Françoiz Breut: Ma colère („Meine Wut“)

Der erloschene Zorn

In einer Welt des Hasses ist die Wut die natürliche Verbündete der Liebe. Denn gerade jene, die an die Utopie der Liebe glauben und von ihr zehren, können nicht anders, als auf die Herrschaft des Hasses mit permanenter Empörung zu reagieren.
Das Problem ist nur, dass die Alltäglichkeit des Hasses sehr schnell dazu führt, dass sich die Entrüstung über die von ihm nahe gelegten Umgangsformen abnutzt. Wer in der Welt des Hasses überleben will, muss sich bis zu einem gewissen Grad an seine Gesetze anpassen. Gewöhnungseffekte treten ein, das Herz stumpft ab. Dann gibt es auf einmal nur noch wenige Momente, in denen das Bewusstsein für die alten, auf der Utopie der Liebe beruhenden Ideale wieder erwacht.
in diesen seltenen Augenblicken kann man dann selbst nicht verstehen, wie man in einer Welt des Hasses leben kann, ohne gegen dessen Herrschaft aufzubegehren. Von einem solchen Augenblick handelt das Lied Ma colère („Meine Wut“) von Françoiz Breut.
Schon die betont ausdruckslose Vortragsweise der Sängerin verdeutlicht die thematisierte emotionale Austrocknung. Für das Verständnis des Liedes ist es darüber hinaus hilfreich, den Videoclip in die Deutung miteinzubeziehen. In diesem sind im Hintergrund Traumbilder zu sehen, die am Ende in Andeutungen staatlicher Gewalt münden. Das Du, das in der letzten Strophe plötzlich auftaucht, lässt sich so auf einen Staat bzw. eine Gesellschaft beziehen, die soziale Kälte fördern. Daneben könnte es natürlich auch auf eine konkrete Person hindeuten, von der sich das Ich emotional ausgebeutet fühlt.
Die 1969 in Cherbourg geborene Sängerin, die auch als Illustratorin von Kinderbüchern in Erscheinung getreten ist, entstammt der Nanteser Musikszene. Ihr musikalisches Debüt ist stark von ihrem langjährigen Lebensgefährten Dominique A beeinflusst, mit dem zusammen sie ihre ersten Lieder komponiert und produziert hat. Nachdem ihr erstes, 1997 veröffentlichtes Album insbesondere in der Independent-Szene für Furore gesorgt hatte, gelang ihr mit dem zweiten, im Jahr 2000 herausgebrachten Album der Durchbruch. In der Folge zog sie nach Brüssel um, wo 2005 ihr drittes Album erschien.

Videoclip

Liedtext

Übersetzung:

Meine Wut

Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, meine Wut?
Auf welche Böden habe ich sie ausgesät?
Welche Umwege haben bewirkt,
bewirkt, dass ich sie vergessen, vergessen habe?

Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen?
Nichts mehr gehört, nichts?
Niemand mehr, den ich zur Verantwortung ziehen kann,
niemand, dem ich mich entgegenstellen kann,
niemand, der mir missfällt,
wohin hat sie sich verflüchtigt?

Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, meine Wut?
Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen?
Nichts mehr gehört,
nichts mehr, das meine Nerven berührt?
Hast du sie mir vollständig genommen,
hast du sie zerstört, zerstört?
Hast du dieses Wenige, das ich besaß, an dich gerissen,
[dieses Wenige,] das ich mir bewahrt hatte, meine Wut?

 

Das Lied bildet eine thematische Einheit mit:

Émilie Simon: Le désert (“Die Wüste”). Die göttliche Liebe und die Liebe Gottes

OqueStrada: O teu murmúrio (Dein Murmeln). Die Allgegenwart der Liebe

Pauline Croze: T’es beau (“Du bist schön”). Das Wagnis der Liebe

 

Mehr französische Chansons:Das Nouvelle Chanson als Einladung zum „Slow Listening“. Historische Einordnung, Hörbeispiele, Übersetzungen

 

Bild: Colin Behrends: Brennende Hand (Pixabay)

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