Zu Anne Sylvestres Chanson Une sorcière comme les autres (Eine Hexe wie die anderen)
In ihrem Chanson Une sorciére comme les autres („Eine Hexe wie die anderen“) setzt Anne Sylvestre sich kritisch mit der Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft auseinander. Dabei entwickelt sie auch die Vision einer weiblichen Gegenbewegung zum Patriarchat.
Eine Hexe wie die anderen
Bitte
seid wie das Daunenbett,
seid wie die Gänsefedern
der Kopfkissen früherer Zeiten.
Gerne würde ich einmal
nicht die Lastenträgerin sein.
Bitte, macht es euch bequem,
ich selbst kann mich nicht mehr bewegen.
Ich habe euch als Lebende getragen,
ich habe euch als Kinder getragen.
Mein Gott, wie schwer ihr wart,
als das Gewicht eurer Liebe auf mir lastete!
Ich habe euch auch noch getragen
in der Stunde eures Todes,
ich habe euch Blumen gebracht,
habe mein Herz in Stücke gerissen für euch.
Als ihr im Krieg gespielt habt,
habe ich das Haus gehütet,
ich habe mit meinen Gebeten
die Gitterstäbe eurer Gefängnisse abgetragen.
Als ihr unter den Bomben gestorben seid,
habe ich wehklagend nach euch gesucht.
So bin ich wie ein Grab,
und all das Unglück ruht darin.
Ich bin's nur,
es heißt sie oder ich,
die, die redet oder die, die schweigt,
die, die weint oder die, die fröhlich ist:
Jeanne d'Arc oder Margot,
Tochter des Krieges oder der Gosse,
und es ist mein Herz oder ihres,
die Schwester oder die Unbekannte:
die, die niemals gekommen ist,
die, die zu spät gekommen ist,
Tochter des Traums oder des Zufalls.
Und es ist meine Mutter oder eure,
eine Hexe wie die anderen.
Wie ein Bach müsst ihr sein,
wie das klare Wasser des Teichs,
der das Licht widerspiegelt und wartet.
Bitte
seht mich an! Ich bin wirklich,
ich bitte euch, erfindet mich nicht,
ihr habt es schon so oft getan.
Ihr habt mich als Dienerin geliebt,
wolltet mich unwissend haben.
War ich stark, habt ihr mich bekämpft.
War ich schwach, habt ihr mich verachtet.
Ihr habt mich als Hure geliebt
und eine Statue aus mir gemacht,
die ihr mit Samt überzogen habt.
Und immer habe ich geschwiegen.
Als ich alt und zu hässlich war,
habt ihr mich wie Ausschussware weggeworfen,
ihr habt mir eure Hilfe verweigert,
als ich euch nicht mehr dienlich war.
Als ich schön und fügsam war,
habt ihr mich auf Knien angebetet.
So bin ich wie eine Kirche,
die alle Schande unter sich begräbt.
Ich bin's nur,
es heißt sie oder ich,
die, die liebt oder die, die nicht liebt,
die, die herrscht oder die, die sich sträubt:
Joséphine oder die Dupont,
Perlmutt- oder Baumwolltochter,
und es ist mein Herz oder eures:
die, die am Hafen wartet,
die der Denkmäler für die Toten,
die, die tanzt und daran stirbt,
Betontochter oder Blumentochter.
Und es ist meine Mutter oder eure,
eine Hexe wie die anderen.
Bitte
seid so, wie ich mir euch
schon lange erträume,
frei und stark wie der Wind,
ja, auch frei.
Schaut mich an, so bin ich,
hört auf mich,
habt meinetwegen keine Angst,
ich kenne euch in- und auswendig.
Ich war die Wartende,
aber ich kann auch vorangehen.
Ich war das Holzscheit und das Feuer,
auch die Feuersbrunst kann ich sein.
Ich war die Muttergottes,
aber ich war nichts als Staub,
ich war der Boden unter euren Füßen,
und ich wusste es nicht.
Aber eines Tages wird die Erde sich öffnen,
und der Vulkan kann sich nicht mehr zurückhalten,
der aufbrechende Boden
wird unbekannte Reichtümer offenbaren.
Das Meer wird über die Ufer treten
in überschießender Kraft.
So bin ich wie eine Welle –
aber ihr werdet nicht darin ertrinken.
Ich bin's nur,
es heißt sie oder ich,
die Ahnin oder das Kind,
die, die zurückweicht,
oder die, die sich verteidigt:
Gabrielle oder Eva,
Tochter der Liebe oder des Kampfes,
und es ist mein Herz oder eures:
die, die im Frühling ihres Leben steht,
die, auf die niemand wartet,
die Hässliche oder die Schöne,
Tochter des Nebels oder des freien Himmels.
Und es ist meine Mutter oder eure,
eine Hexe wie die anderen.
Bitte,
bitte macht es euch bequem,
ich selbst kann mich nicht mehr bewegen.
Anne Sylvestre: Une sorcière comme les autres aus dem gleichnamigen, 1975 erschienenen Album
Live-Aufnahme:
Aufbau des Chansons
Das Chanson untergliedert sich in drei Teile zu je drei Abschnitten. Darin wird jeweils ein bestimmter Aspekt des Weiblichen thematisiert – und zwar in jener Beschränkung und Verzerrung, wie sie für dessen Wahrnehmung in der patriarchalischen Gesellschaft charakteristisch ist. Hierauf bezieht sich auch der selbstironische Titel des Liedes.
Die drei Abschnitte der einzelnen Teile folgen jeweils demselben Aufbau:
• Die Einleitung dient jeweils der Andeutung der Utopie, des Traums von einer Begegnung mit dem Weiblichen, die dessen Wirklichkeit widerspiegelt, anstatt unbewusste Ängste und Wünsche darauf zu projizieren: „Je suis vraie. / Je vous prie, ne m’inventez pas, / vous l’avez fait tant déjà.“ („Ich bin wirklich. / Ich bitte euch, erfindet mich nicht, / ihr habt es schon zu oft getan“).
• Der zweite Abschnitt eines jeden Teils thematisiert Aspekte der Realität weiblichen Daseins, wie sie sich aus der verzerrenden Sicht des Weiblichen ergeben. Der jeweils angesprochene Aspekt dieser männlich bestimmten Wirklichkeit der Frau wird dabei stets in einem Bild zusammengefasst, das auch als Überschrift über den einzelnen Teilen stehen könnte – nämlich
- Die Frau als „Grab“;
- Die Frau als „Kirche“ und
- Die Frau als „Welle“.
• In den dritten Abschnitten der drei Teile erfolgt jeweils eine Differenzierung. Sie zeigen die entgegengesetzten Pole auf, zwischen denen sich das Weibliche unter den zuvor beschriebenen Aspekten bewegen kann. Einander gegenübergestellt werden dabei idealtypisch:
- Jeanne d’Arc und Margot;
- Joséphine und „la Dupont“ und
- Gabrielle und Eva.
Auf diese Weise ergibt sich ein Dreischritt der Darstellung, der sich wie folgt zusammenfassen lässt:
Die Frau als Grab
Hier steht der Aspekt der Aufopferung im Vordergrund, die der Frau im Alltag der patriarchalen Gesellschaft abverlangt wird: Sie ist diejenige, welche die Kinder großziehen, sie aber auch klaglos ihren „Kriegsspielen“ nachgehen lassen und sie hernach beweinen muss, wenn sie dabei ums Leben kommen. Die behütend-aufnehmende, „bergende“ Qualität des Weiblichen bzw. die mit ihm assoziierte Geborgenheit erfüllt so die Funktion eines Grabes, das alles Leid der Welt „hinunterzuschlucken“ hat.
Dabei kann die Frau zu einer „Jeanne d’Arc“ idealisiert werden, also selbst heroisiert und so zum Vorbild für das männliche Heldentum stilisiert werden. Gleichzeitig kann sie jedoch auch – als treues Hausmütterchen – schlicht für das kriegerische Treiben der Männer dienstbar gemacht werden.
Dieser Gegenüberstellung entsprechen die entgegengesetzten Attribute, die in der Strophe aufgezählt werden. Der erträumten, schillernden Anführerin, welche die Krieger mit aufpeitschenden Reden in die Schlacht treibt und sie zur alles niederwalzenden Flutwelle eint, steht das „Heimchen am Herd“ gegenüber, die stumme Dienerin daheim, die einem vertraut ist wie eine „Schwester“, noch bevor man sie kennengelernt hat, weil sie in ihrer Funktion austauschbar ist. In diesem Sinn ist sie auch eine Tochter des „Zufalls“ ist, da man statt mit ihr ebenso mit jeder anderen Frau liiert sein könnte.
Die Frau als „Kirche“
In diesem Teil des Chansons wird speziell das Bild thematisiert, dem die Frau in der patriarchalen Gesellschaft zu entsprechen hat: Sie muss dem Mann als Dienerin und Sexualobjekt zur Verfügung stehen, darf weder zu stark noch zu schwach sein und niemals alt und hässlich werden, will sie nicht als „Ausschussware“ aussortiert werden.
Um dem männlichen Bild von ihr zu entsprechen, muss sie alles schweigend über sich ergehen lassen und stets den Anschein der „Unwissenden“ vermitteln, die das Tun und Denken der Männer nicht durchschaut. Unter dieser Voraussetzung kann es sogar geschehen, dass sie – oder vielmehr: das „statuenhafte“ Bild, das „man“ sich von ihr macht – „auf Knien angebetet“ wird.
Das Weibliche erscheint auch hier als dunkler, unergründlicher Raum. Nur erinnert er jetzt nicht mehr an ein Grab, sondern an eine Kirche, in der sich „toute la honte“ verbirgt – wobei „la honte“ sich sowohl auf die „Schande“ bzw. „Schändung“ der Frau als auch auf die „Schande“ des Frauen von Männern zugefügten Leids oder – allgemeiner – der von diesen unter dem Deckmantel hehrer Frauenbilder begangenen Taten beziehen kann.
Die seelische Vergewaltigung und Ausbeutung der Frau, die sich aus ihrer „Neuerschaffung“ in der von Männern dominierten Wirklichkeit ergibt, vollzieht sich dabei unabhängig von ihrem sozialen Status. Es spielt keine Rolle, ob sie – wie Joséphine, die Gattin Napoleons – als Kaiserin verehrt oder als „la Dupont“ das Haus eines ganz gewöhnlichen Mannes hütet, ob ihr Bild zu einer Statue für gefallene Krieger überhöht wird oder ob sie als eine unter unzähligen anderen Frauen auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Immer dient sie der Ermöglichung eines Lebensentwurfs, der ihre eigene Wirklichkeit missachtet und sie für fremde Zwecke instrumentalisiert.
Die Frau als „Welle“
Der letzte Teil des Chansons entwirft die Utopie einer Befreiung der Frau von den Fesseln, die ihr durch das männliche Frauenbild auferlegt werden. Zwar sei, so heißt es auch hier wieder, die Frau bislang immer diejenige gewesen, die auf den Mann gewartet hat, der Boden, auf dem dieser seinen Weg gegangen ist.
Andererseits – so wird in Anspielung auf die in Teil 1 erwähnte Jeanne d’Arc festgestellt – sei die Frau durchaus auch fähig, „voranzugehen“. Wer als „Muttergottes“ verehrt worden sei, sei auch in der Lage, selbst Macht auszuüben.
Dies führt zu der Vision des sich öffnenden Bodens, der Beschwörung einer neuen Weiblichkeit, die wie ein „Vulkan“ die der Frau angelegten Ketten sprengt und ihre eigene Wirklichkeit wie eine gewaltige Flutwelle zur Geltung bringt. Dieser Vorgang wird allerdings keineswegs destruktiv dargestellt, sondern mit „unbekannten Reichtümern“ assoziiert. So wird auch betont, dass die Überfluteten in der „Welle“ des Weiblichen nicht ertrinken, sondern – wie es in der einleitenden Strophe zu Teil 3 heißt – darin zu eben jener Kraft und Freiheit finden würden, die durch das verzerrte Bild des Weiblichen bislang unerreichbar für sie waren.
Durch die Gegenüberstellung von „Gabrielle“ und „Eva“ als den möglichen Ausprägungen dieser Entwicklung wird allerdings implizit angedeutet, dass die Befreiung des Weiblichen nötigenfalls auch kämpferisch durchgesetzt werden könnte. Die Männer können diese nur dann auch unmittelbar als eigene, innere Befreiung erleben, wenn sie sich nicht gegen sie wehren und es zulassen, dass ihre Welt des Gegeneinanders und des Krieges sich in eine Welt des Miteinanders, der Empathie und Fürsorge verwandelt.
Leisten sie hingegen Widerstand, so ist auch eine weibliche Variante des Erzengels Gabriel vorstellbar. Dabei ist natürlich nicht an einen Amazonenkampf gegen die männlichen Herrscher der Welt zu denken – der selbst wieder auf männlichen Strukturen beruhen würde. Vielmehr würde „Gabrielle“ den Männern mit dem Flammenschwert ihres überlegenen Geistes zur Einsicht in die Unzulänglichkeit und Destruktivität ihres Lebensentwurfs verhelfen und aus dem „Nebel“ des Kriegsstaubs eine neue, weibliche Welt entstehen lassen.
Über Anne Sylvestre
„Anne Sylvestre“ ist das Pseudonym, unter dem die 1934 geborene Anne-Marie Beugras 1957 als Chansonsängerin debütierte. Ihre selbst geschriebenen Lieder fanden zunächst ein geteiltes Echo: Berühmte Musikerkollegen wie Georges Brassens zollten ihr Anerkennung, sie erhielt Preise von renommierten Institutionen wie der Académie de la chanson française, wurde jedoch von der Musikindustrie mit Argwohn bedacht.
Dies lag vor allem an ihren engagierten Texten. Während die großen Musiklabels deren Konfliktpotenzial fürchteten, hatten sie in Reihen der Musikkritik den gegenteiligen Effekt. Hier wurde die Künstlerin gerade für ihre Fähigkeit, eine klare Haltung mit originellen Ausdrucksformen zu verbinden, gelobt.
Deutlichster Ausdruck dieser Anerkennung war die Aufnahme Sylvestres in die Reihe „Poètes d’aujourd’hui“ (Zeitgenössische Dichter) des Pariser Verlags Seghers. Der Liedermacherin wurde hier 1966 ein eigener Band gewidmet – als einziger Frau und jüngster Künstlerin neben so bedeutenden Chansongrößen wie Léo Ferré, Jacques Brel oder Georges Brassens.
Nach Konflikten mit ihrer Plattenfirma gründete Sylvestre unter ihrem Namen schließlich 1973 ein eigenes Label. Dieser Underground-Geist begleitete auch ihre spätere Karriere, in deren Verlauf sie immer wieder Jüngere bei ihren Karrieren unterstützte.
Ein wichtiges wirtschaftliches Standbein für Sylvestre waren die Kinderlieder, die sie neben ihren übrigen Chansons schrieb. Außer mit feministischen Themen hat sie sich in ihren Liedern auch mit ökologischen Fragestellungen auseinandergesetzt (wie etwa in ihrem 1998 erschienenen Album Les arbres verts – Die grünen Bäume).
Daneben weisen ihre Chansons auch eine dezidiert pazifistische Grundierung auf. Teilweise werden feministische und pazifistische Perspektive auch miteinander verbinden. Ein Beispiel dafür ist ihr 2003 herausgebrachtes Chanson Berceuse de Bagdad (Bagdad-Wiegenlied), das um die schwierige Lage von Frauen unter den Bedingungen des damaligen Irakkriegs kreist.
Mehr „Hexenlieder“:
Chansons magiques. Hexen, Tod und Zauberer im französischen Chanson
Bild: Edvard Munch (1863 – 1944): Asche (1895; Ausschnitt); Oslo, Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design (Wikimedia commons) (Detail)