Ilona Lays Poetry Planet – ein poetischer Doppelplanet

Neues poetisch-interkulturelles Projekt auf LiteraturPlanet.

Einführung von Ilona Lay

Neue Rubrik auf LiteraturPlanet: Ab sofort präsentiert Ilona Lay jede Woche eines ihrer Gedichte. Parallel dazu erscheint eine englische Nachdichtung auf Planet Literature. Dazu gibt es hier eine Einführung der Dichterin zu dem Projekt. Nächste Woche startet dann am Poetry Day die bereits angekündigte Reihe zum spanischen Flamenco.

Erneuerungseffekt durch Vertonungen von Gedichten

Der Spiegel der englischen Sprache

Nachdichtungen: ein komplexer Brückenbau

Das kreative Potenzial von Nachdichtungen

Begründung für den Verzicht auf Reime

Rückwirkungen auf die deutschen Fassungen der Gedichte

Ein poetisch-interkultureller Dialog

Erneuerungseffekt durch Vertonungen von Gedichten

Im vergangenen Jahr habe ich zum ersten Mal mit einer Vertonung meiner Gedichte experimentiert. Das Ergebnis war für mich selbst verblüffend: Viele Texte habe ich dadurch auf völlig andere Weise wahrgenommen.

Zwar hatte ich einzelne Gedichte schon früher mit Musik unterlegt. Dabei waren Musik und Text allerdings voneinander getrennt geblieben: Die Texte wurden eingeblendet oder gelesen, während im Hintergrund die Musik lief.

Auch auf diese Weise hat die Musik natürlich in gewisser Weise die Stimmung grundiert. Erst durch den Übergang von der Lesung zum Gesang aber bilden Text und Musik eine organische Einheit. Erst dadurch gehen beide eine Art künstlerische Ehe ein, in der beide Elemente sich gegenseitig beeinflussen und in ihrer Wirkung unterstützen.

Der Spiegel der englischen Sprache

Mein poetisch-musikalisches Projekt hatte jedoch noch eine weitere Facette, durch die sich für mich ein zusätzlicher Verfremdungseffekt ergab: Die meisten Vertonungen bezogen sich auf die englischen Varianten der Texte. Zu dem Spiegel der Musik kam so noch der Spiegel einer anderen Sprache hinzu.

Der Grund für den Rückgriff auf die englische Sprache war, dass sich im Englischen vieles kürzer und prägnanter ausdrücken lässt als im Deutschen. Dadurch lassen sich die Texte leichter mit Musik verbinden.

Darüber hinaus ergibt sich durch diese Eigenart der englischen Sprache auch eine besondere Affinität zur Dichtung, die ja in ihrem Namen ebenfalls den Anspruch einer „Verdichtung“ der Sprache trägt. Nichts anderes geschieht denn auch, wenn beispielsweise eine vergleichende Bezugnahme zweier Bedeutungsebenen aufeinander in eine Metapher übertragen wird.

Nachdichtungen: ein komplexer Brückenbau

Nun lassen sich allerdings Gedichte nicht einfach von einer Sprache in eine andere übersetzen. Das liegt an dem Zusammenspiel von Plastizität und Verdichtung in der Poesie.

Gedichte erweitern den Möglichkeitsraum des sprachlichen Ausdrucks, indem sie Begriffskomplexe metaphorisch verdichten. Dabei spielen sie mit der Vielfalt der durch die einzelnen Begriffe ausgelösten Assoziationen. So ordnen sie das Bedeutungsfeld neu und eröffnen dadurch auch eine neue Sicht auf die Wirklichkeit.

In einer fremden Sprache lässt sich das aber kaum adäquat wiedergeben, da angesichts der unterschiedlichen Alltagswelten, kulturellen Hintergründe und historischen Prägungen formal ähnliche Begriffe oft mit gänzlich anderen Assoziationsfeldern verknüpft sind. Die sprachliche ist damit stets auch eine geistig-kulturelle Übertragung, ein Brückenbau von einer Lebenswelt in eine andere.

Zusätzlich erschwert wird dieser Prozess durch die unterschiedliche Klangqualität der Worte. Dies kann sich aus der Klangfarbe der Vokale, aber etwa auch aus der Silbenanzahl und -länge ergeben. Auch dadurch können dieselben Begriffe in zwei Sprachen unterschiedlich wahrgenommen werden.

Natürlich gibt es in Zeiten der Globalisierung auch immer mehr Begriffs- und Erfahrungsfelder, die in verschiedenen kulturellen Kontexten ähnlich konnotiert sind. Die metaphorische Verknüpfung der einzelnen Bedeutungsräume kann jedoch selbst dann in einer Sprache ganz andere Assoziationen auslösen als in einer anderen.

Das kreative Potenzial von Nachdichtungen

Was nach einem kaum zu bewältigenden Drahtseilakt klingt, kann in der Praxis allerdings auch eine befreiende Wirkung entfalten. Denn wenn jede Nachdichtung im Grunde eine Neudichtung ist, verleiht jede Übertragung eines Gedichts in eine andere Sprache dem Geist gewissermaßen Flügel. Sie setzt kreative Kräfte frei, die anders womöglich kaum zur Entfaltung gelangt wären.

Diese Erfahrung habe auch ich bei der Übertragung meiner Gedichte vom Deutschen ins Englische gemacht. Vielfach musste ich völlig andere Begriffe und Ausdrucksformen wählen, um Analogien für die in den Gedichten widergespiegelten Gefühls- und Gedankenkomplexe zu finden.

Dadurch habe ich oft selbst eine neue Perspektive auf diese Gefühls- und Gedankenwelten gewonnen. Manches habe ich durch den Spiegel der anderen Sprache besser durchdringen können. Die fremde Sprache hat mir in gewisser Weise dazu verholfen, mir selbst fremd zu werden.

Begründung für den Verzicht auf Reime

Als hilfreich habe ich es auch empfunden, dass ich für die Nachdichtungen auf Reime verzichtet habe. Im Rückblick habe ich den Eindruck, dass der Reim mir allzu oft Fesseln angelegt hat, mich also Ausdrucksweisen schlicht aufgrund des Wohlklangs hat wählen lassen, obwohl andere Ausdrucksformen vielleicht passender gewesen wären. Dabei ist „Wohlklang“ ja zumindest bei all jenen Gedichten, in denen sich der disharmonische Charakter der Welt spiegelt, ohnehin kein passendes Gestaltungskriterium.

Hinzu kommt, dass der Verzicht auf den Reim auch den anderen Charakteristika dichterischen Ausdrucks mehr Raum gibt – wie etwa den Assonanzen und Alliterationen, dem Rhythmus, der bedeutungsunterstützenden Verseinteilung und natürlich dem metaphorischen Sprechen. Dabei kann man sich auch ein Beispiel an der antiken Dichtung nehmen, in welcher der Reim ebenfalls kein zentrales Merkmal darstellte.

Außerdem ist der Reim heutzutage so stark in der Populärkultur verankert, dass seine Verwendung eher affirmativen Charakter hat. Viele Reime sind mittlerweile so abgedroschen, dass sie reflexhaft-kursorische Reaktionsweisen provozieren. Der Reim fungiert dabei als eine Art Schlüsselreiz, der unabhängig vom Inhalt des Textes bestimmte Emotionen auslöst.

So steht die Verpflichtung der Dichtung auf die Verwendung von Reimen heutzutage fast schon im Widerspruch zu dem vornehmsten Ziel der Dichtung: über sprachliche Erneuerung und neue sprachliche Bilder auch eine geistige Erneuerung zu ermöglichen.

Rückwirkungen auf die deutschen Fassungen der Gedichte

All diese Erkenntnisse haben mich dazu inspiriert, weitere Gedichte ins Englische zu übertragen. Aus den oben genannten Gründen musste ich dafür vielfach völlig neue Ausdrucksformen und Bilder wählen. Der eigentliche Kern des jeweiligen Gedichts – der Gedanke oder die Stimmung, aus denen heraus es sich entfaltet hat – sind dadurch jedoch unverändert geblieben. Für dieselbe dichterische Aussage ergaben sich somit teilweise gänzlich andere Ausdrucksformen.

In manchen Fällen war es – aufgrund der andersartigen Struktur der englischen Sprache – auch notwendig, die deutschen Gedichte zunächst umzuschreiben, um bei der Nachdichtung nicht deutschen Sprachmustern zu folgen. So ergaben sich auch für die deutschen Fassungen Ausdrucksvarianten – und das gleich in doppelter Hinsicht: zum einen durch den veränderten Ausgangstext für die Nachdichtungen und zum anderen durch den Prozess der Übertragung in die englische Sprache.

Dies hat mich in manchen Fällen dazu veranlasst, auch für die deutschen Gedichte neue Fassungen zu entwerfen. Diese sind dabei sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht von den Nachdichtungen beeinflusst – in letzterem Fall insbesondere durch den weitgehenden Verzicht auf den Reim.

Ein poetisch-interkultureller Dialog

Die Ergebnisse dieses poetisch-interkulturellen Dialogs könnten – so dachte ich mir – vielleicht auch für andere von Interesse sein. Deshalb gibt es ab sofort eine neue Rubrik auf LiteraturPlanet, die mit einer Rubrik auf dem englischen Nachbarplaneten – dem „Planet Literature“ – verknüpft ist.

Auf „Ilona Lay’s Poetry Planet“ erscheinen im einen Fall die deutschen, im anderen die englischen Gedichtvarianten. So lässt sich jeweils nachvollziehen, wie die Ausdrucksformen sich voneinander unterscheiden. Teilweise wird es auch zusätzlich neue Vertonungen von Gedichten geben.

Bild:Reimund Bertrams: Beta Lyrae (Pixabay)

Eine Antwort auf „Ilona Lays Poetry Planet – ein poetischer Doppelplanet

  1. Avatar von Mary Louise

    Mary Louise

    Das klingt nach einem spannenden Projekt. Vor allem die Ausführungen zu poetischen Nachdichtungen machen mich neugierig auf die Gedichte. Ich habe einige Gedichtbände mit Übersetzungen aus fremden Sprachen. Die Qualität ist extrem unterschiedlich. Ich lass mich überraschen was auf dem Planet so passiert 😉

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