Tagebuch eines Schattenlosen/2: Ein Gefängnistagebuch / Diary of a Shadowless Man/2: Prison Diary

1. Die Entführung / 1. The Abduction

Heute startet nun endlich der zweite Teil von Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen. Am Anfang steht ein Gefängnistagebuch. Dessen insgesamt acht Einträge werden täglich erscheinen – außer am Wochenende, das für den Poetry Day reserviert ist.

Today we finally launch the second part of Ilka Hoffmann’s Diary of a Shadowless Man. At the beginning we have a prison diary. Its total of eight entries will appear daily – except on the weekend, which is reserved for our Poetry Day.

Erster Teil des Tagebuchs eines Schattenlosen als Buch / First Part of the Diary of a Shadowless Man as eBook

Erster Teil des Tagebuchs eines Schattenlosen als PDF / First Part of the Diary of a Shadoless Man as PDF

English Version

Donnerstag, 3. August (1. Juli)

Der Raum, in dem ich eingesperrt bin, ist ungefähr drei auf drei Meter groß. Er ist in völlige Dunkelheit gehüllt. Um seinen Umfang abschätzen zu können, musste ich mich an der Wand entlangtasten. Boden und Wände bestehen aus einfachen Steinen, die glitschig sind und an einigen Stellen Moos angesetzt haben. Wahrscheinlich befinde ich mich also in einer Art Keller.

Die gesamte „Einrichtung“ besteht aus einem Stuhl und einem Laptop, vor dem ich gerade sitze. Er ist mit einer Kette an einem Eisenring befestigt, so dass ich ihn an keinen anderen Ort stellen kann. Die Datumsanzeige war bereits eingegeben, als ich ihn öffnete.

Da der Laptop in einer Ein­buchtung der Wand untergebracht ist, wird der Raum von seinem Licht kaum erhellt. Deshalb kann ich auch die Höhe meines Kerkers nicht abschätzen. Danach zu urteilen, wie meine Stimme gehallt hat, als ich um Hilfe gerufen habe, dürfte er ziemlich hoch sein, etwa wie ein Brunnenschacht.

Das Schlimmste ist, dass ich mich absolut nicht daran er­innern kann, wie ich hierher gelangt bin. Ich sehe mich noch, ein Eis in der Hand, an der Uferpromenade von Hadderstetten spazieren gehen, mich dann auf eine Bank setzen, aufs Was­ser blinzeln, wo die Nachmittagssonne auf ein paar Bootswellen funkelte – tja, und dann muss ich wohl eingeschlafen sein. Oder es hat mich jemand betäubt – aber wie? War in dem Eis etwas drin? Hat man mir geschickt von hinten eine Spritze in den Rücken gedrückt?

Wie auch immer, irgend­wann bin ich dann jedenfalls hier wieder aufgewacht, mit einer Art Kartoffelsack am Körper, der mir immer unange­nehmer ist, weil er sehr kratzig ist und sowohl meinen Angst­schweiß als auch den Modergeruch meines Kerkers wie ein Schwamm in sich aufsaugt.

Natürlich liest irgendjemand mit, während ich diese Zeilen in den Computer tippe. Warum tue ich das also? Vielleicht, weil ich hoffe, dass sich noch jemand anders in das System einloggen kann? Oder einfach aus unstillbarem Ausdrucks­drang?

Hallooo! Hört mich jemand???

Sehr geehrter Herr Gangster, wer immer Sie auch sind, teilen Sie mir doch bitte mit, was Sie von mir wollen. Ich bin zwar nicht sehr reich, aber ein annehmbares Lösegeld sollte ich doch zusammenbringen können.

Seit einiger Zeit bin ich bei der Bank wieder kreditwür­dig, und vielleicht könnten wir ja über einen Mittels­mann etwas arrangieren. 10.000 Euro sollten drin sein, lassen Sie uns das doch ganz offen besprechen – wir finden bestimmt eine Lösung!

Oder sind Sie einfach ein Perverser, der sich daran weidet, mich lang­sam zu Tode zu quälen?

O Gott, antworten Sie doch!!!

„Donnerstag, 3. August (1. Juli)“

Was soll das? Warum lassen die dasselbe Datum noch mal vor meiner Nase aufblinken?

Klar, irgendeine Bedeutung muss es haben – zumal es ja nicht nur einen, sondern gleich zwei Tage auf einmal bezeichnet. Das hätte mir in der Tat auch gleich auffallen können. Da bin ich in einem völlig dunklen Raum eingesperrt, mit nichts als einem Laptop darin, ich starte diesen Laptop, bekomme eine Seite mit nichts als einer seltsamen Da­tumsangabe darauf angezeigt – und denke mir gar nichts dabei.

Ja, Herr Gangster, da haben Sie natürlich Recht, wenn Sie mich noch einmal auf das Datum hinweisen, sehr aufmerksam, vielen Dank!

Leider kann ich mit dem Datum aber gar nichts anfangen – weder mit dem 1. Juli noch mit dem 3. August. Was soll am 1. Juli schon Besonde­res gewesen sein? Wenn ich zurückrechne, war das ein Samstag, Wochenende also, und sonst ist an dem Tag mei­nes Wissens auch nichts Weltbewegendes passiert.

Hat da vielleicht irgendjemand Geburtstag gehabt, den ich ken­nen müsste? Bezeichnet der Tag ein Jubiläum oder sonst etwas Feierliches?

Ein tolles Rumpelstilzchen-Rätsel haben Sie sich da ausgedacht, Herr Gangster! (Sie haben doch Humor, oder?)

English Version

The Abduction

Thursday, August 3 (July 1)

The room in which I am locked up measures about three metres by three metres. It is shrouded in complete darkness. I had to feel my way along the wall to estimate its size. The floor and walls are made of simple stones that are slippery and have moss on them in some places. So I am probably imprisoned in some kind of cellar.

The entire „furnishing“ consists of a chair and a laptop in front of which I am currently sitting. The latter is attached to an iron ring with a chain, so that I cannot put it anywhere else. The date display was already entered when I opened it.

Since the laptop is placed in a recess in the wall, the room is hardly illuminated by its light. That’s why I can’t estimate the height of my dungeon. Judging by the way my voice resounded when I called for help, it should be quite high, like a well shaft.

The worst thing is that I have absolutely no recollection of how I got here. I can still see myself, ice cream in hand, walking along the waterfront of Hadderstetten, then sitting down on a bench, squinting at the water where the afternoon sun sparkled on a few boat waves – well, and then I must have fallen asleep. Or someone drugged me – but how? Was there something in the ice cream? Did somebody cleverly push a syringe into my back from behind?

Anyway, at some point I woke up here again, with a kind of potato sack on my body, which is increasingly unpleasant to me because it is very scratchy and absorbs both my sweat of fear and the musty smell of my dungeon like a sponge.

Of course, someone is reading along as I type these lines into the computer. So why am I doing this? Maybe because I hope someone else can log into the system? Or simply out of an insatiable urge to express myself?

Hellooo! Can anyone hear me???

Dear Mr. Gangster, whoever you are, please tell me what you want from me. I am not very rich, but I should be able to raise a reasonable ransom.

The bank would certainly grant me a loan, perhaps we could arrange something through an intermediary. 10,000 dollars should be achievable, let’s discuss it openly – we’ll surely find a solution!

Or are you simply a pervert who delights in slowly torturing me to death?

Oh God, answer me!!! Please!!!

„Thursday, August 3 (July 1)“

What’s the matter with that? Why is the same date flashing in front of my eyes again?

Of course, it must have some meaning – especially since it refers to not just one, but two days at once. In fact, I should have noticed it right away. I’m locked in a completely dark room with nothing but a laptop in it, I start this laptop, look at a page with nothing but a strange date on it – and don’t give it a second thought.

Well done, Mr Gangster, you are of course right to point out the date to me once again, very thoughtful, thank you very much!

Unfortunately, the date doesn’t mean anything to me – neither July 1 nor August 3. What could have been special about July 1? If I calculate backwards, it was a Saturday, a weekend, and as far as I remember, nothing special happened on that day.

Was it perhaps someone’s birthday that I should be aware of? Does the day mark an anniversary or something else of major importance?

A great Rumpelstiltskin riddle you’ve come up with here, Mr. Gangster! (You do have a sense of humour, don’t you?)

Bilder / Images: Hendrik Frans Schaefels (1827 – 1904): Junger Gefangener in seiner Zelle / Young prisoner in his cell (wikimedia commons); Shakarina: Zelle der Burg von Calahorra / Dungeon in the castle of Calahorra (La Rioja / Nordspanien / Northern Spain; 2008, Ausschnitt/detail); wikimedia commons

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