Zeitreisenphilosophie

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/16

Wie sich herausstellt, ist auch Bruder Eberhart, der Vorsteher des Klosters, aus Theos Gegenwart ins Jahr 1485 gelangt. Auch seine Zeitreisen sind von einer Aktion zur Verhinderung eines Krieges ausgegangen.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Gott und die Zeitreisen

Wie Theo war auch Bruder Eberhart, der Prior des Klosters, Mitglied der Dunkelmänner. Auch er war an einer Aktion beteiligt, die einen Krieg verhindern sollte, indem sie dessen vermeintlichen Auslöser beseitigt. Dass dieser Plan nicht aufgegangen ist, erklärt er folgendermaßen:

„Ich denke, dass unsere ganze Aktion auf einem Denkfehler be­ruhte“, sinnierte der Prior. „Der Krieg folgt nun einmal nicht den Gesetzen der Logik. Er entspringt nicht dem Wunsch, einen Kon­flikt zu lösen, sondern ist umgekehrt Ausdruck einer Zerstö­rungswut, die sich ihre Gegenstände ebenso wahllos aussucht wie ein streitsüchtiger Betrunkener.“

Er holte tief Luft. „Durch diese Erfahrung habe ich damals völlig den Boden unter den Füßen verloren. Wie ein Verdurstender bin ich durch die Wüsten der Zeit geirrt, immer auf der Suche nach der einen Oase, in der die Menschen immun wären gegen das Virus des Krieges. Immer weiter bin ich in die Zukunft gereist, bis ich am Ende ins Jahr 14.543 gelangte.“

Da er in ein grüblerisches Schweigen verfiel, fragte ich: „Und wel­che Erfahrungen hast du dort gemacht?“

„Willst du das wirklich wissen?“ fragte er lakonisch zurück.

Die Melancholie in seiner Stimme ließ mich auf eine Antwort ver­zichten. Also fuhr er einfach in seiner Erzählung fort: „Den andauernden Zeit-Sprüngen war ich weder körper­lich noch geistig gewachsen. In einem einzigen Jahr war ich um mindestens 20 Jahre gealtert, und ich fühlte mich so orientierungslos, als wäre ich ein ganzes Jahr lang ohne Unterbrechung auf einem sehr schnellen Karussell gefahren. Es war, als würde ich in jedem Augenblick die Bewegung der Erde spüren, ihr Rotie­ren um sich selbst, ihr Kreisen um die Sonne – und darin wiede­rum die eine große Bewegung, in der alles in für uns unvorstellbaren Zyklen pulsiert.“

Die Frühlingssonne, die den Klosterhof immer mehr aufheizte, ließ ein paar Schweißperlen auf seinem Gesicht glitzern. Flüchtig wischte er sie weg und blinzelte dabei in die Sonne, als suchte er dort nach Antworten auf Fragen, auf die es keine Antworten gab.

„Nach diesem rastlosten Ritt über den Ozean der Zeit“, sagte er nach einer Weile, „musste ich einfach wieder in irgendeiner Zeit Wurzeln schlagen, um nicht völlig den Halt zu verlieren. Und so bin ich am Ende sozusagen in dieser Zeit vor Anker gegangen.“

Er hielt kurz inne, wie um sich zu sammeln. „Ich habe das hier so­gar in einer meiner Predigten verarbeitet“, ge­stand er mir dann. Mit einem entschuldigenden Lächeln zitierte er sich selbst: „Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn ober­halb von Zeit und Raum erkennen und darf auf kein Ding in der Zeit sehen. Denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst ist, kann sie Gott niemals erkennen.“

Er blieb stehen, strich sich über das Kinn und blickte für einen Moment ins Leere. Dann fügte er, als würde er sich plötzlich wie­der auf meine Anwesenheit besinnen, hinzu: „Auf meinen Zeitrei­sen war ich Gott zwar insofern nahe, als dieser ja selbst beständig durch die Zeit zu reisen scheint. Während Gott sich da­bei aber immer wieder selbst einholt, habe ich mich im Labyrinth der Zei­ten verloren.“

„Im Labyrinth der Zeiten verloren …“, echote ich verständnislos. „Was soll ich mir darunter konkret vorstellen?“

„Nun“, erläuterte er, „für Gott ist die fernste Zukunft gleich­bedeu­tend mit dem Anfang aller Zeiten, so dass sein Pulsschlag glei­chermaßen ewiges In-Sich-Ruhen und immerwährende Neu­schöpfung, voll­kommene Statik und unermessliche Dynamik ist. Uns jedoch, de­ren Existenz im Vergleich zu den Dimensionen, die ein einziger Pulsschlag Gottes hat, nur den Bruchteil eines Wim­pernschlags dauert, ist es nicht gegeben, das ewige Pulsieren der Zeiten geis­tig zu erfassen. Selbst wenn wir bis ans Ende aller Zei­ten reisen könnten, bliebe uns der Atem Gottes doch fremd. Schließlich um­fasst ein einziges Ausatmen von ihm die gesamte Lebensdauer des Universums.“

„Dann hat Gott sich dir auf deinen Zeitreisen also zugleich entzo­gen und offenbart?“ deutete ich seine Gedanken.

„Ja, ich denke, so kann man das ausdrücken“, bestätigte er. Dann zitierte er noch einmal eine Passage aus einer seiner Predigten: „Für mich selbst habe ich die entscheidende Erkenntnis einmal so zusammengefasst: Gott ist das Ziel aller Bewegung, in dem alle Bewegung zur Ruhe kommt. Er ist die größte Ruhe, eine Ruhe, die alle Bewegung in sich aufsaugt und die eben deshalb das Maß aller Bewegung ist.“

Er besann sich kurz, dann setzte er hinzu: „Während daher für Gott die Reisen durch die Zeit nur eine Form der Selbstentfaltung sind, in denen er immer mehr zu sich selbst findet, bedeuten sie für uns eine gesteigerte Form der Bewegung, in der wir uns im­mer weiter von uns selbst entfernen. Wir spüren dabei gewissermaßen die Fliehkraft der Bewegung, anstatt – wie es für ge­wöhnlich der Fall ist, wenn wir uns in einer Zeit beheimaten – die Ruhe zu empfinden, welche die Kreisbewegung in ihrem Zentrum ausstrahlt.“

Podcast, Teil III:

Episode 13:

Dass der Prior wie Theo Mitglied bei den Dunkelmännern war, ist nicht die einzige Verbindung zwischen beiden. Sie teilen auch eine gemeinsame Vergangenheit. Diese ist für Theo mit einer schmerzlichen Erinnerung verbunden.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Peggychoucair: Kreuzgang (Pixabay)

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