Eine literarische Reise zu dem Planeten Kadohan

aus Anlass einer neuen Hörfassung zu dem Roman

Überdreht – Wie Außerirdische die Welt mit Windrädern erobern wollten

Hier geht es zur Hörfassung

Rothilda von Rotortods Roman Überdreht – Wie Außerirdische die Welt mit Windrädern erobern wollten gibt es jetzt auch in einer Hörfassung. Ergänzend dazu reisen wir auf literatuplanet.de mit ein paar Ausschnitten aus dem Roman zu dem Planeten der Außerirdischen.

Worum es geht

Nach der Erfindung einer Verjüngungspille drohen auf dem Planeten Kado­han Platz und Ressourcen knapp zu werden. Einziger Ausweg: die Suche nach einem Ersatzplaneten. Dabei fällt die Wahl auf den Planeten „Erde“. Leider ist dieser aber bereits bewohnt …

Die Erdlinge, Gott und das Universum

Die für die Invasion der Erde benötigten Landepfähle tarnen die Außerirdischen den Erdlingen gegenüber als Anlagen zur Stromerzeugung. Dafür gründen sie die Consulting-Firma „StarWind“.

Umstrittene Namensgebung

Die Geschäftsräume der Firma StarWind, die ihrer Kundschaft eine umfassende Be­treuung in Sachen „Energy Consulting“ ver­sprach, wirkten hell und freundlich. In der zehnten Etage eines modernen Büro­komplexes gelegen, bot sich von dem Fir­mensitz aus ein adlerhafter Blick über die Niederungen der Stadt.

Hinter einer breiten Fensterfront, die sich fast über die ganze Au­ßenwand erstreckte, befanden sich einzelne, großzügig angelegte Büros, die sich um einen in der Mitte gelegenen Showroom grup­pierten. Die Büro­möbel schimmerten in durchsichtigem Plexiglas, das in den lichtdurchfluteten Räumen in der Luft zu schwe­ben schien. So strahlte alles die verheißungsvolle Bot­schaft einer neuen Zeit aus: Transparenz! Reinheit! Weitsicht! Zukunft!

Der Name „StarWind“ hatte auf Kadohan zunächst für Gelächter gesorgt. Der Expeditionsleiter – der nun als Büroleiter in den fu­turistisch wirkenden Räumen der Firma StarWind saß – konnte sich noch genau an die Reaktionen der ande­ren Kommissionsmit­glieder erinnern.

Die meisten hatten seinen Vorschlag für einen Scherz gehalten. War das nicht eine zu offen­sichtliche Anspielung auf die fakti­schen Ziele, die man mit dem vermeintlichen Ener­gieangebot verband? Musste so nicht selbst der dümmste Erdling merken, dass man ihm ein trojani­sches Pferd unterschob?

Aber der Expeditionsleiter hatte sich durch das La­chen der ande­ren keineswegs aus der Ruhe bringen lassen. „Ich kann gut ver­stehen, dass ihr den Namen komisch findet“, hatte er einge­räumt. „Aber versucht doch mal, euch in die Erdlinge hineinzu­verset­zen. Erin­nert ihr euch an das, was ich euch über ihre Welt­raum­flüge erzählt habe? Nach unse­ren Maßstäben sind das eher Hüp­fer als Flüge. Noch nicht einmal ihren Nachbarplaneten kön­nen sie mit ihren Raumschiffen errei­chen! Sie sind sogar schon stolz, wenn sie den Spaziergang zu ih­rem Mond störungsfrei be­wälti­gen. Wie sollten sie da auf die Idee kommen, dass Wesen von einem Lichtjahre entfernten Pla­neten sich auf den Weg zu ihnen machen?“

„Gott – was ist das?“

Der Expeditionsleiter strich sich mit einem Finger über die Augen – was auf Kadohan ein Ausdruck der Geringschätzung für andere war. Dann ergänzte er: „Ver­gesst bitte nicht: Für die Erdlinge ist das Universum kein Fortbewegungsraum. Sie sehen andere Ga­laxien nur aus der Ferne. Deshalb erscheint ihnen der Kos­mos als ein einziges gro­ßes Geheimnis. Und weil ihr Denken sich ohnehin ständig mit ih­ren Gefüh­len ver­mischt, sehen sie in der Unend­lichkeit des Welt­raums eine Art Sinnbild für das, was sie ‚Gott‘ nennen.“

„Gott?“ unterbrach eine der Anwesenden den Rede­fluss des Ex­peditionsleiters. „Was soll das denn sein?“ Es war eine jüngere Teilnehmerin, die zum ersten Mal in den Expertenkreis berufen worden war.

Der Expeditionsleiter seufzte. „Das ist wirklich schwer zu erklären … Gott ist für die Erdlinge im Grunde alles, was sie nicht verste­hen können. Alles, was über ihre begrenzte Vorstellungswelt hin­ausreicht, sei es nun der innere Zusam­menhang der Dinge in ih­rer Welt oder deren Beziehung mit anderen Welten.“

„Und warum soll es dann etwas bringen, mit dem Namen unserer Firma auf den Weltraum anzuspie­len?“ wollte die Neue wissen. „Wird das die Erdlinge nicht eher verunsichern?“

„Ganz im Gegenteil!“ belehrte sie der Expeditionslei­ter. „Gerade weil sie das Universum nicht verstehen, fühlen sie sich magisch angezogen von allem, was mit ihm zusammenhängt. Sie erfinden sogar eigene Ge­schichten über Weltraumreisen, in denen sie sich das erträumen, was sie nicht erreichen können. Und ‚Star‘ ist für sie auch die Bezeichnung für Personen, die aus dem Alltag her­ausragen, für Wesen, zu denen sie auf­blicken wie zu den Sternen. Auf ent­fernte Sterne anzu­spielen und auf die geheime Kraft, die von ihnen aus­geht, macht unsere Firma also eher besonders at­traktiv für die Erdlinge.“

Ein risikoreiches Projekt

Während der Expeditionsleiter sich in dieser Frage durchsetzen konnte, musste er in einem anderen Punkt den geäußerten Be­denken nachgeben. Sein Vorschlag, die Umsetzung des Projekts ausschließlich ge­tarnten Bewohnern von Kadohan zu übertragen, wurde am Ende zurückgewiesen.

Den meisten er­schien eine solche Vorgehensweise schlicht zu ris­kant. Was, wenn die Erdlinge doch ein Sensorium für ex­trater­restrische Intelligenz haben sollten? Oder wenn, allen immunolo­gischen Vorkehrungen zum Trotz, Krankheitskeime auf die einge­schleusten Kadohaner übertragen würden? Was, wenn diese umgekehrt als Überträger von Krankheiten auf die Erdlinge identifi­ziert werden könnten?

Nein, diese Risiken schienen kaum kontrollierbar zu sein. So be­schloss man, dass nur der Grundstock der für StarWind Tätigen aus Kadohanern be­stehen sollte. Schon dabei erwiesen sich die Maßnahmen, die zur Mikroben­abwehr und zur Tarnung ergriffen werden mussten, als recht umfangreich. Manches Problem mach­te sich zudem erst bemerkbar, als es an die kon­krete Pla­nung ging.

Behaarte Erdlinge

Da waren zum Beispiel die Haare. Auf Kadohan ließ man sie schon lange nicht mehr wachsen, weil man in ihnen einen unnö­tigen Nährboden für uner­wünschte Mikroorganismen und also für mangelnde Hygiene sah. Dass dies bei den Erdlingen anders war, konnten diejenigen, die nicht an der Erkundungsmis­sion teilge­nommen hatten, zunächst gar nicht glauben.

„Und die Erdlinge laufen wirklich noch alle behaart herum?“ frag­te ein Mitglied des Expertenkreises. „Kennen sie denn gar keine Enthaarungsmittel?“

„Doch, durchaus“, stellte der Expeditionsleiter klar. „Die nutzen sie aber nicht überall. Vor allem die Kopfhaare haben für sie eine fast schon kultische Bedeutung. Es gibt sogar bestimmte Zau­bermittel, mit denen man sie angeblich wie­der wachsen lassen kann, wenn sie einem ausgefallen sind.“

Der Fragesteller schüttelte erstaunt den Kopf: „Das kommt mir ziemlich widersinnig vor.“

Der linke Mundwinkel des Expeditionsleiters zuckte leicht nach oben – sein Gefühlshirn war aktiviert wor­den. „Ihr dürft nicht vergessen, dass es sich bei den Erdlingen um keine besonders hoch entwickelte Form von Intelligenz han­delt“, erklärte er. „Sie sind noch sehr stark den primitiveren Lebensformen ver­haftet, aus denen sie hervorgegangen sind. Dies erklärt auch die An­hänglichkeit an ihre Kopfhaare. Man kann darin ein Zeichen für die Lebendigkeit des Primiti­ven in ihnen sehen.“

„Ich verstehe das trotzdem nicht“, bekannte einer der Anwesen­den. „Warum lassen sie sich denn ausgerech­net auf dem Kopf Fell stehen – gerade über dem Ge­hirn? Schämen die Erdlinge sich et­wa für ihre Intelli­genz? Oder ist diese so gering ausgeprägt, dass die Erdlinge sie gar nicht bemerken?“

Animalische Erdlinge

Der Expeditionsleiter strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ich denke, wir sollten nicht zu sehr von unserer eigenen Kultur aus­gehen“, gab er zu beden­ken. „Bei uns ist die künstliche Befruch­tung ja schon sehr lange Standard. Die Erdlinge kennen sie zwar auch, praktizieren sie aber nur, wenn es nicht anders geht. In der Regel ist die Fortpflanzung bei ihnen noch immer eine sehr ani­mali­sche Angelegenheit. Dafür braucht es dann aber auch anima­lische Reize. Auch dies könnte ein Grund für ihr Festhalten am Kopffell sein.“

„Es ist also ein bewusstes Bekenntnis zur Wildheit?“ hakte der Fragesteller nach.

„Nein“, schränkte der Expeditionsleiter ein, „keines­wegs. Die Haare werden bei den Erdlingen durchaus gezähmt. Es gibt sogar einige sehr kunstvolle Fellfor­men. Bei vielen sind sie auch ein Ausdruck der Per­sönlichkeit, so wie bei uns die Muster, die wir uns auf die Kopfhaut malen. Aber es hat eben alles zugleich ei­nen Bezug zur Fortpflanzung. Auch die Kleidung ist bei den Erdlingen körperbe­tonter, ganz anders als bei uns, wo alle in weiten Um­hängen herumlaufen.“

„Da werden wir uns ja ganz schön umstellen müssen“, bemerkte eine, die für eine Teilnahme an der nächsten Mission vorgesehen war.

Der Expeditionsleiter nickte. „Stimmt, das lässt sich nicht leug­nen. Künstliche Haare lassen sich auf der Erde aber glücklicher­weise sehr leicht beschaffen, Erdlingskleider natürlich auch. Wie wir uns allerdings in den Kleidern bewegen, ist wieder eine an­dere Sache. Wir werden sicher eine Zeit lang üben müssen, um darin nicht wie Fremdkörper zu wirken.“

„Beziehungsweise als Fremdkörper erkannt zu wer­den“, kalau­erte einer.

Hörfassung auf literaturplanetpodcast.com: Teil 1

PDF, Ebook, Druckfassung

Interview mit der Autorin (PDF, S. 45 – 49)

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