Gedichte Walthers von der Vogelweide/8
Immer wieder warnt Walther von der Vogelweide vor den Fallstricken äußeren Reichtums. Er verurteilt diesen zwar nicht grundsätzlich, gibt aber zu bedenken, dass er von dem wichtigeren inneren, seelischen Reichtum wegführen könne.
Die Fallstricke des Besitzes
Von der Seine bis an die Mur,
vom Po bis an die Trave,
überall versinkt die Tugend in den Fluten,
wenn die Habgier an ihr zerrt.
Einst waren Hab und Gut umsäumt
von Ehrenhaftigkeit und Güte.
Nun aber kleidet sich die Habgier frech
in ihre edelmütigen Gewänder.
Der Ritter prahlt damit vor seiner Dame,
der Fürst vor seinem König.
So verliert sich das Römische Reich
im Tanz um das Goldene Kalb.
Kann ich nur so zu Hab und Gut gelangen,
will lieber ich am Bettelstabe enden.
Wo "Hab und Gut" nach Habgier klingt,
gedeiht in Armut nur der Edelmut.
(Ich hân gemerket: von der Seine unz an die Muore; L 31,13; textkritische Edition in LdM)
Ein Bescheidenheitsappell als Trotzreaktion eines armen Sängers?
Ein Appell Walthers gegen Habgier und die Konzentration auf irdische Güter? Vor dem Hintergrund seines oben nachgezeichneten lebenslangen Kampfs um materielle Sicherheit und eine standesgemäße Ausstattung seiner Existenz erscheint das auf den ersten Blick wenig glaubwürdig.
So könnte man zunächst psychologisch an die Verse herangehen und in ihnen eine Art Trotzreaktion sehen. Der Neid auf den materiellen Reichtum der anderen würde dabei mit dem Stolz auf den eigenen inneren Reichtum – also das gottgefälligere Denken und Handeln – kompensiert werden.
Allerdings darf man Walthers Streben nach materieller Sicherheit auch nicht mit Habsucht verwechseln. Was er sich erhoffte, war ja keineswegs übermäßiger Prunk und Reichtum, sondern lediglich ein Leben, das nicht von fortwährenden Existenzsorgen bestimmt war.
Janusköpfigkeit irdischer Güter
So gesehen, war es kein Widerspruch, dass Walther gleichzeitig nach materieller Sicherheit strebte und vor den Fallstricken des Besitzes warnte. Worum es ihm ging, war der richtige Umgang mit irdischen Gütern. Diese sah er einerseits als Gefahr für das Seelenheil, von dem sie bei einer zu starken Ausrichtung des Geistes auf sie ablenken können. Andererseits betonte er jedoch auch immer wieder die Chancen, die sich aus einer mildtätigen Verwendung des eigenen Besitzes für das Seelenheil ergeben können.
Diese Janusköpfigkeit irdischer Güter betont Walther auch in einem anderen Spruchgedicht. Hätte er ihm einen Titel gegeben, so hätte dieser vielleicht „Fruchtloser Reichtum“ oder „Die Güter und die Güte“ lauten können:
Fruchtloser Reichtum
Wie seltsam hat doch der,
der aus dem Nichts uns hat erschaffen,
verteilt die Gaben unter uns!
Den einen gab er edlen Sinn,
den andern dafür Hab und Gut,
was aber ihre Güte schwächt.
Doch strebt nach Edelmut
der Reiche nicht, so zieh den armen,
aber edlen Mann ich vor.
Wahrhaft edel ist nur der,
der nach Herzensadel strebt:
Nur der verdient sich Gottes Gnade.
Wer aber statt nach Güte
nur nach Gütern strebt,
der wird arm im Herzen sterben.
Kein Lohn wird ihm beschieden sein.
Sein Reichtum wird auf dieser Welt
und auch im Himmel keine Früchte tragen.
(Waz wunders in der werlte vert; L 20,16)
Soziokulturelle Hintergründe von Walthers Reichenkritik
Auch in diesem Fall lässt sich die Betonung der Gefahren für das Seelenheil, die dem Reichtum inhärent sind, zunächst auf Walthers persönliche Situation zurückführen. Die Verse erscheinen dabei als eine Art kleine Revanche für all die Schmähungen und Zurückweisungen, die ihm als „Betteldichter“ von seinen reichen Möchtegern-Mäzenen zugefügt worden sind.
Darüber hinaus geben die Verse aber auch eine Stimmungslage wieder, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts vielerorts aufkam und mit zu der Gründung der Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner beigetragen hat. Dabei ging es um die in den eingangs aufgeführten Versen zum Ausdruck gebrachte Empfindung, dass äußerer immer stärker über inneren Reichtum triumphiert und zudem immer offener zur Schau gestellt wird.
Hintergrund dieser Empfindung war zunächst die sich durch das gesamte Mittelalter hindurchziehende kirchliche Reformbewegung, die immer wieder eine Rückkehr zum biblischen Armutsgebot einforderte. Im Spätmittelalter entwickelte sich daraus die Bewegung der Buß- und Wanderprediger, die von Stadt zu Stadt zogen und auf Marktplätzen an die Menschen appellierten, sich von weltlichen Gütern abzuwenden.
Darüber hinaus rückten die Menschen durch das spätmittelalterliche Städtewachstum aber auch enger zusammen. Reichtum und Armut stießen so unmittelbarer aufeinander, soziale Unterschiede wurden greif- und spürbarer. Gleichzeitig nahm die Verankerung in der Ständeordnung, die soziale Unterschiede als gottgegebene Tatsache deutete, sukzessive ab.
War Walther ein Revoluzzer?
Zwar klingt in Walthers Versen unverkennbar das bekannte Bibelwort an, wonach eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel komme. Dennoch ist er mit seiner Reichenkritik kein früher Vorläufer der sozialreformerischen Bewegungen der Frühen Neuzeit oder gar der späteren sozialistischen Ideen. Ihm geht es lediglich um die gottgefällige Verwendung des Besitzes.
Auch Walthers eigene Identifikation mit Armut ist eher ideeller Natur. Denn er selbst mag sich zwar in Bezug auf seine reichen Gönner als arm empfunden und auf dieser Grundlage mit den wahrhaft Armen identifiziert haben. In Wirklichkeit war sein Lebenswandel von echter Armut jedoch weit entfernt.
Demnach lässt sich aus Walthers Versen auch keine Infragestellung der mittelalterlichen Sozialordnung herauslesen. Er hinterfragt nicht soziale Unterschiede, sondern lediglich die Annahme, dass ein höherer Stand und größere Besitztümer einen Menschen näher zu Gott bringen können. Dafür unterscheidet er zwischen innerem und äußerem Reichtum und betont, dass Letzterer für die Erlangung und den Erhalt von Ersterem sogar hinderlich sein könne, sofern er die Sinne von der Konzentration auf das Wesentliche – die Gnade Gottes – ablenke.
Bild: Nicilas Poussin: Die Anbetung des goldenen Kalbes. 1633 (Wikimedia Commens)