Thomas Fersen: La chauve-souris (Die Fledermaus …)

… liebte einen Regenschirm

Lust auf ein dadaistisches Liedchen? O.k. …. Dann:  Spot an für den 1963 in Paris geborenen Thomas Fersen, einen Meister des Wortwitzes und der hintergründigen Sprachspiele!
In Fersens Chanson Une chauve-souris geht es um eine Fledermaus, die sich unsterblich rain-3524806_1920 (2) Bruno Glätschin einen Regenschirm verliebt. Damit bewegen wir uns hier natürlich irgendwo zwischen den Gattungen Kinderlied und Unsinnstext – wozu auch die anarchisch-folkloristische musikalische Untermalung passt. Daneben sind jedoch in dem Verhalten von Fledermaus und Regenschirm typische Muster erkennbar, die man spontan als „männlich“ oder „weiblich“ wahrnimmt: Der männliche Drang, sich als einsamer Wolf in das Weltgeschehen zu stürzen, wird der weiblichen Treue und Aufopferungsbereitschaft gegenübergestellt. Dadurch, dass diese Verhaltensmuster im Gewand einer scheinbar unsinnigen Beziehung präsentiert werden, gewinnt man Distanz zu ihnen und kann sie kritisch reflektieren.
Wie die Live-Aufnahme des Chansons zeigt, verfügt Fersen über ausgesprochene Entertainer-Qualitäten. Mittanzen ist erlaubt!

Thomas Fersen: La chauve-souris

aus: Qu4tre, 199

Live-Aufnahme

Albumfassung

Liedtext
 
Übersetzung:

Die Fledermaus

Eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm,
einen großen, schwarzen Regenschirm,
zerfetzt in der Nacht,
in verzweifelter Stimmung,
da alles an ihm abglitt.
Eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm.

Sie folgte ihrem Radar,
sie fand keinen Schlaf,
sie wollte etwas trinken gehen,
sich auf den Grund eines Brunnens werfen.
Eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm,
einen großen, schwarzen Regenschirm,
zerfetzt in der Nacht.

Ohne jemals etwas zu empfinden
für diese Fledermaus,
trat der große, schwarze Regenschirm
aus seiner Hülle heraus.
Unter seinem Flügel
behütete er die Schöne der Nacht,
die ihn am Boulevard Saint Marcel
mit Regen nährte.

Dann begab sich das große Utensil
auf eine Reise
in seinem schönen schwarzen Anzug,
seinem pechschwarzen Anzug.
Nach einigem Hin und Her
steckte ihn ein Schwertschlucker
in seinen Rachen,
um auch einmal zu scheitern.

Einem Akrobaten
diente er zum Balancieren,
ein Krawattenverkäufer
machte ihn zu seinem Teilhaber.
Dann breitete er sich über eine Dauerwelle,
dann breitete er sich aus,
weil es regnete in Nantes.

Eine Fledermaus,
diese Libelle der Nacht,
eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm.

Sie suchte das Vergessen
im Innern eines alten Landhauses,
wo sie vor Langeweile starb,
während der Regenschirm
auf dem Friedhof Père Lachaise
das Leben eines Stuhlbeins führte.

An einem Tag mit schlechtem Wetter,
an einem Tag mit schlechtem Wetter
schlug ihm ein plötzlicher Windstoß
die Füße weg.
Man ließ ihn wie tot liegen
in irgendeinem Rinnstein
mit dem Schnabel im Wasser.

Als sie sein Skelett sah,
das sich wusch
inmitten der Abfälle
und der vergammelten Lebensmittel,
jauchzte die Fledermaus:
„Das Glück ist mir hold!
Ich glaubte ihn verloren,
und nun ist der alte Knochen zurückgekehrt.“

Und sie lachte wie ein Walfisch,
heulte wie ein Sturzbach.
Eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm.
Sie gaben sich das Jawort
auf dem Dachboden des Rathauses,

Eine Fledermaus
liebte einen Regenschirm.

Mehr französische Chansons:Das Nouvelle Chanson als Einladung zum „Slow Listening“. Historische Einordnung, Hörbeispiele, Übersetzungen.

 

Bilder: Pixabay: Oberholzter Venita. Mosaik; Shell Brown: Bat; Bruno Glätsch: Regen

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