Émilie Simon: Le désert („Die Wüste“)

Göttliche Liebe und die Liebe Gottes

Gott ist die Liebe, heißt es. Man könnte den Satz auch umdrehen und sagen: Die Liebe ist göttlich.
Beide Sätze basieren auf derselben Empfindung: Die Liebe ist der einzige Weg, auf dem wir unserer existenziellen Einsamkeit, diesem Eingeschlossensein in uns selbst, entfliehen können. Die Liebe ist eine Brücke in ein anderes Sein. Wer sie betritt, ist aufgenommen in das große Ganze und kehrt heim in das Paradies, das in der frühen Kindheit die symbiotische Beziehung mit der Mutter repräsentierte.
Auf zwei Pfaden ist das Paradies der Liebe zu erreichen. Der eine führt direkt zu Gott. Er beruht auf einer so tiefen Versenkung in das Göttliche, das die Kraft der Liebe unmittelbar erfahrbar wird. Dies ist der Weg der Mystik.
Der andere Pfad geht von der irdischen Liebe aus. Diese wird dabei jedoch so intensiv erlebt, dass aus dem Aufgehen in der neuen Einheit, die aus der Liebe erwächst, ein Gefühl für das Göttliche, das einzelne Dasein überwölbende und umfassende Sein, entsteht. So geht die irdische hier in der göttlichen Liebe auf.
Zwei Beispiele für letzteren Weg finden sich hinter den Kalendertürchen des 25. und 26. Dezembers. Den Anfang macht heute Émilie Simons Chanson Le désert. Die „Wüste“ ist hier eine Chiffre für das eigene Innere, in dem das Bild des Geliebten „gezeichnet“ werden soll.
Hierin kann man natürlich zunächst den Wunsch erblicken, die geliebte Person im eigenen Herzen zu „verewigen“. Daneben eröffnen sich durch das Bild der Wüste jedoch auch Bezüge zur Literatur der Mystik. In dieser kann die Wüste sowohl ein Bild für die unermessliche Weite des göttlichen Seins sein, in der das Ich sich willentlich auflöst, als auch ein Bild für die Hingabebereitschaft selbst, also für die Leere des eigenen Inneren, die mit dem göttlichen Sein angefüllt werden bzw. es widerspiegeln soll.
Die mystische Konnotation des Chansons ergibt sich darüber hinaus auch aus seinem Schluss, an dem das liebende Ich „weiterreisen“ muss, während der Geliebte zurückbleibt. Da „Weiterreise“ hier gleichbedeutend damit ist, dass das das Ich zu „Asche“ wird, also als Synonym für das Ende der „Lebensreise“ erscheint, deutet sich hierin ebenfalls das vergängliche Dasein der Liebenden an, dem die unendliche Dauer des Gegenstands der Liebe sowie der Liebe selbst gegenübersteht. Im Videoclip zu dem Lied wird dies durch ein Blumenmädchen bebildert, aus dessen Körper Pflanzen sprießen – bis schließlich aus dem Nichts übergroße Hände auftauchen, die die Haut des Mädchens zunähen, also die Zeit der Blüte und des Wachstums beenden.
Émilie Simon, Tochter einer Pianistin und eines Toningenieurs, wurde 1978 in Montpel­lier geboren. Sie erhielt am dortigen Konservatorium eine Gesangsausbildung und stu­dierte anschließend an der Universität Montpellier Musikwissenschaft. In Paris setzte sie ihre Studien an der Sorbonne – in Alter Musik – sowie am Pariser Forschungsinstitut für Akustik und Musik (IRCAM) – in elektronischer Musik – fort. Ihr Debütalbum (Émilie Simon, 2003) wurde bei Publikum und Musikkritikern ein großer Erfolg und brachte ihr einen Victoire de la musique ein, die höchste musikalische Auszeichnung in Frankreich. Einen weiteren Victoire erhielt sie für ihre Musik zu dem Film La Marche de l’Empereur (dt. „Die Reise der Pinguine“, 2005). 2007 zog sie nach New York um, wo sie 2009 ein Album in englischer Sprache (The big machine) herausbrachte.

Lied (Videoclip) aus: Émilie Simon (2003)

Live-Aufnahme:

Text
 
Übersetzung:

Die Wüste

Oh mon amour, meine verwandte Seele,
ich zähle die Tage, ich zähle die Stunden.
Ich möchte dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

Oh mon amour, der Hauch deiner Stimme
macht mich glücklich, wohin ich auch gehe.
Lass mich dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

In der Nacht, die Nase am Fenster,
warte ich manchmal auf dich, und ich versinke
in einer Wüste, ja, in meiner Wüste.

Oh mon amour, mein Herz ist schwer,
ich zähle die Stunden, ich zähle die Tage.
Ich möchte dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

Oh mon amour, ich reise weiter,
ich habe diese Gegend verlassen,
ich verlasse dich, das war’s.

In der Nacht, die Nase am Fenster,
habe ich manchmal auf dich gewartet, und ich versinke …
Verstreut meine traurige Asche im Wind, im Wind.

 

Dieses Lied bildet eine thematische Einheit mit:

OqueStrada: O teu murmúrio (Dein Murmeln). Die Allgegenwart der Liebe

Pauline Croze: T’es beau (“Du bist schön”). Das Wagnis der Liebe

Françoiz Breut: Ma colère (“Meine Wut”). Der erloschene Zorn

 

Mehr französische Liebeslieder: L’amour des femmes. Weibliche Widerständigkeit in neueren französischen Liebesliedern.

 

Bild: Pezibear: Wüste (Pixabay)

2 Antworten auf „Émilie Simon: Le désert („Die Wüste“)

  1. Pingback: OqueStrada: O teu murmúrio (Dein Murmeln) – LiteraturPlanet

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