Der Papst als Antichrist

Gedichte Walthers von der Vogelweide/10

Walther von der Vogelweide hat teilweise sehr heftige Kritik an Papsttum und Amtskirche geübt. Darin spiegelt sich die religiöse Erneuerungssehnsucht seiner Zeit, aber auch der Machtkampf zwischen Papst- und Kaisertum wider.

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Der neue Judas

Verwirrung hält die ganze Welt umfangen.
Alle klagen, aber niemand weiß:
Unser Vater ist's, der Papst in Rom,
dem unser Wehklagen geschuldet ist.

Denn seht: Als stolzer Vater schreitet er voran,
und wir folgen jedem seiner Schritte,
den Fuß in seine Spuren drückend.
Dies aber kann uns in die Irre führen:

Treibt ihn gieriges Verlangen,
so sind auch wir von Gier getrieben.
Ist von Lug und Trug sein Tun bestimmt,
so lügen und betrügen wir mit ihm.

Drum lässt sich kaum zum Schweigen bringen
der Argwohn, der aus solchem Tun erwächst:
Lebt in dem neuen Judas auf dem Thron
vielleicht der Geist des alten Judas fort?

(Wir klagen alle und wizzen doch niht, waz uns wirret; L 33,11; textkritische Edition in LdM)

Der Papst als Verräter der Christenheit

Ein relativ großer Teil von Walthers Spruchdichtung kreist um die Kritik an Kirche und Papsttum. Die entsprechenden Verse werden auch treffend unter dem Begriff „Unmutston“ zusammengefasst.

Das oben wiedergegebene, auf 1213 datierte Gedicht spricht zunächst ganz generell die Problematik einer auf eine Person zugeschnittenen Organisationsstruktur an: Was, wenn die Person, die das Amt ausfüllt, diesem nicht gewachsen ist? Wenn sie ein schlechtes Vorbild abgibt? Wird das nicht auf alle Menschen, die in dieser Person einen Spiegel ihrer Gemeinschaft sehen, abfärben?

In engem Zusammenhang damit greift das Gedicht die Kirchenkritik auf, die das ganze Mittelalter über virulent war. Denn die Person, an der Walther seine Überlegungen exemplifiziert, ist niemand anderes als der Papst.

Die Kritik an der Amtsführung des höchsten kirchlichen Würdenträgers könnte dabei kaum heftiger ausfallen: Indem er als Reinkarnation des biblischen Judas charakterisiert wird, erscheint er nicht nur als Verräter des Erlösers und seiner Botschaft, sondern letztlich als Verräter der gesamten Christenheit.

Die Heftigkeit von Walthers Papstkritik war zu seiner Zeit allerdings kein Einzelfall. Kirchenkritische Töne waren das ganze Mittelalter hindurch zu hören. Sie führten zu wiederholten Erneuerungsbewegungen, deren deutlichstes Anzeichen die regelmäßigen Ordensneugründungen waren.

Zentrale Aspekte von Walthers Kirchenkritik

Walthers kirchenkritische Verse stehen am Anfang einer neuen Reformwelle: Der von den zisterziensischen und kartäusischen Klostergründungen zu Beginn des 12. Jahrhunderts ausgegangene Reformschwung war abgeebbt, die 1209 respektive 1215 gegründeten Franziskaner- und Dominikanerorden befanden sich gerade erst in der Entstehungsphase. Walther blickte also nicht mit der Hoffnung auf Erneuerung, sondern aus der Perspektive eines abermaligen Verfalls der Sitten auf die Kirche. Seine zentralen Kritikpunkte betreffen dabei die folgenden Aspekte:

Lasterhaftigkeit und Heuchelei
„Uns verheißen sie [die Geistlichen] den Himmel,
wenn wir auf ihre Worte hören.
Mit ihren eig’nen Werken aber streben sie,
sich selbst zum Hohn, der Hölle zu.
Sollten nicht die Pfaffen
keuscher als die Laien sein?
In welchen Schriften haben sie gelesen,
dass ihr Sinnen und ihr Trachten
der Fleischeslust geweiht sein soll?“

(Ir bischofe und ir edelen pfaffen, ir sît verleitet; L 33,1; textkritische Edition in LdM)

Inkonsequenz und Opportunismus
„Als Laie wundert man sich über das,
was uns die Pfaffen lehren.
Die Worte, die sie gestern uns verkündet haben,
sollen heute widerrufen werden.
So muss das Alte doch oder das Neue
eine erlogene Lehre sein.
Ehrfurcht vor Gott und ihrem eig’nen Amt
gebietet aber, dass sie Klarheit schaffen.
Es passen nämlich nicht
in einen Mund zwei Zungen.“

(Got gît ze künige, swen er wil; L 12,30; textkritische Edition in LdM)

Zweckentfremdung von Geldern
„Hält einen Schatz erst in der Hand ein Pfaffe,
wird er ihn nie mit andern teilen.
So werden mildtätige Menschen
am Opferstock für ihn zu Spottgestalten.“

(Sâgent an, her Stoc, hât iuch der bâbest her gesendet; L 34, 14; textkritische Edition in LdM)

Wenn Walther auch allgemein kirchenkritische Töne anschlug, so sah er das Grundübel der Kirche – wie das eingangs wiedergegebene Gedicht zeigt – doch in der Kirchenführung, also letztlich im Papsttum, das als schlechtes Vorbild zu einer Abweichung von der christlichen Lehre einlade. Insbesondere Innozenz III., der von 1198 bis 1216 als Papst amtierte, wurde dabei auch relativ unverhohlen und direkt von ihm kritisiert.

In Bezug auf die Zweckentfremdung von Geldern warf Walther dem Papst beispielsweise vor, für einen Kreuzzug bestimmte Mittel nicht wie vorgesehen, sondern für die Ausschmückung von Lateranbasilika und -palast – der damaligen Residenz der Päpste – zu verwenden: „Ich glaube, es kommt nur wenig von dem Silber zu Hilfe in Gottes Land“ („ich wæne des silbers wênig kumet ze helfe in gotes lant“; L 34,14).

Walthers Position im Machtkampf zwischen Papst und Kaiser

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt Walthers betrifft den Umgang des obersten geistlichen mit dem obersten weltlichen Vertreter der Christenheit, also das Verhältnis zwischen Papst- und Kaisertum. In theoretischer Hinsicht ging es dabei um die Frage, wer letztlich der oberste Schutzherr der Christenheit ist. Ganz praktisch drehte sich der Konflikt jedoch auch um Machtfragen.

Offen ausgebrochen war dieser Konflikt im Investiturstreit, als zur Zeit der salischen Kaiser Papst und Kaiser sich gegenseitig das Recht zur Einsetzung („Investitur“) der Bischöfe und Äbte streitig gemacht hatten. Angesichts der Tatsache, dass Bischöfe und Klöster damals über beträchtliche Besitztümer und auch weltliche Herrschaftsbefugnisse verfügten, war mit dem Recht zur Besetzung dieser Posten auch ein beträchtliches Machtpotenzial verbunden.

Dieser Streit wurde 1122 im Wormser Konkordat beigelegt. Darin wurde festgelegt, dass zwar Weihe und Ernennung der hohen Geistlichen durch die Kirche erfolgen, der Kaiser den Betreffenden aber die weltliche Macht verleihen sollte. Dadurch wurde einerseits der Autonomieanspruch der Kirche gestärkt. Andererseits wurde dem weltlichen Herrscher so eine Art von Vetorecht eingeräumt. Dies erlaubte es ihm bereits im Vorfeld von Ernennungen, seine Position zur Geltung zu bringen und somit Einfluss auf die Postenbesetzungen zu nehmen.

Die offizielle Beilegung des Investiturstreits bedeutete allerdings keineswegs, dass damit auch der Machtkampf zwischen Papst und Kaiser entschieden worden wäre. So wurde von Seiten der Päpste immer wieder versucht, über das Recht zur Kaiserkrönung ein Gegengewicht zur größeren weltlichen Machtfülle der Kaiser zu etablieren.

Innozenz III. setzte dieses Recht aktiv als machtpolitisches Instrument ein. Zunächst unterstützte er im Thronstreit Otto von Poitou gegen den staufischen Thronanwärter Friedrich II. und dessen Onkel Philipp von Schwaben. Der Grund dafür war die Angst vor einer Einkreisung des Kirchenstaates durch die Staufer, die auch über das bis an dessen Grenzen reichende Königreich Sizilien herrschten.

Nachdem Otto IV. jedoch 1209 zum Kaiser gekrönt worden war, wandte er sich gegen den Papst und versuchte nicht nur die Macht der Staufer im Süden Italiens zu brechen, sondern auch Teile des Kirchenstaates unter seine Kontrolle zu bringen. Daraufhin wurde Otto bereits im Jahr nach der Kaiserkrönung von Innozenz III. exkommuniziert. Zugleich unterstützte er Ottos Kontrahenten Friedrich II. bei der 1212 erfolgten Königswahl, nachdem er ihn bereits 1211 als „anderen Kaiser“ ins Gespräch gebracht hatte.

Dieser offene Einsatz des Rechts zur Kaiserkrönung als Mittel der Machtpolitik war ein zentraler Aspekt der Kritik Walthers am damaligen Papst. Dafür legte er ihm in satirischer Weise die folgenden Worte in den Mund:

"Zwei Deutschen habe ich die Krone aufgesetzt,
auf dass sie mit Verwirrung und Verwüstung
das eigene Reich überziehen.
Und während sie sich streiten, füllen wir
mit deutschem Silber unsere Truhen."

(Ahî, wie kristenlîche nû der bâbest lachet; L 34,4; textkritische Edition in LdM)

Persönliche Motive für Walthers Papstkritik

Außer moralischen gab es für Walthers Papstkritik wohl auch persönliche Gründe. So dürfte es ihm kaum gefallen haben, dass Friedrich II. im Dezember 1212 mit dem Segen des Papstes zum Gegenkönig erhoben wurde. Schließlich hatte Walther dem konkurrierenden Welfenkaiser Otto – der zu dem Zeitpunkt bereits exkommuniziert worden war – noch im März 1212 auf dem Frankfurter Reichstag dichterisch gehuldigt.

Hinzu kam, dass Walther als Minnesänger hauptsächlich von weltlichen Herrschern Unterstützung erhielt. Zwar unterhielt er auch Kontakte zu geistlichen Herrschern – wie etwa zu Erzbischof Engelbert von Köln oder dem Passauer Bischof Wolfger von Erla. Seine hauptsächlichen Mäzene wirkten jedoch an weltlichen Höfen.

So könnte Walthers persönliche Lebenssituation seiner Kritik an Papst und Amtskirche eine zusätzliche Schärfe verliehen haben. Die Exkommunikationspraxis der Kirche kontert er etwa mit dem Vorwurf, dies träfe die Falschen – der eigentliche Adressat des Banns müsste der Papst sein: „Sie bannten, wen sie bannen wollten – nicht den, den sie bannen sollten“ („si bienen die si wolten, / und niht den si solten“; L 9,16).

Der Papst als Teufelsbündler

An anderer Stelle vergleicht er den gegenwärtigen Papst mit einem seiner Vorgänger, nämlich Gerbert von Aurillac, der von 999 bis 1003 die Papstwürde innegehabt hatte. Aufgrund der für seine Zeit außergewöhnlichen Aufgeschlossenheit gegenüber wissenschaftlichen – insbesondere astronomischen und mathematischen – Erkenntnissen und technischen Errungenschaften – wie etwa mechanischen Uhren – wurde ihm von den Zeitgenossen ein Teufelspakt unterstellt.

Hierauf nimmt Walther Bezug, indem er dichtet, der „Zauberer Gerbert“ (zouberære Gêrbrehte) habe wenigstens nur sich selbst ins Verderben gestürzt („zu Fall gebracht“). Dagegen sei durch den aktuellen Papst auch die gesamte Christenheit dem Untergang geweiht („sô wil sich dirre und al die kristenheit ze valle geben“; L 33,21).

Der Papst erscheint so nicht nur als Reinkarnation des biblischen Judas, sondern als Personifikation des Antichristen. Walther nimmt damit die Eskalation der gegenseitigen Schmähungen von weltlicher und geistlicher Macht unter Friedrich II. vorweg.

Letzterer wurde von päpstlicher Seite in ähnlicher Weise als Antichrist verteufelt: Seine tolerante Haltung gegenüber dem Islam und seine Offenheit gegenüber den modernen Wissenschaften erregten den Argwohn der Kurie und dienten als Vorwand, die dem eigenen Herrschaftsanspruch zuwiderlaufende Machtfülle Friedrichs zu hinterfragen. Nachdem er zweimal exkommuniziert worden war, setzte Papst Innozenz IV. ihn schließlich 1245 als Kaiser ab.

Prophetische Walther-Verse

Papst- und Kaisertum haben sich so in ihrem Streben nach der absoluten Macht gegenseitig geschwächt. Beide gerieten dadurch am Ende in die Abhängigkeit anderer Herrscher, mit denen sie die Macht teilen mussten, um sich selbst an der Macht zu halten.

Im Falle des Kaisertums waren dies die immer selbstbewusster auftretenden Landesherren. Das Papsttum stützte sich im Spätmittelalter verstärkt auf die Banken und die führenden Familien in den aufstrebenden Stadtstaaten Norditaliens. Diese sicherten ihm zwar das finanzielle Überleben, bescherten ihm aber gleichzeitig Renaissance-Kirchenfürsten, die nicht eben als moralische Vorbilder in die Geschichte eingegangen sind.

So verknüpften die aus der Florentiner Medici-Dynastie stammenden Päpste des 16. Jahrhunderts offen die finanziellen Interessen ihrer Familie mit denen ihrer Regentschaft. Die Förderung des Ablasshandels zur Finanzierung des Petersdoms und die offene Zurschaustellung ihres Reichtums begünstigten die rasche Ausbreitung der Reformationsbewegung.

Recht weit von christlichen Idealen entfernt war bereits zuvor das Pontifikat des aus Aragón (Aragonien) stammenden Papstes Alexander VI. (1492 – 1503).  Er hatte u.a. mit Hilfe seines Sohnes Cesare Borgia seinen Schwiegersohn aus machtpolitischen Gründen töten lassen und erscheint so geradezu als späte Bestätigung von Walthers Vision des Antichristen auf dem Papstthron.

Bild: Die zwei Gesichter des Papstes; Papst-Karikatur aus dem 16. Jahrhundert; Utrecht/Niederlande, Museum für religiöse Kunst (Museum Catharijneconvent); Wikimedia commons



































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