Charles Baudelaire: Tristesses de la lune (Mondmelancholie)

Edgar Allan Poe war eine feste Bezugsgröße für Charles Baudelaire. Als Poe-Übersetzer war er auch bestens mit den dichtungstheoretischen Überlegungen dieses Autors, in dem er einen Seelenverwandten erkannte, vertraut. Zustimmend zitiert er etwa aus dessen Vorwort zu dem Prosagedicht Eureka (1848), das Poe jenen gewidmet hat, die „in die Träume als in ihre einzigen Wirklichkeiten vertrauen“.

Die Welt der Träume sieht Baudelaire dabei als Gegenmodell zu der in der Realität vorherrschenden „Idee der Nützlichkeit“. Deren größtmöglicher  Gegensatz ist für ihn die „Idee der Schönheit“ – also die Vorstellung, dass etwas seinen Sinn allein in seiner Schönheit trägt (und nicht in einer daraus abzuleitenden Nützlichkeit). Da die natürliche Heimat der Schönheit bei Baudelaire die Welt der Kunst ist, ist es hier vor allem der Künstler, der die Welt der Träume und deren visionäre Kraft am Leben erhält.

Diese Gedanken spiegeln sich auch in dem Gedicht Tristesses de la lune (wörtl. ‚Traurigkeiten / Trübsinnige Stimmungen des Mondes‘) wider. Eine Vertonung, die die Stimmung des Gedichts aufgreift, gibt es von dem Komponisten Régis Flécheau. Als Sänger fungiert hier Nicolas Gabet.

Charles Baudelaire: Tristesses de la lune

Freie Übertragung:

Mondmelancholie

In trägen Träumen still versinkend, lagert
auf ihren Sternenkissen die Göttin des Mondes,
wie eine fremde Schönheit, die zerstreut
im Schlaf sich über ihre Brüste streicht.

Getragen von lawinenweichen Flügeln,
gibt sie sich einer tiefen Ohnmacht hin
und reist durch ihre Nachtgesichte,
die sich wie Blüten aushauchen ins All.

Und manchmal löst aus ihrem müden Sehnen
sich flüchtig eine Tränenperle.
Dann birgt, ein mitleidsvoller Schlafverächter,

ein Dichter diese Sternenscherbe
mit dem Traumgefunkel – und legt sie,
fern dem Blick der Sonne, in sein Herz.

 

 

Vertonung von Régis Flécheau (Sänger: Nicolas Gabet):

 

 

 

Baudelaire-Zitat entnommen aus Notes nouvelles sur Edgar Poe (Neue Anmerkungen zu Edgar Poe, 1857), Abschnitt III; dort auch das Poe-Zitat
 Bild: Die Mondgöttin Selene; Ausschnit aus: Victor Florence Pollet (1811 – 1883): Selene und Endymion (entstanden zwischen 1850 und 1860)

3 Antworten auf „Charles Baudelaire: Tristesses de la lune (Mondmelancholie)

  1. Thomas Stiegler

    Danke für die schöne Übersetzung! Ich liebe ja die französische Literatur, aber Gedichte werden meist sehr schlecht übersetzt und es geht fast alles verloren, was ein gutes Gedicht ausmacht.

    Nicht so in diesem Fall, daher wirklich danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Thomas.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s