Eine Reise in die Welt des Flamencos

1. Getanzter Abschiedsschmerz: Die Sevillana El Adiós (Der Abschied)

Neue Reihe am Poetry Day

Am Poetry Day auf LiteraturPlanet tauchen wir ab sofort in die Welt des spanischen Flamencos ein. Am Anfang steht das Lied El Adiós (Der Abschied). Mit seinem melancholischen Text und seiner schwungvollen Melodie verweist es auf die emotionale Ambivalenz des Flamencos.

Podcast

Der Abschied

Immer stirbt etwas in deiner Seele,
wenn ein Freund ihr Haus verlässt.
Immer aber bleibt nach seinem Scheiden
auch ein Teil von ihm zurück in ihr.

Immer stirbt etwas in deiner Seele,
wenn ein Freund ihr Haus verlässt.
Unauslöschlich aber sind die Spuren,
die sein Geist dort hinterlässt.

So winke nur mit einem stillen Tuch
beim Abschied dem Scheidenden zu.
Der tröstende Umhang des Schweigens
ist weicher als das Schwert der Worte.

Zu einem Spielzeug, einem Funkeln
wird das Schiff im Schoß des Meeres.
Und wie es sich im Horizont verliert,
verlierst auch du dich in der Einsamkeit.

Nichts bleibt dir als des Meeres Leere,
die leere Hülle des entschwund’nen Freundes.
Du greifst danach – und sinkst hinab
in einen dunklen Brunnen ohne Grund.

Ein Freund, der von dir scheidet,
ist wie ein dunkler Brunnen ohne Grund.
So bleib doch! Scheide nicht!
Hörst du nicht, wie die Gitarre weint?

Manuel Garrido López: El Adiós Musik unter Beteiligung von Manuel García Gutiérrez. Lied erstmals 1975 als Single veröffentlicht, gesungen von der Band Amigos de Gines

Tanzvorführung zu dem Lied:

Live-Aufnahme mit den Amigos de Gines und einer Gruppe von Tänzerinnen:

Emotionale Ambivalenz des Flamencos

„Flamenco …“ Bei vielen wird das Wort wohl die Vorstellung einer feurigen Tänzerin auslösen, die sich in ihren bunten Kleidern vor einem südlichen Himmel dreht. In ihren Händen klappern Kastagnetten, ihre Füße fegen im Takt der Musik über den Boden, während von irgendwoher anfeuernde Rufe ertönen.

Wie obiges Video zeigt, ist das in der Tat keine ganz realitätsfremde Vorstellung. Allerdings würde der Text des Liedes, der darin gesungen wird, nicht unbedingt eine derart schwungvolle Musik und eine so ausgelassene Tanzdarbietung erwarten lassen.

Seine Begründung findet dieser Widerspruch darin, dass wir es hier mit einer „Sevillana“ zu tun haben – einer in Sevilla heimischen Spielart des Flamencos. Sie hat ihren Platz auf den dortigen Volksfesten, was ihren schwungvollen Charakter erklärt. Getanzt wird sie traditionell paarweise.

Dass das Gedicht von Manuel Garrido López (1924 – 2018) in diesen Kontext eingebunden ist, liegt nicht nur daran, dass der Autor selbst in Sevilla gelebt hat. Vielmehr hat er auch zahlreiche Texte für Sevillanas geschrieben und sich aktiv an der Pflege dieses Kulturguts beteiligt. Die Vertonung im Stil einer Sevillana und die beschwingte Aufnahme des Liedes durch die heute legendäre Flamenco-Gruppe Amigos de Gines („Freunde aus Gines“, einer in der Provinz Sevilla gelegenen Kleinstadt) entsprach daher ganz seiner künstlerischen Intention.

Der Flamenco als Ausdruck der Dynamik des Lebens

Als Teil der Fiesta wird das „Adiós“ des Liedes bei dortigen Aufführungen natürlich auf deren Ende bezogen. So lässt sich in diesem Fall auch die Fiesta als der Freund deuten, dessen Verlust – ob nur vorübergehend oder für immer, bleibt offen – der Text beklagt. Dies erklärt auch den Widerspruch zwischen traurigem Text und heiterem Lied: Am letzten Tag der Fiesta wird die Feierstimmung noch einmal in vollen Zügen genossen.

Das Lied vermittelt aber auch ganz allgemein einen ersten Eindruck von der Vielfalt des Flamencos. Es zeigt, dass dieser sich ebenso auf die Sphäre des Tanzes wie des Gesangs erstreckt und dass der Text auch unabhängig von Letzterem eine Wirkung entfalten kann. Daneben verweist die Musik auch bereits auf die tragende Bedeutung der Gitarre, der Tanz zusätzlich auf die rhythmusunterstützende Funktion von Händen und Füßen.

Vor allem aber führt das scheinbar unpassende Neben- und Miteinander von melancholischem Liedtext und schwungvollem Tanz ein zentrales Kennzeichen des Flamencos vor Augen: Dunkle und helle Seiten des Lebens kommen in ihm nicht nur gleichermaßen zum Ausdruck. Oft fließen sie auch unmittelbar ineinander und bringen so gewissermaßen die Dynamik des Lebens „zum Klingen“.

Der Flamenco als Gesamtkunstwerk

Mit der Erkenntnis, dass der Flamenco die dunklen ebenso wie die hellen Seiten des Lebens zum Ausdruck bringt, ist freilich noch nicht viel gewonnen. Wer den Schleier hinter dem Klischeebild des Flamencos zur Seite schiebt, wird sich vielmehr ein wenig wie Alice im Wunderland fühlen: Auf einmal tut sich eine ganz andere Welt auf, mit einer unendlichen Vielfalt an Ausdrucksformen für menschliche Schicksale und Emotionen.

Gesang, Tanz, Dichtung und instrumentale Darbietung können sich dabei gegenseitig in ihrer Wirkung unterstützen und zu einer Art Gesamtkunstwerk verschmelzen. Allerdings können einzelne Komponenten auch isoliert voneinander auftreten.

So werden ernstere Lieder – der so genannte „Cante jondo“ – oft lediglich als Gesang mit Gitarrenbegleitung, zuweilen auch a capella dargeboten. Auch sind keinesfalls alle im Stil des Cante jondo verfassten Gedichte vertont worden. Umgekehrt können die schwungvolleren Flamenco-Varianten auch als reine Tänze oder als virtuoses Gitarren-Solo ohne Gesang vorgetragen werden.

Dies zeigt: Die Welt des Flamencos ist ausgesprochen vielfältig. Auf unserer Reise durch diese Welt wird es also noch viel zu entdecken geben.

Über Manuel Garrido López

Manuel Garrido López (1924 – 2018) hat zunächst in Sevilla bei der Zentralbank gearbeitet, ehe er sich der Schauspielkunst verschrieb und als Autor von Theaterstücken für Kinder debütierte. Seit den 1960er Jahren engagierte er sich verstärkt für die Pflege der Sevillanas.

Er schrieb nicht nur zahlreiche Texte für diese Spielart des Flamencos, sondern förderte auch die Gründung von Gruppen, die Musik in diesem Stil machten. Seine enge Beziehung zum katholischen Glauben spiegelt sich wider in seiner Misa del Alba (Morgenmesse), deren abschließende Hymne ein fester Bestandteil der Wallfahrt nach Rocío in der Provinz Huelva geworden ist.

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