Zu Paul Verlaines Gedicht Soleils couchants (Sonnenuntergänge)
Paul Verlaine sah die Poesie als eine eigene Welt, die ihren Sinn aus sich selbst generiert. Ein wichtiger Aspekt war für ihn dabei die Musikalität der Dichtung.
Sonnenuntergänge
Ein schwacher Dämmerschimmer gießt
über das dunstverhangene Feld
die Schwermut, die purpurn umfließt
am Abend die Welt.
Das Schiff der Schwermut entführt
mit sanften Wiegegesängen
mein Herz, das so sich verliert
im Traum von Sonnenuntergängen.
Und fremde Gesichte, weit
wie die zerfließende Glut
über des Meeres Unendlichkeit,
Gespenster aus purpurnem Blut,
ziehen vorbei, ein endlos' Geleit,
ziehen vorbei, ganz wie die Glut,
wie die zerfließende Glut
über des Meeres Unendlichkeit.
Paul Verlaine: Soleils couchants aus: Poèmes saturniens (1866) Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 26 f. Paris 1902: Vanier Vertonung von Léo Ferré (1916 – 1993): Soleils couchants aus: Léo Ferré chante Verlaine et Rimbaud (1964)
Ein musikalisches Gedicht
„De la musique avant toute chose“ – vor allem muss es musikalisch sein. Dies ist der Leitgedanke der Lyrik Paul Verlaines, den er denn auch an den Anfang seines programmatischen Gedichts Art poétique (Die Dichtkunst) stellte [1].
Diese besondere Musikalität der Dichtung spiegelt sich auch in seinem Gedicht Sonnenuntergänge wider. Der entscheidende musikalische Effekt ergibt sich dabei aus dem Wechsel zwischen hellen und dunklen Vokalen in den Reimen. Dadurch erzeugen die Verse eine Art Zwischenwelt, in denen Dur- und Molltöne zu einem neuen Klangraum zusammenfließen.
Die Eigenständigkeit der Klangwelt entspricht dabei Verlaines Überzeugung von einer Eigenweltlichkeit der Dichtung. Die Musikalität der Dichtung ist damit kein Selbstzweck. Vielmehr dient sie dazu, dichterische Stimmungen unabhängig von den sprachlich vorgeprägten Deutungs- und Erfahrungsmustern wiederzugeben.
Eingeschränktes Bekenntnis zum Reim
Verlaines Verhältnis zum Reim ist ambivalent. Auf den ersten Blick scheint der Zwang zum Reim der Vorstellung einer Dichtung, die sich von vorgegebenen sprachlichen Mustern und dem Korsett strenger Formen lösen möchte, zu widersprechen. Er erscheint aus dieser Perspektive als unnötige Fessel, die neuartigen dichterischen Klängen eher im Wege steht. Folgerichtig verhöhnt Verlaine den Reim in seiner Art poétique auch als Erfindung eines „tauben Kindes“ [2].
Nichtsdestotrotz hält Verlaine den Reim in einer Dichtung, die eine Musikalität im oben beschriebenen Sinn anstrebt, für unverzichtbar. Er plädiert allerdings für einen „Rime assagie“, also einen „weiseren“, bewussteren und kontrollierteren Einsatz des Reimes. Denn „wohin führt es wohl, wenn wir ihn nicht überwachen?“ [3]
Ähnlich hat sich Verlaine 1888 in dem Essay Un mot sur la rime (Ein Wort über den Reim) geäußert. Darin betont er, nicht der Reim selbst sei „verdammenswert“, sondern lediglich seine missbräuchliche Verwendung. Deshalb ganz auf ihn zu verzichten, sei jedoch auch nicht empfehlenswert, da „unsere wenig akzentuierte Sprache“ ohne ihn keine Dichtung hervorbringen könne [4].
Il pleure dans mon cœur …
Zum Abschluss sei an dieser Stelle noch auf jenes Gedicht hingewiesen, das oft als typisches Beispiel für Verlaines musikalisches Dichtungsideals angeführt wird. Darin verknüpft der Dichter die Monotonie des rauschenden Regens mit der melancholischen Gestimmtheit des lyrischen Ichs.
Ganz im Sinne der postulierten musikalischen Dichtung tritt hier die konkrete Bedeutung der einzelnen Worte zurück hinter der besonderen Harmonie, die durch Rhythmus, Assonanzen und Reime erzeugt wird. Die sprachliche Welt wird so durch einen eigenen Klangraum transzendiert, durch den sich die Dichtung jener gegenüber in ihrer Autonomie behauptet:

aus: Romances sans paroles, 1874; Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 155 f. Paris 1902: Vanier.
Vertonung von Gabriel Fauré (1845 – 1924); Gérard Souzay (Gesang) und Jaqueline Bonneau (Klavier): Spleen (1888)
Nachweise
[1] Paul Verlaine: Art poétique (1874); Erstveröffentlichung in Paris Moderne (1882); in einer Gedichtsammlung Verlaines zuerst in Jadis et naguère, (1884); hier zit. nach Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 311 f. Paris 1902: Vanier.
[2] Ebd., S. 312.
[3] „Si l’on n’y veille, elle ira jusqu’où?“ (ebd.)
[4] Paul Verlaine:Un mot sur la rime; Erstveröffentlichung in Le Décadent (1888); hier zit. nach Oeuvres posthumes, Bd. 2, S. 281 – 288 (hier S. 281). Paris 1913: Messein.
PDF/Ebook: Paul Verlaine im Spiegel seiner Gedichte. Ein Blick auf Leben und Werk des Dichters.
Bild: Ivan Choultsé (1874 – 1939): Adriatischer Sonnenuntergang; Wikimedia commons