Peinliche Befragung

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/17

Da die Angeklagte im Hexenprozess kein Geständnis abgelegt hat, wird die „peinliche Befragung“ eingeleitet. Diese beginnt mit der Präsentation der Folterwerkzeuge durch den Scharfrichter.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Führung durch die Folterwerkstatt

Der Scharfrichter trat einen Schritt auf Lina zu. Mit sei­ner dunkelroten Jacke wirkte er in dem flackernden Licht wie ei­ne lebendige Fackel. „So hört denn, werte Dame“, wandte er sich an Lina, „was wir für Euch vorbereitet haben.“

Er wies zunächst auf einen wackligen Tisch, auf dem wie auf ei­nem Altar allerlei Utensilien drapiert waren. Neben den angebli­chen Beweisstücken, die schon bei dem Verhör im Kreuzgang präsentiert worden waren, befand sich dort auch ein un­scheinbarer Kelch.

„In diesem Kelch“, erläuterte der Scharfrichter, „befindet sich das Salz, das wir Euch zu Beginn der Befragung zu kosten geben wer­den. Es ist von feinster Körnung und gar wohlschmeckend. Aller­dings müssen wir darauf bestehen, dass Ihr den ganzen Kelch leert. Der Beförderung dieses Zweckes dient auch der Trichter, den Ihr hier seht.“

Als Nächstes lenkte er Linas Aufmerksamkeit auf etwas, das auf den ersten Blick entfernt an eine Zwiebelpresse erinnerte. Über einem perforierten Boden hing ein rechteckiges Eisenstück, das mittels einer Schraube nach oben oder unten bewegt werden konnte.

„Dieses Instrument wird ‚Daumenstock‘ geheißen“, setzte der Mann mit der feuerroten Jacke die Führung durch seine Folter­werkstatt fort. „Wenn wir Eure Finger darein legen, werden sie wie ein Fleischteig zu Fladen gepresst. Eine sehr praktische Ge­rätschaft! Freilich darf nicht verhehlt werden, dass die Prozedur für denjenigen, an dem die Finger hängen, mit gewissen Unan­nehmlichkeiten verbunden ist.“

Er ging weiter zu einem unweit des Tisches mit den Prozessutensilien stehenden Schemel. An diesem lehnte etwas, das wie das Beinteil einer Ritterrüstung aussah.

Stolz verkündete der Diener des Todes: „Hier seht Ihr nun den Spanischen Stiefel – ein besonders schönes Exemplar, mit hoch­wertigen Verzierungen! Dieser Stiefel tut mit Euren Beinen, was der Daumenstock mit Euren Fingern tut. Auch hier ist höchste Qualität garantiert. Die Eisenplatten umschließen zuverlässig Eure Beine und bringen Eure Knochen zum Singen. Wie wir zuge­ben müssen, wird dieser Gesang in Euren eigenen Ohren indes keinen allzu großen Wohlklang entfalten.“

Selbst in dem diffusen Fackelschein war deutlich zu erkennen, wie Lina erbleichte. Sie schloss für einen Moment die Augen und riss sie dann mit einem Ruck wieder auf – wie in dem Glauben, dass das einer dieser Alpträume sein müsse, die einem selbst dann noch ihr Zerrbild der Wirklichkeit aufzwin­gen, wenn man längst erwacht ist.

„Zum Abschluss darf ich Eure geschätzte Aufmerksamkeit noch auf das Prunkstück unserer Sammlung lenken“, fuhr der Scharf­richter mit seiner Fistelstimme fort.

Er trat vor eine schräg an der Wand lehnende Leiter. „Dies ist, was wir den ‚Gespickten Hasen‘ nennen. Woher dieser Name kommt, werdet Ihr spüren, wenn Ihr Euch auf die Leiter legt. Dann nämlich wird Euch das Nadelkissen in deren Mitte ein gar feuriges Stechen in Eurem Rücken verursachen.“

„Ein schöner Vorgeschmack auf den Scheiterhaufen“, murmelte einer der beiden Folterknechte – dieses Mal allerdings so leise, dass Bruder Heinrich es ignorierte.

„Das Besondere an dieser Vorrichtung ist“, dozierte der Scharf­richter weiter, „dass wir Eure Arme oberhalb der Leiter an einer Winde befestigen können. So könnt Ihr hin und her rutschen wie bei den lustigen Spielen aus Eurer Kindheit – auch wenn Ihr dabei eher jammern als jauchzen werdet. Denn das Feuer auf Eurem Rücken wird dann kräftiger lodern, und sein Prasseln wird mit dem Knacken Eurer Gelenke wetteifern. Die Knochen nämlich haben die Unart, durch das Zerren an Euren Gliedern den Gelen­ken die Gefolgschaft aufzukündigen.“

Damit war der Scharfrichter am Ende seines Vortrags angelangt. Lächelnd sah er Lina an. Es war kein bos­haftes Lächeln. Eher spiegelte sich darin die Zufriedenheit eines Mannes wider, der mit sich und der Welt im Reinen war, weil er Beruf und Hobby, Pflicht und Neigung in idealer Weise miteinander verbinden konnte.

Podcast, Teil III:

Episode 14:

Mit Hilfe von Bruder Eberhart gelingt es Theo, die als Hexe angeklagte Lina in ihrem Verlies zu besuchen. Dabei erzählt diese ihm, wie es dazu gekommen ist, dass sie der Hexerei verdächtigt worden ist.

Episode 15:

Als der Scharfrichter die „peinliche Befragung“ einleiten will, sieht Theo, der bei der Prozedur anwesend ist, sich zum Handeln gezwungen. Die List, die er anwendet, ist allerdings nicht ohne Risiken.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Vision der Hölle auf der Tafel des Emporiums in der Kirche Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe in Malbork/Polen (1731); Wikimedia commons (Ausschnitt)

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