Die humanisierende Funktion des Leidensbewusstseins
Eine Reise in die Welt des Flamencos/8
Auffallend oft ist in Flamencoliedern von der „pena“, dem Kummer, die Rede. Dies dient dem Ausdruck individueller Leiderfahrungen, fördert aber zugleich auch die Sensibilität für das Leid anderer.
Podcast:
Meine unfassbaren Leiden
Nicht mehr zu fassen sind meine Leiden
für meinen Verstand.
Niedergestreckt hat mich der Tod
auf sein fahles Schmerzensbett.
Von wo nur hat er sie geworfen,
seine schlangenhafte Fessel?
Wie nur hat er sie winden können
ohne mein Wissen um meinen Leib?
Wahrlich – klein sind alle Leiden,
die von Worten sich umfangen lassen!
Die wahren Leiden bergen
schweigend wir in uns’rer Brust.
José Mercé: Eran tan grandes mis penas
[1] Gitarre: Enrique de Melchor
Albumfassung:
Die Seguiriyas: Wenn der Schrei den Gesang gebiert
Das oben wiedergegebene Lied wird zu den „Seguiriyas“ (Siguiriyas) unter den Flamenco-Varianten (Palos) gezählt. Sie sind eine der wichtigsten Erscheinungsformen des „Cante jondo“, also des „tiefgreifenden“, ernsten Flamenco-Gesangs.
Laut Federico García Lorca ist für die Seguiriya vor allem der sie einleitende „schreckliche Schrei“ („grito terrible“) charakteristisch [2]. Dieser Schrei teile, so Lorca, die Welt in „zwei ideale Hemisphären“: die des Leids und die des Glücks, der „Elegie“ des unwiederbringlich Verlorenen und der „pathetischen Beschwörung der Liebe unter anderen Monden und anderen Winden“. Sobald der Schrei verklungen sei, erhebe sich jedoch der „Edelstein“ der Melodie wie „eine klangvolle Träne auf dem Fluss der Stimme“ [3].
Der einleitende Schrei der Seguiriya erscheint damit als eine Art Urschrei, der menschliche Empfindsamkeit in einem elementaren Sinn – sowohl als ekstatische Freude als auch im Sinne tiefster Trauer – zum Ausdruck bringt [4]. Die Trostfunktion des Gesangs tritt dabei gerade durch den expliziten Gegensatz zur rohen, ungestalteten Empfindung vor Augen.
Verstärkt werden kann dies auch hier wieder – wie in der in früheren Beiträgen dieser Reihe thematisierten Petenera – durch den tänzerischen Ausdruck der eigenen Empfindungen. Der Tanz verhilft hier dazu, die in der Seele eingeschlossenen Emotionen nach außen zu tragen, sich also buchstäblich „zu öffnen“. Dies hat auf der subjektiven Ebene einen befreienden Charakter, erleichtert es aber zugleich auch anderen, sich in die entsprechenden Gefühlskomplexe hineinzuversetzen [5].
Der Gesang des Unfassbaren
In dem von José Mercé gesungenen Lied spiegelt sich der von Lorca beschriebene „schreckliche“ Schrei auch auf der Inhaltsebene wider. Angesprochen wird dabei offenbar eine Krankheit mit einem so schweren Verlauf, dass kaum auf Heilung zu hoffen ist.
Das Lied thematisiert den existenziellen Kern der Tragik, von der das menschliche Dasein bestimmt ist: sein „Zum-Tode-Sein“. Dem entspricht die Beschreibung der Leiden als etwas „Unfassbares“, das weder vom Verstand zu begreifen ist noch sich in Worte fassen lässt [6].
Der Tod übersteigt eben das menschliche Vorstellungsvermögen: Wir wissen, dass wir ihn erleiden müssen, doch bleibt er für unsere konkrete Empfindung so lange unzugänglich, bis wir ihm konkret ausgesetzt sind. So ist er gleichzeitig die größte Gewissheit und das größte Mysterium in unserem Leben.
„Eran tan grandes mis penas“: ein Leitmotiv im Cante jondo
Die einleitenden Zeilen des Liedes – „Eran tan grandes mis penas“ („So groß waren meine Leiden“) – sind in dieser oder einer ähnlichen Form auch in zahlreichen anderen Flamenco-Liedern im Stil des Cante jondo ein zentrales Textelement. Auch in Aufnahmen aus neuerer Zeit ist die Textzeile immer wieder zu hören [7].
Dies liegt zunächst an der mündlichen Überlieferungspraxis der Lieder. Sie hat dazu geführt, dass die einzelnen Textbausteine immer wieder neu miteinander kombiniert worden sind. Dabei hat sich die Anspielung auf das unermessliche Leid, das dem menschlichen Leben inhärent ist, offenbar zu einer Art Leitmotiv entwickelt, das in unterschiedliche Kontexte eingeflossen ist.
Einer dieser Kontexte ist das Leiden Christi am Kreuz. So gehört etwa die folgende Strophe, die mit einem fast gleichlautenden Anfang beginnt („Tan grandes eran mis penas“), zu einem kontemplativen Gesang „delante de un crucifijo“ (vor einem Kruzifix):
„Zu groß sind die Wogen meiner Leiden
für den Hafen meiner Seele.
Sie türmen sich hintereinander auf
wie Wellen in einem bewegten Meer.“ [8]
Die erlösende Kraft der Empathie
Die beiden genannten Verwendungskontexte der Liedzeile lassen sich auch als gegenseitige Ergänzung verstehen. Die im ersten Lied angesprochene Krankheit könnte dabei als eine „Krankheit zum Tode“ im Sinne Sören Kierkegaards gedeutet werden – also als ein Gefühl absoluter Verlorenheit, einer existenziellen Verzweiflung, die sich in der Philosophie Kierkegaards nur durch einen „Sprung in den Glauben“ überwinden lässt [9].
Im Kontext der Leidensmotivik der Seguiriya und verwandter Liedformen ist hierbei nun allerdings nicht in erster Linie an die mit diesem Glauben verbundene Jenseitshoffnung zu denken. Die Erlösungswirkung der „Hinwendung zum Kreuz“ ergibt sich hier vielmehr gerade aus der bewussten Hinwendung zum dem menschlichen Leben innewohnenden Leiden.
Dabei geht es zum einen um die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Leiden. In engem Zusammenhang damit steht jedoch das Mit-Leiden, also die unbedingte Bereitschaft, das Leid anderer zu teilen und nach Möglichkeit zu lindern.
Im Vordergrund steht hier also explizit die Botschaft des Neuen Testaments: die durch den Kreuzestod Christi symbolisierte Bereitschaft, das „Leid der Welt“ auf sich zu nehmen. Zentral ist dabei der aktive Nachvollzug dieser Symbolik. Das Martyrium Christi wird nicht als stellvertretende Erlösung der Menschheit gesehen, sondern als Aufforderung, an dieser Erlösung durch das aktive Mitleiden mit anderen zu arbeiten.
Der Leidensmotivik kommt damit hier eine ausgesprochen humane Funktion zu. Die intensive Hinwendung zur leidenden Kreatur lässt sich als permanente Übung in Empathie verstehen. Dies fördert einen friedfertigen Umgang miteinander, der stets die möglichen leidvollen Folgen des eigenen Tuns für andere mitbedenkt.
Anmerkungen
[1] Eran tan grandes mis penas ist das sechste Lied auf dem 1987 erschienenen Album Caminos reales del cante von José Mercé (vgl. canteytoque.es). Die letzte Strophe ist Manuel Machados Gedichtsammlung Cante Hondo (1912) entnommen (La „Toná“ de la Fragua: Seguiriyas gitanas, Nr. 22):
Eran tan grandes mis penas
que no caben más
porque me veo malito de muerte
en el hospital
Yo no sé por donde
ni por donde no
se me ha liado esta soguita al cuerpo
sin saberlo yo
Las que se publican
no son grandes penas
las que se callan y se llevan por dentro
son las verdaderas
[2] Federico García Lorca: El Cante Jondo (Primitivo Canto Andaluz). Vortrag, gehalten am 19. Februar 1922 im Kulturzentrum von Granada.
[3] Ebd. Der nach Lorca klassische klagende Beginn eines „cante por seguiriya“, also eines Gesangs in der Art einer Seguiriya, ist gut in einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 2017 herauszuhören, in der José Mercé zum Gitarrenspiel von Antonio Higuero singt: José Mercé por Seguiriyas, Puente Genil 2017.
[4] Lieder im Stil des Cante jondo sieht Lorca vor diesem Hintergrund nicht als Produkt intellektueller Reflexion, sondern als Manifestation eines natürlichen Ausdrucksdrangs. Sie entstünden mit naturhafter Notwendigkeit, „wie ein weiterer Baum in der Landschaft, wie ein weiterer Brunnen in der Allee.“ Die Lieder hätten folglich auch eine besondere Affinität zu Naturgeräuschen:
„Der Cante jondo ähnelt dem tirilierenden Gesang des Vogels, dem krächzenden Gesang des Hahns und der natürlichen Musik des Waldes und der Quellen.“ (Lorca, ebd.)
[5] Ein eindrückliches Beispiel für einen Tanz im Stil einer Seguiriya bietet Arleen Hurtado zum Gitarrenspiel von Ben Woods.
[6] Hierin lässt sich ein weiterer Grund für die personifizierende Darstellung der Pena im Cante jondo sehen, auf die im Beitrag zu Camarón de la Islas Song Soy gitano hingewiesen wurde (vgl. darin Anm. 2): Die Personifizierung macht das Unfassbare fassbar.
[7] In der Textsammlung auf der Website canteytoque.es findet sich die Textzeile, teilweise in Verbindung mit weiteren Übereinstimmungen mit dem Lied von José Mercé, auch bei Juan Varea, Manuel Torre, Manuel Soto Sordera und Manuel de los Santos Gallardo („Agujetas el Viejo“). In leicht abgewandelter Form („Qué grandes son mis penitas“) ist die Textzeile ferner in Liedern von Juanata de Jerez („El Juanata“), Miguel Borrull Giménez (Miguel Borrull hijo), Manuel Agujeta und Pepe de la Matrona enthalten (vgl. ebd.).
Das Bild des sich um den Körper schlingenden Seils, das José Mercé in der zweiten Strophe verwendet, ist ebenfalls ein häufiger auftauchender Textbaustein (vgl. u.a. die auf oben genannter Website aufgeführten Seguiriyas von Manuel Moneo und Juan Villar und das Lied Con una soguita al cuello – „Mit einer Schlinge um den Hals“ – von Manuel Soto Sordera).
[8] Die Verse finden sich, in diesen Kontext eingeordnet, auf flamencobase.com: Delante de un crucifijo:
Tan grandes eran mis penas
que no las puedo aguantar
se unen unas con otras
como las olas del mar
Die Zeilen können zudem auch als Textbaustein in andere Lieder einfließen – so etwa in eine Soleá por Bulerías von Enrique Morente aus dem Jahr 1995 (eingestellt auf blogs.canalsur.es), wo sie die dritte Strophe bilden.
[9] Vgl. Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode (1849). In: Ders.: Werke in fünf Bänden, herausgegeben von Liselotte Richter, Bd. 4. Reinbek 1962: Rowohlt.
Bild: Julio Romero de Torres (1874 – 1930): Horas de angustia (Stunden der Angst; 1904); Córdoba, Museo Julio Romero de Torres (Wikimedia commons)