Zacharias Mbizo: Ukrainische Apokalypse
Ein Völkermord als Mord an einem „Brudervolk“. Das weckt Assoziationen an den biblischen Brudermord – und passt zu der archaischen Gewalt des russische Angriffs auf die Ukraine.
Bröckelndes Gebälk, einstürzendes Gestein … Nicht mehr lange, und das Haus wird über dir zusammenstürzen. Die Frage ist nur, ob du dann noch leben wirst oder ob die Belagerer, die jetzt das Haus stürmen, dich vorher erschossen haben werden.
Du fasst dir an die Schulter. Die Stelle, wo der Schuss dich getroffen hat, brennt und pocht, der Hemdfetzen darüber ist schon ganz durchtränkt von Blut. Das Gute daran: Das Rauschen in deinem Kopf macht dich von Minute zu Minute benommener, ein watteweicher Nebel hüllt dich ein, in dem dir Flügel wachsen, die dich langsam hinaustragen aus diesem finsteren Tal.
Dein Gehirn veranstaltet eine Art Tontaubenschießen. Ständig flattert ein neuer Gedanke vor dir auf, du musst genau zielen, um ihn zu treffen. Irinas Gesicht taucht vor dir auf, sie lächelt dir zu, bevor sie Natascha, euer Töchterchen, bei der Hand nimmt, um sie zur Schule zu bringen. Aber Natascha reißt sich los und drückt dir noch einen Kuss auf die Wange.
Du meinst, den Abdruck ihrer kleinen Lippen auf deiner bart-überwucherten Haut zu spüren, während du an die langen, unsicheren Fluchtwege denkst. Ob die beiden es wohl über die Grenze geschafft haben? Der Akku deines Handys ist schon seit Tagen leer, Strom ist wie ein Steinzeittraum von der Zukunft. Was mehr als einen Steinwurf entfernt ist, liegt auf einmal wieder in einer ganz anderen, unerreichbaren Welt.
Du tastest nach deinem Gewehr. Es liegt noch immer griffbereit neben dir auf dem Boden. Aber wirst du es mit deiner verletzten Schulter auch schnell genug in die Hand nehmen können, wenn die Angreifer kommen?
Du kauerst dich noch tiefer in die Nische zwischen dem umgekippten Schrank und der Wand, in die du dich zurückgezogen hast. Dein Gehirn vollführt weiter seine Fiebertänze. Jetzt zaubert es das Bild von Pawjel hervor, mit dem du in der frühen Kindheit so oft Verstecken gespielt hast – mit Vorliebe in alten, zerfallenen Häusern wie diesem hier.
Ausgerechnet Pawjel, denkst du, während der Nebel um dich her immer dichter wird; Pawjel, den eine Laune des Zufalls auf die andere Seite der Grenze geworfen hat. Wie er wohl jetzt über dieses Versteckspiel denkt, aus dem auf einmal tödlicher Ernst geworden ist?
Aber still – sind da nicht Schritte auf der Treppe zu hören?
Bröckelndes Gebälk, einstürzendes Gestein … Es ist völlig unsinnig, dieses Haus noch zu stürmen. Wer jetzt noch darin ist, wird ohnehin in Kürze unter seinen Trümmern begraben werden.
Aber je länger der Krieg andauert, desto mehr hast du dir abgewöhnt, die Befehle deiner Anführer zu hinterfragen. „Springen Sie ins Feuer!“ – „Jawohl, Herr General!“ – „Machen Sie einen Kopfstand, bevor Sie das Gewehr anlegen!“ – „Jawohl, Herr General!“ – „Denken Sie an Ihre Heimat, wenn Sie die fremde Heimat zerstören!“ – „Jawohl, Herr General!“
Und jetzt also: „Stürmen Sie das Haus, bevor es einstürzt!“ Gut, dann stürmst du halt. Vielleicht trifft dich aus irgendeinem Hinterhalt ein Schuss, vielleicht ist es genau umgekehrt. Es ist einfach eine neue Episode in diesem Russischen Roulette, das du Tag für Tag spielst.
Natürlich – du müsstest nicht mitspielen. Du könntest dem Zufall in den Arm fallen und den Schuss, den er für dich vorgesehen hat, aus freien Stücken wählen. Jetzt, hier, in diesem Moment könntest du mit dem Opfer deines eigenen Lebens das fremde Leben retten, das auszulöschen du im Begriff bist.
Aber dieser Gedanke existiert nur als gestaltloses Gefühl in dir. Als eine Schimäre, die du sogleich mit dem Gedanken abwehrst, dass dann eben ein anderer das Leben auslöschen würde, das du durch deinen Tod erlöst hast.
Der Krieg hat nun einmal seine eigene Dynamik. Eine Dynamik, in der das Zucken des Fingers am Abzug schneller ist als jeder Gedanke.
Mittlerweile hast du den oberen Treppenabsatz fast erreicht. Vorsichtig verlangsamst du deinen Schritt, damit das verräterische Knarren der Stufen nicht dein Todesurteil bedeutet.
Jetzt tastest du dich über den Flur, von dem zu beiden Seiten Wohnungen abgehen. Oder vielmehr: das, was einmal Wohnungen waren. Die Türen sind von der Wucht der Detonationen her-ausgebrochen worden, die Fenster sind nur noch klaffende Wunden, zwischen Schutt und Scherben sind hier und da noch die Trümmer einstiger Gemütlichkeit zu erkennen.
Mit vorgehaltener Waffe stellst du dich in jeden Wohnungseingang und gehst dann die Zimmerfluchten ab. Es ist, als würdest du bei Nacht über einen Friedhof gehen, immer in dem Bewusstsein, dass jeden Augenblick ein Geist aus einem Grab aufsteigen und dich in die dunkle Nacht hinabziehen kann.
Aber still – dort, in der Nische zwischen dem umgekippten Schrank und der Wand: Hat sich da nicht etwas bewegt? Versucht da nicht jemand, nach seinem Gewehr zu greifen und auf dich anzulegen?
Gerade möchtest du den tödlichen Schuss abgeben, da fällt ein Sonnenstrahl durch die Fensterhöhle – genau auf die Person, die dort hinten in der Ecke kauert und offenbar zu schwach ist, um ihr Gewehr aufzuheben.
Die Person hebt den Kopf, sie schaut dir direkt in die Augen, eure Blicke treffen sich, sie verflechten sich förmlich ineinander. Für einen kurzen Moment seid ihr nicht mehr zwei getrennte Existenzen, sondern ein einziges Dasein mit zwei Gesichtern, die durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden sind.
„Sergej?“ fragst du ungläubig.
„Pawjel?“ fragt der andere ebenso ungläubig zurück.
Langsam gehst du auf den am Boden Kauernden zu. Dein Gewehr, das du anfangs noch schussbereit in der Hand hältst, lässt du allmählich sinken. Als du den Verletzten erreichst, legst du es zur Seite und greifst nach dem Notfallset mit dem Verbandszeug, das du beim Eindringen in einsturzgefährdete Häuser immer bei dir trägst.
Entschlossen reißt du das blutdurchtränkte Hemd auf und drückst einen Mullverband auf die Wunde. Da der andere zittert – vielleicht vor Kälte, vielleicht im Fieberkrampf –, ziehst du deine Uniformjacke aus und legst sie ihm um die Schultern.
Dann setzt du dich neben ihn und holst die Feldflasche mit dem Wodka heraus. Du reichst sie ihm, zögernd greift er danach und führt sie zum Mund. Dann nimmst auch du einen Schluck.
Natürlich ist dir längst klargeworden, dass der Mann neben dir nicht Sergej ist – genauso wie du nicht Pawjel bist. Und doch ist jeder von euch für den anderen auf einmal der verlorene Freund aus Kindertagen.
Buch
Titelbild: Wilhelm Trübner (*Februar 1851 in Heidelberg; † 21. Dezember 1917 in Karlsruhe): Verwundeter französischer Soldat, 1871, . Deutsches Historisches Museum Berlin Der 19-jährige Wilhelm Trübner wurde durch die Einberufung seines Bruders im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 mit dem Kriegselend konfrontiert. In einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Weise malte er das Leid eines feindlichen Soldaten.