Die unbotmäßige Stimme

Eine literarische Miniatur aus Zacharias Mbizos Textsammlung Die Ukrainische Apokalypse

In seiner Textsammlung zur „Ukrainischen Apokalypse“ entwirft Zacharias Mbizo eine Art literarisches Psychogramm des Krieges. Einer der Texte kreist um die Frage, ob der psychopathische Initiator dieses Krieges ein Gewissen hat – und was wohl geschähe, wenn dieses sich regen würde.

Mitten in der Nacht klopft es an deiner Schlafzimmertür. Wie ist das möglich, denkst du, seit wann darf denn der Zar nachts aus dem Bett geholt werden?

Verärgert drehst du dich auf die andere Seite, fest entschlossen, das Klopfen zu ignorieren. Aber es hört einfach nicht auf. Na gut, sagst du dir, das muss wohl doch etwas Wichtiges sein. Vielleicht brennt ja der Palast.

Schlaftrunken torkelst du zur Tür. Du öffnest sie – und erblickst eine wahrhaft lächerliche Gestalt. Sie trägt eine bodenlange, dunkelrote Robe, das Gesicht ist vollständig von einem Schleier verdeckt, den Kopf ziert eine altmodische Kapuze, ähnlich den Kardinalshüten. In der Hand hält die Gestalt einen Holzstab mit je einer Kugel an beiden Enden.

„Was soll denn das?“ schimpfst du los. „Darf man hier noch nicht einmal mehr in Ruhe …“

Aber die Gestalt lässt dich nicht ausreden. Ohne auf deine Worte zu achten, verkündet sie: „Wladimir Wladimirowitsch, ich klage dich des Mordes und des versuchten Mordes an deinen Brüdern und Schwestern an!“

„Wie bitte?“ entrüstest du dich. „Soll das ein Scherz sein? Was erlauben Sie sich eigentlich, mich mitten in der Nacht …?“

Aber da hat sich die Gestalt auch schon in Luft aufgelöst. Du trittst vor die Tür, schaust nach links, schaust nach rechts – aber es ist nichts zu sehen.

Seltsam, denkst du, da will dir wohl irgendjemand einen üblen Streich spielen. Aber wer? Die Morde an deinen Brüdern und Schwestern hast du doch extra in den Keller verlegt! In deinem eigenen Palast kann folglich niemand etwas davon mitbekommen haben. Verdankst du den Schabernack also einem der Nachbarpaläste? Aber was geht die an, was du in deinem Keller treibst?

Entrüstet legst du dich wieder schlafen. Dein Herz schlägt noch eine Zeitlang die Wuttrommel, aber dann setzt du doch wieder ins Reich der Träume über. Der Tag war anstrengend, du bist einfach zu müde, um dich lange mit solchen Nebensächlichkeiten aufzuhalten.

Kaum bist du jedoch fest eingeschlafen, da klopft es schon wieder an deiner Tür. Das darf doch nicht wahr sein, denkst du, jetzt reicht’s aber!

Du beschließt, das Problem auf deine Art zu lösen. Entschlossen greifst du nach dem Gewehr, das immer griffbereit neben deinem Bett liegt.

Als du die Tür aufreißt, steht dort tatsächlich wieder die Spottge­stalt mit der roten Robe. „Wladimir Wladimirowitsch“, beginnt sie erneut, „ich klage dich des Mordes …“

Dieses Mal hörst du dir den Redeschwall nicht bis zu Ende an. Stattdessen antwortest du mit einer Salve aus deinem Automa­tikgewehr, die eine ganze Armee von Spottgestalten dahingerafft hätte.

So, knurrst du grimmig, jetzt ist Ruhe – obwohl du dich wunderst, dass die seltsame Gestalt sich schon wieder in Luft aufgelöst zu haben scheint. Aber dieses Mal hast du ja auch die Tür gleich wieder zugeschlagen – vielleicht hast du einfach nicht gesehen, wie sie in sich zusammengesackt ist.

Endlich schlafen, denkst du, als du dich genüsslich unter deiner Bärenfelldecke einrollst. Nicht lange, und der Schlummer schließt dich wieder in seine Arme. Gewehrsalven hatten auf dich schon immer eine ausgesprochen beruhigende Wirkung, fast wie ein Wiegenlied aus Kindertagen.

Leider ist es aber auch dieses Mal nicht anders als zuvor: Sobald du im Traum in den herrlichen Weiten deines neuen Großreichs lustwandelst, reißt dich erneut das Klopfen aus dem Schlaf.

Du ziehst dir die Decke über den Kopf, du hältst dir die Ohren zu – aber es hilft alles nichts. Dieses Mal ist der feierliche Singsang der Stimme sogar schon zu hören, bevor du dich von deinem Bett erhebst: „Wladimir Wladimirowitsch“, beginnt sie erneut, „ich klage dich des Mordes und des versuchten Mordes an deinen Brüdern und Schwestern an!“

Wütend springst du aus dem Bett, hastest mit deinem Gewehr zur Tür, reißt sie auf – aber da ist niemand. Dennoch hörst du weiter die Stimme: „Wladimir Wladimirowitsch, ich klage dich an, Mord und versuchter Mord, ich klage dich an, Wladimir Wladimi­rowitsch, du entgehst mir nicht, ich klage dich an …“

Panik ergreift dich. Du rückst einen Schrank vor die Tür, stopfst dir Stöpsel in die Ohren, ziehst dir die Decke noch fester über den Kopf – vergeblich! Die Stimme ist überall, sie durchdringt jedes Material, sie hallt von überallher wider. Es ist, als würde sie mit deinem Blut in dir pulsieren.

Gut, denkst du dir, dann eben kein Schlaf – ich habe ohnehin noch viel zu viel zu tun.

Missmutig steigst du hinab in den Keller. Ein paar Brüder und Schwestern sind noch übrig, an ihnen willst du deine Wut abrea­gieren. Vielleicht kannst du ja mit ihren Schreien diese nervtö­tende Stimme übertönen.

Printausgabe, Ebook (erweiterte Ausgabe 2024), PDF

Hörfassung ausgewählter Texte

Interview mit dem Autor (PDF, S. 33 – 37)

Bild: Die Ermordung Abels; aus: Richmond, E. J.: True stories for little people (1894; Library of Congress / Wikimedia commons)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..