Gedichte Walthers von der Vogelweide/7
Der Frühling läutete im Mittelalter nicht einfach nur die wärmere Jahreszeit ein. Er war auch das Tor zu einem freieren, ungebundeneren Leben. Dies erklärt die Euphorie, mit der Walther von der Vogelweide den Frühling begrüßt und in seinen Wintergedichten herbeisehnt.
Mailied
Seht auch ihr die Wunder, die der Mai
wieder uns beschert? Hinter Klostermauern
wie auf dem weiten Wiesenteppich –
sein Zauberstab verwandelt überall die Welt.
Wie groß ist, Mai! deine Zauberkraft!
Wen immer du berührst mit deinem Stab,
wer immer erblüht in deinem Glanz –
der Nektar der Jugend durchströmt seinen Leib.
Nun ist das Leben wieder ein Tanz
in deinem duftenden Kleid, lieber Mai,
jetzt taumeln traumwandelnd wir wieder
durch deine bunten Gefilde.
Hört ihr die Vögel tirilieren?
Lasst uns mit ihnen jubilieren,
kommt, singen wir uns hinein
in die wärmenden Arme des Himmels.
Welch herrliche Gewänder, Mai,
du strickst für den Wald und die Heide!
Hass und Streitlust schmelzen wie der Schnee
in deinen mütterlich schlichtenden Händen.
Seht nur, wie um die Wette
Klee und Heidekraut blühen!
Gemeinsam weben sie so
ein Friedenskleid der Welt.
Ach, wenn nur diese roten Lippen
mir ebenso gewogen wären!
Wenn sie an meinem Mund erblühen
statt lachend mich verschmähen würden!
Alles, alles findet Erfüllung, Mai,
in deinen liebestrunkenen Umarmungen.
Mir aber wird von liebreizenden Lippen
die Erfüllung der Liebe verwehrt.
(Muget ir schouwen waz dem meien; L 51,13; textkritische Edition in LdM; Nachdichtung umfasst Strophe 1 bis 4)
Vertonung von Knud Seckel in Anlehnung an ein Troubadour-Lied, das aufgrund seiner verwandten Thematik zuweilen als Inspirationsquelle für Walther vermutet wird
Die befreiende Kraft des Frühlings
Der Frühling war für einen Menschen, der den Winter auf einer mittelalterlichen Burg verbracht hatte, nicht einfach nur eine Zeit, in der die wärmeren Temperaturen das Leben wieder angenehmer machten. Er ermöglichte vielmehr auch ein freieres, ungebundeneres Leben, das einer geringeren Sozialkontrolle unterworfen war.
Im Frühling konnte man die duftende Toilette des Waldes benutzen und sich mit weichem Moos säubern, anstatt sich in die Gestankwolken des Burg-Aborts hüllen zu müssen. Man konnte sich beim Bad in einem See erfrischen, und man konnte wohl auch mal ein Schäferstündchen in „Gottes freier Natur“ genießen, wo der Himmel viel nachsichtiger war, als es das gestrenge Auge der Amtskirche glauben machen wollte.
Dies alles erklärt die Inbrunst, mit der Walther in seinen Wintergedichten der Sehnsucht nach dem Frühling Ausdruck verleiht. Der Traum vom Mai, der den Winter in die Flucht treibt, lässt die Widrigkeiten des Winters leichter ertragen. In einem seiner Lieder ruft der Dichter etwa fast trotzig aus, er werde eben dort, wo gegenwärtig die Erde von Raureif überzogen ist, Blumen pflücken („so lise ich bluomen dâ rîfe nû lît“; L 39,6).
Die dichterische Imagination trägt damit hier den Sieg über die harte Realität davon. So wird auch an anderer Stelle der winterliche Traum von den „bluomen rôt (…) an grüener heide“ als Kraftquell gegen den inneren und äußeren Frost beschworen. Immer wieder wird dabei die Unbarmherzigkeit des Winters am Leid der schwächsten Kreaturen – der „kleinen Vögelchen“ – exemplifiziert:
"Das Leiden an des Winters Kälte
ließ verstummen den Gesang der Vögel."
("Der rîfe tet den kleinen vogellîn wê,
daz si niht ensungen"; L 114,23).
Lange Wintertage auf mittelalterlichen Burgen
Angesichts all der Entbehrungen, die der Winter für einen Menschen des Mittelalters mit sich brachte, ist es nur allzu verständlich, wenn Walther sich an anderer Stelle wünscht, die kalte Jahreszeit vollständig zu „verslâfen“ (L 39,6). Dies gilt umso mehr, als es tagsüber – außerhalb des Stroh- und Deckenlagers der Nacht – bitterkalt war in den Burgen. Eine Feuerstelle gab es lediglich in dem zentralen Aufenthaltsraum, dem „Rittersaal“ – und daneben vielleicht noch in der Kemenate, dem Wohnbereich des Burgherrn und seiner Familie.
Für einen Dichter wie Walther bedeutete dies: Er konnte sich nicht einfach in eine Kammer zurückziehen und dort an seinen Versen basteln. Dafür war es die meiste Zeit über viel zu kalt. Gleiches galt für das Lustwandeln an frischer Luft, das zusätzlich noch durch den Schnee behindert wurde – denn natürlich war allenfalls der Hauptweg zur Burg geräumt.
Beim gemeinsamen Ausharren mit den anderen Burggästen neben dem großen Kamin konnte die Zeit allerdings ziemlich lang werden. In den Bauernhäusern beschäftigte man sich in den Wintermonaten mit Ausbesserungsarbeiten am Haus, Korbflechten oder dem Stopfen von Kleidern. Für Walther wären all dies aber keine standesgemäßen Tätigkeiten gewesen.
Brettspiele in „anrüchiger“ Umgebung
Als Zeitvertreib blieb ihm neben den langen, sicher nicht immer sehr ergiebigen Unterhaltungen mit den anderen Burginsassen beispielsweise das Brettspiel. So weisen viele der noch heute bekannten und beliebten Brettspiele eine lange, teils bis in die Antike zurückreichende Geschichte auf.
Spiele wie Mühle oder Tric Trac – eine Vorform des heutigen Backgammons – wurden im Mittelalter als eine Art praktische Übung in strategischem Denken und damit auch als geeignete Vorbereitung auf den ritterlichen Kampf- und Turniereinsatz angesehen. Das Schachspiel zählte – neben Reiten, Schwimmen, Bogenschießen, Fechten, der Jagd und der Verskunst – sogar zu dem Kanon der sieben Fertigkeiten, deren Beherrschung von einem Ritter erwartet wurde.
Trotz solcher Ablenkungsmöglichkeiten wird das enge Zusammenleben sicher auch zu Konflikten geführt haben. Dass manche sich gegenseitig nicht „riechen“ konnten, ist dabei allerdings auch wörtlich zu verstehen. Am eindrücklichsten bringt dies die Bedeutungsgeschichte des aus dem Französischen stammenden Begriffs „Garderobe“ zum Ausdruck.
Wörtlich bezeichnet der Begriff das „Bewahren“ bzw. den „Erhalt“ der Kleider. Ursprünglich war dies eine Anspielung auf einen Raum neben dem in einen Erker an der Burgwand eingelassenen Abort. Die dort entstehenden Ammoniakdämpfe galten nämlich als stark genug, um das Ungeziefer in den Pelzmänteln abzutöten – was Rückschlüsse auf den Grad der Geruchsbelästigung zulässt, der die Menschen auf den Burgen ausgesetzt waren.
Stärkere soziale Kontrolle im Winter
Hinzu kommt, dass das enge Zusammensein es auch schwer bis unmöglich machte, Geheimnisse voreinander zu haben. So konnte man sich etwa auch nicht einfach mit der Körperwärme eines anderen Burggastes über die winterliche Kälte hinwegtrösten.
Sicher wird man sich die Ritter an den mittelalterlichen Tafelrunden nicht als besonders prüde oder als Vorbilder an Keuschheit vorstellen dürfen. Wenn die Gelegenheit sich bot, waren sie wohl kaum kleinen Abenteuern abgeneigt. Dem stand jedoch der immer stärkere Anspruch der Kirche entgegen, das Sexualleben der Menschen ihren Vorstellungen zu unterwerfen und entsprechend zu regulieren.
So wurde die Ehe 1184 auf dem Konzil von Verona in den Rang eines Sakraments erhoben. Dadurch wurde es noch schwerer, erotische Abenteuer ohne den Segen der Kirche zu genießen.
Die Wünsche und Moralvorstellungen der damaligen Menschen dürften kaum deckungsgleich gewesen sein mit den rigiden Sexualnormen der Kirche – und es werden sich auch kaum alle daran gehalten haben. Der strenge Moralkodex bot jedoch eine Handhabe, anderen zu schaden, indem man sie des Übertritts der kirchlichen Normen bezichtigte. Dies konnte zu empfindlichen Sanktionen – bis hin zur Exkommunikation – und in der Folge zu sozialer Marginalisierung führen.
Frühlingseuphorie
All dies erklärt die Euphorie, mit der Walther in seinem „Mailied“ den Frühling begrüßt. Dass er dessen Zauberkraft alles zum Guten wenden lässt außer der Gunst seiner Angebeteten, ist dabei wohl vor allem der Konvention geschuldet: Ein Minnesänger wie er musste eben stets den Enthaltsamen mimen, der nicht darauf hoffen darf, von seiner gottgleichen Favoritin erhört zu werden.
Was das tatsächliche Liebesleben Walthers anbelangt, so gilt indessen auch hier, in Abwandlung eines späteren Spruchs: Der Edelmann genießt – und schweigt.
Bild: IH: Walther im Frühling / Manesse-Handschrift, KI-Bearbeitung