Umschattetes Leben / A Shadowed Life

Rosalía de Castros Gedicht Negra sombra (Dunkler Schatten)Beitrag zum 185. Geburtstag der Dichterin am 21. Februar 2022 / Rosalía de Castro’s Poem Negra Sombra (Dark Shadow). Article on the occasion of the 185th birthday of the poetess on February 21

English Version

Das Werk der galicischen Dichterin Rosalía de Castro (1837 – 1885) weist oft einen melancholischen Grundton auf. Das hat auch etwas mit der sozialen Situation zu tun, die in ihrer Heimat zu ihren Lebzeiten vorherrschte.

Dunkler Schatten

Als ich, rätselhafter Schatten!
dich verschwunden wähnte,
fand ich mich in deiner Häme
bis zu den Haarspitzen verschlungen.

Wenn ich aufgelöst dich wähne,
grinst du aus dem Sonnenlicht mich an.
Finster funkelst du im Licht der Sterne,
dunkel flüsterst du im Wind.

Du hüllst in Moll ein jedes Lied,
in jeder Träne bebst du mit,
dein Mantel macht zum Styx den Fluss
und hüllt in Nacht die Morgenröte.

Du bist in allem. Alles bist du.
Fest wurzelst du in meiner Brust,
nie wirst du mich aus deinen Fängen
entlassen, rätselhafter Schatten!

Rosalía de Castro: Negra sombra (galicisches Original und spanische Nachdichtung von Juan Ramón Jiménez); Aus: Follas Novas (Neue Blätter, 1880)

Vertonung des Gedichts von Sheila Blanco (aus dem Album Cantando a las poetas del 27, 2019) / Musical setting by Sheila Blanco (from the album Cantando a las poetas del 27, 2019):

Melancholie und Nostalgie

Saudade und Fado

Negra sombra im soziohistorischen Kontext

Rosalía de Castro über das Unglück ihrer Heimat

Zur Vertonung des Gedichts durch Sheila Blanco

Links

Melancholie und Nostalgie

Die Melancholie ist die Schwester der Nostalgie, des wehmütigen Blicks auf eine glücklichere Vergangenheit. Wurzelt die Melancholie letztlich in der Sinnlosigkeit, mit der das Sterbenmüssen alles Tun umhüllt, so stellt die Nostalgie ihr ein sinnerfülltes Gegenbild gegenüber. Dieses utopische Irgendwann und Irgendwo, in dem das Ich ganz mit sich und der Welt im Reinen ist, ist freilich ebenfalls nur sehnsüchtig zu erahnen und in der Realität unerreichbar.
Meist handelt es sich dabei um eine idealisiert-unwirkliche Vergangenheit. Auf der religiösen Ebene entspricht dem das Paradies, aus dem die Menschen vor Urzeiten vertrieben worden sind. Auf der Ebene des einzelnen Daseins spiegelt sich das utopische Ideal in der Kindheit oder auch in einer vergangenen, rückblickend verklärten Liebesbeziehung.
Auf der Ebene der Geschichte sucht der nostalgische Blick den Idealzustand in einem Zeitalter bzw. einem Reich, in dem es vermeintlich allgemeinen Wohlstand, Frieden und ein Leben in Eintracht mit der Natur gab. Der Übergang von der mythischen Überhöhung einer konkreten Vergangenheit zur Beschwörung eines reinen Mythos – wie etwa im Falle von Arkadien oder Atlantis – ist dabei fließend.

Saudade und Fado

All diese Aspekte spielen auch in die „saudade“ hinein. Das portugiesisch-galicische Wort steht für einen Weltschmerz, der sich aus der Sehnsucht nach dem verlorenen Glück speist, bei gleichzeitigem Bewusstsein von der Unerfüllbarkeit dieser Sehnsucht.
Die Wurzeln der Saudade werden zuweilen in dem Untergang des portugiesischen Weltreichs vermutet, auf den nach 1580 eine 60-jährige Fremdbestimmung durch Spanien gefolgt war.
In der Tat mag der unmittelbare Übergang von einer glorreichen Nation, die über weite Teile der Welt gebot, zu einem Anhängsel einer anderen Nation eine traumatische Erfahrung gewesen sein, die sich als eine Art Ur-Trauma in die portugiesische Seele eingeschrieben hat. Als alleinige Erklärung für die Saudade reicht das jedoch nicht aus.
Dies zeigt auch der Bezug zum Fado, jener Musik, in der die Saudade gewissermaßen zum Klingen gebracht wird. Der Begriff „Fado“ nämlich ist eng mit dem lateinischen „fatum“ (Schicksal) verwandt. So scheint auch die Saudade allgemein um die Schicksalhaftigkeit des menschlichen Lebens zu kreisen, um die Unvermeidbarkeit von Schicksalsschlägen und Verlusterfahrungen und letztlich um die Dunkelheit, in der jedes Leben irgendwann unabänderlich mündet.

Negra sombra im soziohistorischen Kontext

Auf diese existenzielle Dunkelheit ließe sich auch der „dunkle Schatten“ beziehen, den Rosalía de Castro in ihrem gleichnamigen Gedicht beschwört. Die Dichterin selbst bietet im Vorwort zu ihren 1880 erschienenen Follas Novas (Neuen Blättern) – der Gedichtsammlung, in der sich auch das Gedicht Negra sombra findet – allerdings noch eine andere Erklärung für die Verdüsterung der Seele an, die aus diesen wie auch aus anderen Versen des Bandes spricht.
Demnach lässt sich hierfür auch eine konkrete, unmittelbar in der sozialen Realität ihrer Zeit wurzelnde Ursache anführen. Rosalía de Castro bezieht sich dabei explizit auf die soziale Not, die in den Dörfern Galiciens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschte. Ausgelöst wurde sie durch eine massive Landflucht, als Reaktion auf die Industrialisierung, die die bisherigen sozialen Strukturen auf dem Land erodieren ließ.

Rosalía de Castro über das Unglück ihrer Heimat

„Ganze Bücher könnten“, so die Dichterin, „über das ewige Unglück geschrieben werden, das uns (…) in unserem Land heimgesucht hat“. So könne auch sie nicht anders, als „die Leiden derer aus[zu]drücken, die ich (…) während so vieler Jahre in meiner Umgebung habe leiden sehen“. Gerade weil ihr „geliebtes galizisches Land“ ihr so sehr ans Herz gewachsen sei, leide auch sie, wann immer sie an ihre Heimat denke.
Das besondere Augenmerk der Dichterin gilt dabei den Frauen, die oft „von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“ auf den Feldern arbeiten müssten, um ihre Kinder zu ernähren. Hinzu komme bei vielen der Schmerz über die verlorenen Brüder, Ehemänner oder Geliebten, die ihnen durch Krankheit oder Emigration „entrissen“ worden seien.
Das Gedicht Dunkler Schatten erhält so neben einer allgemein-existenziellen auch eine konkrete soziale Bedeutung. Es muss damit im Zusammenhang mit dem konkret dem Leid der Emigration gewidmeten Gedicht Este vaise e aquel vaise gesehen werden, das in einem früheren Beitrag auf LiteraturPlanet vorgestellt worden ist (siehe Links).

Zur Vertonung des Gedichts durch Sheila Blanco

2019 veröffentlichte die spanische Musikerin Sheila Blanco (Jahrgang 1982) das Album Cantando a las poetas del 27. Darauf hat sie Werke von Dichterinnen der Generación del 27 (Generation von 1927) vertont.
Das Anliegen der Künstlerin war es dabei insbesondere, der in der spanischen Literaturgeschichte vorherrschenden Konzentration auf die männlichen Protagonisten dieser literarischen Bewegung etwas entgegenzusetzen.
Auf diesem Album findet sich auch die Vertonung des Gedichts Negra sombra von Rosalía de Castro. Diese war zwar selbst nicht Teil der Generación del 27, hat die von der Gruppe angestrebte Erneuerung der spanischen Lyrik durch die freieren Rhythmen in ihren Gedichten jedoch maßgeblich mit vorbereitet.
Hierzu passt auch, dass das Gedicht von Juan Ramón Jiménez ins Spanische übertragen worden ist – einem Autor, der von den Dichtern der Generación del 27 selbst als Vorbild angesehen wurde.

Rosalía de Castros Gedichtsammlung Follas Novas (1880) ist – in einer Ausgabe aus dem Jahr 1943 (Collección Dorna) – vollständig im Internet einsehbar. Das unter dem Titel Negra sombra bekannt gewordene Gedicht findet sich darin auf S. 52 (PDF-Zählung: S. 34), der Prolog der Dichterin auf S. 23 – 28 (PDF-Zählung S. 10 – 13); zitierte Passagen: S. 26 (PDF-Zählung: S. 12).

Sheila Blancos Album Cantando a las poetas del 27 kann vollständig auf Bandcamp angehört und heruntergeladen werden.

Zu Juan Ramón Jiménez hat es auf LiteraturPlanet vor einiger Zeit einen eigenen Beitrag gegeben: Symbolistischer Mystizismus. Der spanische Dichter Juan Ramón Jiménez, vorgestellt anhand zweier Gedichte: A mi alma (An meine Seele) und Es mi alma (Es ist meine Seele); 28. August 2021.

Weiterer Beitrag zu Rosalía de Castro: Dichterin der Saudade und der Emigration.

English Version

A Shadowed Life

Rosalía de Castro’s Poem Negra Sombra (Dark Shadow). Article on the occasion of the 185th birthday of the poetess on February 21

The work of the Galician poet Rosalía de Castro (1837 – 1885) often has a melancholic undertone. This has much to do with the social situation that prevailed in her homeland during her lifetime.

Dark Shadow

When I, enigmatic shadow!
thought that you had disappeared,
I found myself entangled in your malice
from my toes to the tips of my hair.

When I think that you’re dissolved,
you grin at me right from the sun.
Darkly you sparkle in the light of the stars,
your gloomy whisper fills the wind.

You colour every song in minor keys,
in every tear I feel your bitter scent.
Your cloak turns every river into a styx
and wraps the dawn in night.

You are in everything. Everything is you.
You are firmly rooted in my breast,
you never will release me
from your dark embrace, enigmatic shadow!

Rosalía de Castro: Negra sombra (Galician text and Spanish adaptation by Juan Ramón Jiménez); From: Follas Novas (New Sheets, 1880)

Musical setting by Sheila Blanco (from the album Cantando a las poetas del 27, 2019)

CONTENT

Melancholy und Nostalgia

Saudade and Fado

Negra Sombra in a Socio-historical Context

Rosalía de Castro on the Misfortune of her Homeland

On the Musical Setting of the Poem by Sheila Blanco

Links

Melancholy und Nostalgia

Melancholy is the sister of nostalgia, that wistful look at a happier past. While melancholy is basically rooted in the futility that surrounds everything in the face of death, nostalgia provides a meaningful counter-image. Admittedly, the nostalgian ideal, in which the ego is completely at peace with itself and the world, is only an imaginary one and is unattainable in reality.
Most of the time, the nostalgian dream refers to an idealised, unreal past. On the religious level, this corresponds to paradise, from which humans were expelled ages ago. On the level of individual existence, the utopian ideal is reflected in childhood or in a past love transfigured in retrospect.
On the level of history, the nostalgic gaze seeks the ideal state in an age or an empire in which supposedly general prosperity, peace and a life in harmony with nature prevailed. Obviously, the transition from the mythical exaltation of a concrete past to the evocation of a pure myth – as in the case of Arcadia or Atlantis – is fluid.

Saudade and Fado

All these aspects also play a role in „saudade“. The Portuguese-Galician word stands for a world-weariness that is fed by the longing for a past state of happiness, while at the same time being aware of the futility of this longing.
The roots of saudade are sometimes traced back to the fall of the Portuguese Empire, which was followed by 60 years of foreign domination by Spain after 1580.
Indeed, the immediate transition from a glorious nation that ruled over large parts of the world to a pure appendage of another nation may have been a traumatic experience, which inscribed itself in the Portuguese soul as a kind of primordial trauma. However, this is not sufficient to explain the saudade.
Proof of this can also be found in the connection to the fado, the song tradition in which the saudade is translated into music. The term „fado“ is closely related to the Latin „fatum“ (fate). Thus, the saudade also seems to generally revolve around the fatefulness of human life, around the inevitability of strokes of fate and experiences of loss, and ultimately around the darkness into which every life inexorably ends at some point.

Negra Sombra in a Socio-historical Context

This existential darkness could also be associated with the „dark shadow“ that Rosalía de Castro evokes in her poem of the same name. In the preface to her Follas Novas (New Sheets), published in 1880 – the collection of poems in which the poem Negra sombra is included – the poet herself, however, offers another explanation for the darkening of the soul that is expressed in these as well as in other verses of the volume.
According to these words, the all-encompassing gloom can also be associated with the social reality of her time. Thus, Rosalía de Castro explicitly refers to the social hardship that prevailed in the villages of Galicia in the second half of the 19th century. It was triggered by a massive rural exodus as a reaction to industrialisation, which caused the previous social structures in the countryside to erode.

Rosalía de Castro on the Misfortune of her Homeland

„Entire books could be written,“ the poet says, „about the eternal misfortune that has afflicted us (…) in our country“. So she, too, could not help but „express the sufferings of those whom I have seen suffer (…) during so many years in my surroundings“. Precisely because her „beloved Galician country“ had grown so close to her heart, the poet affirms, she also suffers whenever she thinks of her homeland.
Particular attention is paid by de Castro to the women who often have to work in the fields „from sunrise to sunset“ in order to feed their children. In addition, she emphasises, many of them felt pain over their lost brothers, husbands or lovers who had been „snatched away“ from them through illness or emigration.
The poem Negra sombra thus has a concrete social meaning in addition to a general existential one. Hence, it must be seen in the context of the poem Este vaise e aquel vaise, which is specifically dedicated to the sufferings associated with emigration. It was presented in an earlier article on LiteraturPlanet (see Links).

On the Musical Setting of the Poem by Sheila Blanco

In 2019, the Spanish musician Sheila Blanco (born 1982) released the album Cantando a las poetas del 27, on which she set works by female poets of the Generación del 27 (Generation of 1927) to music.
The artist’s main concern was to counter the concentration on the male protagonists of this literary movement that predominates in Spanish literary history.
This album also includes a musical setting of the poem Negra sombra by Rosalía de Castro. Although the poet herself was not part of the Generación del 27, she was an important contributor to the group’s efforts to renew Spanish poetry through the freer rhythms in her poems.
This is also supported by the fact that the poem was translated into Spanish by Juan Ramón Jiménez – an author who was regarded as a role model by the poets of the Generación del 27.

Rosalía de Castros Collection of poems Follas Novas (1880) is available – in an edition from 1943 (Collección Dorna) – in its entirety on the internet. The poem that became known under the title Negra sombra can be found on p. 52 (PDF count: p. 34), the poet’s prologue on pp. 23 – 28 (PDF count p. 10 – 13); quoted passages: p. 26 (PDF count: p. 12).

Sheila Blancos album Cantando a las poetas del 27 can be listened to and downloaded in full on Bandcamp.

Juan Ramón Jiménez was the subject of a separate article on LiteraturPlanet some time ago: Symbolist Mysticism. The Spanish poet Juan Ramón Jiménez, presented by means of two poems: A mi alma (To my soul) and Es mi alma (It is my soul); August 28, 2021.

Another article on Rosalía de Castro: Poet of the Saudade and Emigration.

Bilder /Images: Máximo Ramos López (1880 – 1944): Rosalía de Castro (Ölgemälde / Oil painting; 1914); rosaliadecastro.org; José Bouchet (1848 – 1919): Porträt von Rosalía de Castro mit ihrem Gedichtband Follas Novas (Neue Blätter); 1897 / Portrait of Rosalía de Castro with her collection of poems Follas Novas (New Sheets); 1897; Wikimedia commons

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