Der Schattensensor / The Shadow Sensor

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Gefängnistagebuch, 2. Eintrag / Diary of a Shadowless Man/2: Prison Diary, Second Entry

Eingesperrt in sein Verlies, denkt Theo C. an die Geschehnisse der vergangenen Tage zurück. Wichtigstes Ereignis: die Erfüllung seiner Pflichten als Vermittler schattenloser Personen an Shadow Colours.

Locked in his dungeon, Theo C. thinks back to the events of the past days. The most important incident: the fulfillment of his duties as an intermediary of shadowless people to Shadow Colours.

Erster Teil des Tagebuchs eines Schattenlosen als Buch / First Part of the Diary of a Shadowless Man as eBook

Erster Teil des Tagebuchs eines Schattenlosen als PDF / First Part of the Diary of a Shadoless Man as PDF

English Version

Freitag, 4. August

„Bezeichnet der Tag ein Jubiläum oder sonst etwas Feierliches?“

Aha, ein kleiner Hinweis – sagt mir aber leider auch nichts.

Immerhin danke für den Tipp und das Brot – das gar nicht so trocken war, wie ich befürchtet hatte!

Ein Jubiläum also – aber was für eins? Ein privates? Oder eher ein öffentliches? Aber in welcher Beziehung stünde ich dann dazu? Und warum werde ich deswegen gekid­nappt?

Vielleicht rekapituliere ich am besten noch einmal, was in den letzten Tagen vor meiner Entführung passiert ist. Es wäre ja immerhin möglich, dass ich dabei auf Umstände stoße, die mich der Lösung meines Rätsels näher bringen. Also gehen wir einfach die letzte Woche noch einmal durch.

Bei der Arbeit war alles wie immer: Ich war jeden Tag gegen halb acht im Büro, habe dort erst mal Kaffee getrunken und bin dabei die von meinem Team neu abgeschlossenen Versicherungsverträge durchgegangen.

Die Vertragsabschlussrate war durchschnittlich, und auch unter den Verträgen selbst war nichts Außergewöhnliches – wenn man von dem Aussetzer des Kollegen F. absieht, dessentwegen ich am Donnerstag die außerordentliche Mitarbeiterversammlung einberufen habe.

Im Kern handelte es sich um ein Problem, das immer wie­der auftaucht: Kollege F. hatte einer Kundin Sonderkonditi­onen eingeräumt, obwohl die dafür vorgeschriebenen Indi­katoren nicht gegeben waren – also keine Erwartung künfti­ger Wertsteigerungen infolge beruflichen Aufstiegs der Kundin, Werbeeffekt bei vielversprechendem Bekannten­kreis, außergewöhnlich großer Familie etc.

Nichts von alledem traf zu. Die Kundin war schlicht geschäftstüchtiger gewesen als er. Sie hatte ihm etwas von einem bösen Ehe­mann-Wolf erzählt, der seiner Unterhaltspflicht nicht nach­komme, von der Schwierigkeit, als Alleinerziehende einen Job zu bekommen, kurz: sie hatte den Beschützerinstinkt in ihm aktiviert und ihn so dazu gebracht, ihr einen Tarif einzu­räumen, der in solchen Fällen nicht vorgesehen ist.

Wie gesagt, so etwas kommt immer mal wieder vor, aber bei dem Kollegen F. hatte es mich doch erstaunt. Er gilt bei uns als alter Hase, der sich nicht so leicht von bau­ernschlauen Kundinnen über den Tisch ziehen lässt. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Problems habe ich dafür kein Einzelgespräch anberaumt, sondern das gesamte Team zu einer Dienstbesprechung einbe­stellt.

Bei dem Meeting habe ich dann noch einmal darauf hingewiesen, dass alle Gespräche nach dem Prinzip der verkaufszentrierten Interaktion zu führen seien. Wer nicht bereit oder fähig sei, seine Kundenarbeit an der VZI auszurichten, solle sich rechtzeitig nach einem anderen Job umsehen.

Das Ganze war so natürlich doppelt peinlich für den Kollegen F., aber genau das hatte ich ja beabsichtigt. In diesem Fall ging es mir durchaus auch um die abschreckende Wirkung.

Das war im Büro aber auch der einzige besondere Vorfall in der letzten Woche. Abends und am Wochenende ist auch nichts Außergewöhnliches passiert: Am Dienstag hatte ich wie immer meinen Sportabend. Ich war zuerst eine halbe Stunde im Fitness-Studio, habe mich dort anschließend noch ein wenig massieren lassen und bin dann in den Tennisclub gefahren, wo ich mit B. verabredet war. Wir haben uns kurz eingeschlagen und dann ein Match mit zwei Gewinnsätzen gespielt, das ich 2 zu 1 gewonnen habe.

Danach sind wir zum Chinesen essen gegangen, wo es wegen der All-you-can-eat-Aktion mal wieder brechend voll war. Samstagabend war ich im Alexis, wie immer in der Hoffnung auf ein wenig erotisches Geknister. Leider hat sich aber nichts ergeben, weshalb ich mir zu Hause noch ein Glas Wein genehmigt habe und dann zu Bett gegangen bin.

Also auch hier: keine besonderen Vorkommnisse.

Viel­leicht sollte ich mal andersherum fragen: Wann war das letzte außergewöhnliche Ereignis in meinem Leben? – Ich würde sagen, vor etwa drei Wochen, als ich endlich auf ein geeignetes Objekt zur Erfüllung meiner Vermittlerpflichten gegenüber Shadow Colours gestoßen bin.

Zwar sind sie bei der Firma im Allgemeinen sehr geduldig. Letztes Jahr hatte man mir sogar einen vierwöchigen Aufschub gewährt, weil mir einfach kein Schattenloser über den Weg gelaufen und ich daher gezwungen war, mich gezielt auf die Suche nach möglichen Kandidaten zu begeben. Aber nach allem, was diese Leute für mich getan haben, wäre es mir doch peinlich gewesen, meinen Vermittlerpflichten schon wieder nicht fristgemäß nachzukommen.

Dementsprechend erleichtert war ich, als mein Schattensensor morgens auf dem Weg zur Arbeit anschlug und mir zu erkennen gab, dass sich in meiner unmittelbaren Umgebung ein Schattenloser befand. Ich griff sofort zum Handy, um meiner Sekretärin mitzuteilen, dass ich etwas später ins Büro kommen würde. Dann nahm ich die Witterung auf.

Nach einigen tastenden Versuchen, bei denen das Sensor­geräusch mal leiser, mal lauter geworden war, stieß ich end­lich auf meine Zielperson: eine schwarzhaarige Frau mittleren Alters, die sich betont unauffällig an den Häuserwänden entlangdrückte, freie Plätze mied und die Wege zwischen zwei Häuserfronten stets eilig überbrückte. Dieses Verhaltensmuster war mir nur allzu vertraut. Auch ohne den Sensor hätte ich erkannt, dass es sich hierbei um eine geeignete Zielperson handeln musste.

Ich griff also nach dem Thermoscanner, den ich – für den Fall der Fälle – immer dabei habe, und begann, das Objekt zunächst von hinten mit dem Gerät abzutasten. Dann schloss ich vorsichtig zu der Zielperson auf, um sie noch von der Seite und schließlich von vorne zu scannen. Letzteres ist besonders schwierig, weil man dabei das Gerät von hin­ten auf das Objekt richten muss, ohne sich umzudrehen. Aber ich hatte darin ja schon einige Übung, so dass ich den ganzen Vorgang problemlos zu Ende bringen konnte.

Zum Schluss musste ich nur noch auf die „Send“-Taste drücken, und schon wurden die Daten an Shadow Colours weitergeleitet. Ein paar Tage später bekam ich eine kurze Nach­richt von dort, in der man sich bei mir für den „interessanten Fall“ bedankte. Ein solches Extralob hatte ich noch nie bekommen. Angesichts der hervorra­genden Connections von Shadow Colours ließ das für die Zukunft einen weiteren Karrieresprung erwarten.

English Version

The Shadow Sensor

Friday, August 4

„Does the day mark an anniversary or something else of major importance?“

I see, a little hint – but unfortunately it doesn’t tell me anything either.

Anyway, thanks for the tip and the bread – which was not as dry as I had feared!

Okay, it’s about an anniversary – but what kind of anniversary?  A private one? Or rather a public one? But what would be my relationship to it? And why have I been kidnapped because of that?

Maybe I’d best recapitulate what happened in the last few days before I was abducted. After all, it’s possible that I’ll come across circumstances that will bring me closer to solving this riddle. So let’s just go back over the last week.

At work, everything was as usual: I was in the office every day at around half past seven, had some coffee and went through the new insurance contracts concluded by my team.

The contract conclusion rate was average, and there was nothing unusual about the contracts themselves – apart from the lapse of colleague F., because of which I had called the extraordinary staff meeting on Thursday.

In essence, it was a problem that comes up again and again: Colleague F. had granted special conditions to a client – a single mother –, although the required indicators were not given – i.e. no expectation of future increases in value as a result of the client’s professional advancement, advertising effect in the case of a promising circle of acquaintances, unusually large family, etc.

None of this was the case. The woman had simply been more businesslike than our representative. She had told him something about an evil husband-wolf who was not fulfilling his obligation to pay maintenance, about the difficulty of getting a job as a single parent, in short: she had activated the protective instinct in him and thus persuaded him to grant her a rate that is not intended for such cases.

Admittedly, anyone makes mistakes from time to time, but in this particular case I was astonished, after all. Colleague F. is considered an old hand in our company, someone who doesn’t let himself be fooled so easily by customers. Because of the fundamental importance of the problem, I did not arrange an individual conversation, but called the whole team in for a staff conference.

At the meeting, I pointed out once again that all conversations should be conducted according to the principle of sales-centred interaction. Anyone who was not willing or able to align their customer work to the SCI should look for another job in time.

This way, the whole thing was of course doubly embarrassing for colleague F., but that was exactly what I had intended. In this case, I was also aiming for a deterrent effect.

However, that was the only noteworthy incident in the office last week. In the evenings and at the weekend, nothing out of the ordinary happened: On Tuesday I had my usual sports evening. First I went to the gym for half an hour, then I had a little massage and finally went to the tennis club, where I had a date with B. We played a match with two winning sets, which I won 2 to 1.

Afterwards we had dinner at the nearby Chinese restaurant, which was pretty crowded because of the all-you-can-eat offer. On Saturday evening I went to the Alexis bar, as always hoping for a bit of erotic crackling. Unfortunately, nothing happened, so I had a glass of wine at home and then went to bed.

So here too: nothing special.

Perhaps I should ask the other way round: When was the last extraordinary event in my life? – I would say about three weeks ago, when I finally came across a suitable object to fulfil my intermediary duties to Shadow Colours.

It’s true that they are generally quite patient at the company. Last year, they even gave me a four-week reprieve because I just couldn’t find anyone without a shadow and was therefore forced to look specifically for possible candidates. But after all that these guys have done for me, I would have been embarrassed not to fulfil my intermediary obligations by the deadline one more time.

Accordingly, I was quite relieved when my shadow sensor buzzed on my way to work to let me know that there was a shadowless person in my immediate vicinity. I instantly reached for my mobile phone to tell my secretary that I would be a little late to the office. Then I picked up the scent.

After a few fumbling attempts, during which the sound of the sensor was sometimes fainter, sometimes stronger, I finally came across my target: a black-haired, middle-aged woman who pushed her way inconspicuously along the walls of the houses, avoided free spaces and always hurriedly bridged the paths between two building fronts. This pattern of behaviour was all too familiar to me. Even without the sensor, I would have recognised that this was probably a suitable target.

So I took the thermal scanner that I always have with me – just in case – and began to scan the object with the device, first from behind. Then I carefully closed in on the target to scan it from the side and finally from the front. The latter is particularly difficult because you have to point the device at the object from behind without turning around. But by now I already had some practice at this, so I was able to complete the whole process without any problems.

To finish the procedure, all I had to do was press the „Send“ button, and the data was forwarded to Shadow Colours. A few days later I received a short message from them thanking me for the „interesting case“. I had never been complimented in this way before. In view of Shadow Colours‘ excellent connections, I could expect a further career boost in the future.

Bilder / Images: Anne Worner:Bogeyman (Bösewicht); Wikimedia commons, Dezember 2014); Mohamed Hassan: Mitarbeitertraining / Employee Training (Pixabay)

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