Rückkehr in die Gegenwart

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/18

Theo flieht mit Lina vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen, der ihnen im Jahr 1485 gedroht hat. Zurück in der Gegenwart, leidet er zunächst an einem heftigen Zeitreisen-Jetlag.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Im Treibsand der Zeit

Immer wieder verlieren sich meine Gedanken im Treibsand  der Zeit – in diesem Spiralnebel, der sich mit der Kraft eines Tornados um sich selbst dreht.

Was wäre beispielsweise gewesen, wenn ich oder Lina auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wären? Dann wäre doch das gesamte Gegenwartssetting durcheinandergeraten! Hätte es in diesem Fall also gar nicht erst entstehen können? Hätte es eine andere Form angenommen? Wäre die gesamte Entwicklung anders verlaufen? Oder wären schlicht andere Personen an meine und Linas Stelle getreten?

Aber lässt sich eine Existenz so ohne weiteres durch eine andere ersetzen? Ist nicht jedes Leben einzigartig und hinterlässt seine ganz eigenen Spuren in der Welt?

Umgekehrt ließe sich auch fragen, was mit den Ereignissen pas­siert ist, die durch meine Rückkehr in die Gegenwart aus der Zeit herausgefal­len sind. Wenn diese Ereignisse in denen, auf die ich bei meinen Zeitreisen gestoßen bin, präsent sind, jedoch aus der tatsächlichen Wirklichkeit ausradiert worden sind, muss offenbar zwischen einer subjektiven und einer linearen Zeit unterschieden werden.

Demnach gibt es auf der einen Seite das individuelle Erleben, das eine eigene, nur für ei­nen selbst gültige Wirklichkeit besitzt – ähnlich wie der Traum von letzter Nacht, der uns ja auch in den Tag hinein verfolgen kann, obwohl wir wissen, dass er nach objektiven Maßstäben „ir­real“ ist. Davon unabhängig ist die lineare Zeit, die darüber entscheidet, welche Ereignisse geschichtsmächtig werden und welche nicht. Nur diese Zeitebene lässt sich offenbar mit Hilfe der Notfalluhr beeinflussen.

Interessant ist auch, was das für die Welt des Jahres 2521 bedeu­tet. Auf der linearen Zeitebene müsste die Epidemie, die ich dort vermutlich durch die von mir eingeschleppten Keime selbst ausgelöst habe, nach meiner Theorie ungeschehen ge­macht sein. In der äußeren, faktischen Realität wird sie nie stattfinden.

Denkbar ist aber, dass die Menschen in der Zukunftsstadt auf der Ebene der „Zeitreisenzeit“, in der ich ein Teil des Lebens dort bin (beziehungsweise sein werde), von Alpträumen heimgesucht wer­den, die ihnen vielleicht besonders real erscheinen.

Podcast, Teil III:

Episode 16:

Theo liest in einer alten Chronik nach, wie dort seine Flucht aus der Vergangenheit dargestellt wird. Die Gegenwart erscheint ihm unverändert – bis auf ein kleines, aber entscheidendes Detail.

Episode 17:

Bei einem gemeinsamen Essen feiern die Zeitreisenden den glücklichen Ausgang ihrer Unternehmung. In Theo regen sich allerdings leise Zweifel an ihrem Erfolg.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: IH: Zeitmaschine -AI generiert

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