Flamenco, Paso doble und Stierkampf
Eine Reise in die Welt des Flamencos/Sonderfolge
Manche Elemente des Flamencos verweisen auch auf den Stierkampf. Noch stärker ist der Paso doble mit diesem verbunden. Seiner Grundidee nach ist er sogar ein unmittelbares Abbild des Kampfs zwischen Stier und Torero
Pasodoble-Darbietung von Susanna Reid und Kevin Clifton aus dem Jahr 2013 zu Georges Bizets Stück Les Toréadors (Die Toreros) aus der Oper Carmen (1875)
Die Sprache des Tanzes
In dieser Sonderfolge des Poetry Days steht einmal nicht die Sprache der Worte im Vordergrund, sondern die Sprache des Tanzes. Denn auch der Tanz verfügt ja über eine eigene Zeichensprache, aus der sich eine ganz bestimmte Semantik ableiten lässt.
Eben dies ist ja eine der Besonderheiten des Tanzes: dass er es uns erlaubt, etwas zum Ausdruck zu bringen, ohne es in die feste Form der Worte bringen zu müssen, es also gleichzeitig zu sagen und nicht zu sagen, mithin gewissermaßen „in der Schwebe“ zu lassen.
Andererseits kennt der Tanz auch klarere Ausdrucksformen, mit denen er sich zum Symbol für etwas außer ihm Liegendes macht. Für den Paso doble gilt dies in besonderem Maße. Er verfügt über eine recht eindeutig dechiffrierbare Symbolsprache.
In welche Richtung diese Symbolik weist, hat sich schon in dem Lied Paso doble, te quiero angedeutet, das im Mittelpunkt des vorigen Beitrags dieser Reihe stand. Darin wurde der Paso doble auch mit dem „Mut des Toreros“ in Verbindung gebracht. Da das Lied Paso doble und Flamenco in einem Atemzug nennt, suggeriert dies zugleich auch eine Nähe des Flamencos zum Stierkampf.
Der Paso doble als tänzerisches Äquivalent zum Stierkampf
In der Tat existieren auch beim Flamenco Verbindungen zur „Corrida de Toros“. So ist beispielsweise die Tanzfigur des „Desplanto“ der Stierkampfsprache entlehnt. Der herrisch-todesmutigen Haltung des Toreros gegenüber dem Stier, die das Wort dort bezeichnet, entspricht dabei das stolze Posieren zum Abschluss einer Tanzsequenz.
Allerdings sind Analogien zum Stierkampf beim Flamenco nur ein Element unter vielen anderen – das zudem keinesfalls in allen Varianten („Palos“) des Flamencos enthalten ist. Für den Paso doble ist die Nähe zum Stierkampf dagegen ein konstitutives Merkmal: Die gesamte Symbolik des Tanzes gründet auf der Vorstellung, dass die Frau das vom Torero verwendete rote Tuch repräsentiert.
Ursprünglich war dieses Tuch weiß. Es erhielt nur deshalb eine rote Farbe, weil das Blut des Stieres es ohnehin im Verlauf des Kampfes rot einfärbte. Eine Reizwirkung hat die Farbe für die Tiere nicht, da sie diese mit ihren Augen gar nicht wahrnehmen können. Lediglich die Bewegungen des Tuches lösen eine Reaktion bei den Stieren aus. Eben diese Bewegungen greift der Paso doble auf.
Entsprechend seiner Symbolik ist für den klassischen Paso doble die Paradoxie eines „getrennten Paartanzes“ typisch. Mann und Frau tanzen hier mehr umeinander als miteinander, da der Mann als Torero das von der Frau repräsentierte Tuch in der Realsituation des Stierkampfs nur unter Lebensgefahr eng an seinen Körper halten könnte.
Die Symbolik des Stierkampfs im Paso doble
Aus psychoanalytischer Perspektive handelt es sich bei der Symbolik des Paso doble um einen klassischen Fall von Verschiebung. Sie verdeckt, dass die Frau hier eigentlich die Rolle des Stieres übernimmt.
Dem entspricht auch das typische Ende eines Paso doble. Dabei liegt die Frau auf dem Boden, während der Mann in der Haltung eines siegreichen Toreros über ihr steht. Dies zeigt sich auch in der diesem Beitrag vorangestellten Tanzdarbietung. Die dem Tanz unterlegte Musik, die vom Einmarsch der Toreros in die Arena inspiriert ist, verweist dabei zusätzlich auf die Nähe des Paso doble zum Stierkampf.
Die klassische Rollenverteilung im Paso doble erscheint auf den ersten Blick widersinnig (und motiviert die Verschiebung damit zusätzlich), da der Stier ja ein männliches Tier ist. Er ist jedoch seit jeher auch ein Symbol der Fruchtbarkeit, was ihn wiederum mit der weiblichen Sphäre verbindet. Im Stierkampf verkörpert er zudem auch die andere, destruktive Seite des Weiblichen – das Verschlingende, Dunkle, als den untrennbar mit seinem gebärenden, „ans Licht bringenden“ Teil verbundenen Gegenpol.
Der Paso doble verweist damit auf die tiefere Symbolik des Stierkampfs. Im Kern geht es dabei um den Kampf des männlichen Prinzips – des geistbestimmten Logos – gegen das weibliche Prinzip des Lebens – also die naturhafte Grundlage des Seins. Der Sieg des Logos über den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens verhilft ihm dabei zu der Illusion eigener Unendlichkeit, die dem sich aus eigener Kraft reproduzierenden weiblichen Prinzip der Schöpfung gegenübergestellt wird.
Natürlich wird eine Corrida vom Publikum nicht bewusst mit solchen Gedanken begleitet. Die mythische Überhöhung des Stierkampfs erfolgt vielmehr in der Regel jenseits der Schwelle des Bewusstseins. Eben diese unbewusste emotionale Wahrnehmung des Stierkampfs erklärt jedoch die irrationale Heftigkeit, mit der die tierquälerische Praxis von ihren Anhängern gegen jede Kritik verteidigt wird.
Versöhnlicherer Charakter des modernen Paso doble
Seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert hat sich der Paso doble allerdings auch weiterentwickelt. Modernere Varianten betonen weniger das Beherrschen als das Umwerben der Frau durch den Mann.
Damit entfernt sich der Paso doble hier von der ursprünglich mit ihm assoziierten tänzerischen Nachbildung des Stierkampfs. Indem männliches und weibliches Prinzip gleichberechtigt nebeneinanderstehen, indem sie im Tanz miteinander kommunizieren und zueinanderfinden, führt der Tanz gerade die Versöhnung von männlichem und weiblichem Prinzip vor Augen.
Damit stellt der Paso doble – ebenso wie entsprechende Spielarten des Flamencos – im Grunde eine tänzerische Sublimierung der rohen Stierkampfimpulse dar. Es geht darin eben nicht mehr um Dominanz und Beherrschung, sondern um den harmonischen Miteinander verschiedenen Pol des Seins.
Beispiel für einen Paso doble im „versöhnlicheren“ Stil, getanzt von Konstantin Gorodilov und Polina Figurenko bei der Düsseldorfer DanceGala im Jahr 2023:
Bild: Gonzalo Bilbao (1860 – 1938): Gitana und Torero vor dem Panorama von Sevilla und dem Guadalquivir, dem längsten Fluss in Andalusien (um 1920); Wikimedia commons