight falls through the window and makes it shine like a sun stranded on earth. Or rather: like a whole universe full of suns. The numerals sparkle at me with the mysterious aura of infinitely distant worlds. A magic emanates from them that I can hardly escape. The longer I stare at the clock, the more it absorbs me into its dance of numbers, the more I have the impression that I am already spinning on its merry-go-round towards another time.
Should I give in to its temptations? Should I really dare to step through the gate of time?

Afterword by the Editor

These cryptic words mark the end of Uncle Theo’s notes. Even after reading through the diary several times, it raises more questions for me than it answers. Many things are still mysterious to me.
However, one thing became clear to me while reading the diary: Uncle Theo did not always go to markets and fairs when he disappeared for a few days. Instead, he probably often stayed with his lay brothers and sisters.
From this I conclude that the monastery used as a meeting place by the „Disciples of Darkness“ is an important starting point in the search for my uncle. If his disappearance can ever be solved, the key to it lies in this place.
The trouble is: I have no idea where the monastery might be. I don’t even know if this obscure community ever existed or if it’s just another one of Uncle Theo’s tall tales. And yet I have no choice but to focus on it in my search for Uncle Theo.
Maybe someone out there reading these notes will discover something that can help me. Some inconspicuous clue that I may have overlooked. After discovering this new sign of life from Uncle Theo, I can less accept than ever that he should have simply disappeared without a trace. After all, compared to the universe, our world is just a marble, so there must be a way to find Uncle Theo.
Well then: The search for clues is on!

Bilder / Images: Willgard Krause: Fantasie-Uhr / Fantasy clock (Pixabay); Gerd Altmann: Zeitreisende / Time travelling woman (Pixabay)

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