Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/15
Unmittelbar nach seiner Predigt gegen „das Übel der Hexerei“ klagt Bruder Heinrich eine Frau eben dieses Verbrechens an. Zu seinem Entsetzen muss Theo feststellen, dass es sich bei der Beklagten um seine Freundin Lina handelt, die wie er im Jahr 1485 gestrandet ist.
Worum es geht
In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.
Leseprobe: Die Hexensalbe
Zu dem im Kreuzgang des Klosters stattfindenden Hexenprozess sind neben einigen Ratsherren auch ein paar Mönche geladen. Zu Beginn des Prozesses wird der Beklagten ein Trank verabreicht, der den Teufel von ihr fernhalten und sie dazu bringen soll, ihre Taten zu gestehen. Danach präsentiert der Prediger die angeblichen Beweisstücke für die Schuld der Angeklagten:
Bruder Heinrich winkte einen seiner Helfer zu sich und ließ sich von ihm einen der auf dem Tisch liegenden Gegenstände reichen. Dieses vermeintlich unerschütterliche Beweismittel hielt er nun feierlich in die Höhe. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es sich um eine kleine Tube Make-up handelte.
„Ist dies deine Salbe?“ fragte er die Angeklagte.
Lina sah ihn entgeistert an. „Ja, aber …“
Der Prediger ließ sie nicht ausreden. „Diese Salbe“, erläuterte er den Ratsherren, „haben meine Gehilfen in der Kammer der Beklagten sichergestellt. Sie ist auch für das ungeübte Auge als Hexensalbe erkennbar, da das Gefäß, in dem sie aufbewahrt wird, ganz mit Zauberzeichen bedeckt ist. Ich lese diese nun für das Protokoll vor.“
Er blickte kurz zu Albertus herüber, um sich zu vergewissern, dass dieser auch mitschrieb. Dann las er mit lauter Stimme die auf die Tube aufgedruckte Aufschrift vor.
Da er die Worte natürlich nicht verstand, sondern sie entsprechend den Schreib- und Redekonventionen seiner Zeit und seines Sprachraums vorlas, klangen sie in der Tat geheimnisvoll. Zudem verfiel er beim Lesen in einen monotonen, beschwörend klingenden Singsang: „LABORATOIRES AERA TEINT TECHNOLOGIE MICRO-AEREE NON OCCLUSIVE FOND DE TEINT CREME SATINEE ULTRA CONFORT TEINT CLAIR 23 IVORY SPF 14 HYPOALLERGENIQUE.“
Er ließ die Worte kurz auf die sichtlich beeindruckten Zuhörer wirken, dann ergänzte er: „Auf der Rückseite des Gefäßes sind in kleiner Schrift weitere Worte zu lesen. Dabei handelt es sich offenbar um die Stoffe, welche die Hexen für die Herstellung der Salbe benötigen. Wahrscheinlich ist dort auch angegeben, für welchen Zauber die Salbe wirksam ist. Wem dies alles noch nicht Beweis genug ist, dass es sich hierbei um eine Hexensalbe handelt, der möge zusehen, wie das Gefäß zu gebrauchen ist.“
Er öffnete die Tube und drückte ihre untere Hälfte kräftig zusammen, so dass sich ein ganzer Schwall von Make-up in Linas Richtung ergoss. Dabei hielt er die Tube in unzweideutiger Weise vor seine Lenden – eine Geste, die eigentlich weder er selbst noch die zuhörenden Mönche hätten verstehen dürfen, hätten sie immer keusch gelebt.
Triumphierend fragte er: „Wer wollte jetzt noch daran zweifeln, dass wir es hier mit einer Teufelssalbe zu tun haben?“
An dieser Stelle stand Lina, deren Hüsteln sich während der Beweisführung des Prediger-Richters weiter verstärkt hatte, halb von ihrem Stuhl auf und stammelte: „Entschuldigung, ich glaube, ich muss …“
Weiter kam sie nicht. Sie schaffte es gerade noch bis zum Anfang des Kräuterbeets, wo das ihr eingeflößte Gebräu förmlich aus ihr herausbrach.
Die Wachen, die Lina am Verlassen ihres Stuhls hindern wollten, wurden von Bruder Heinrich zurückgehalten. „Lasst nur“, beruhigte er sie. „Es ist ein gutes Zeichen: Jetzt scheidet sie das Gift aus, mit dem sie sich gegen die Macht des Gerichts hatte feien wollen!“
In der Tat versuchten die Wachen nicht, Lina zurück auf ihren Platz zu zerren. Der Grund dafür waren jedoch nicht die beschwichtigenden Worte des großen Hexenverstehers. Die Ursache ihres plötzlichen salzsäulenhaften Innehaltens war vielmehr dieselbe, die auch die übrigen Anwesenden erstarren ließ.
Irritiert folgte schließlich auch Bruder Heinrich den Blicken der anderen. Sie alle sahen das, was auch ich mit wachsendem Entsetzen erkannte: In der Eile hatte Lina nicht mehr darauf achten können, sich vor den Sonnenstrahlen in Acht zu nehmen.
Sobald sie aus dem dunklen Kreuzgang in den Klosterhof trat, wurde daher deutlich, was bislang den Blicken verborgen geblieben war: dass die Sonne noch den kleinsten Grashalm, das unbedeutendste Wildkraut mit einem dunklen Spiegelbild versah, Linas Körper aber von ihr vollständig missachtet wurde.
Podcast, Teil III:
Episode 12:
Linas Schattenlosigkeit wird von Bruder Heinrich als weiteres Zeichen ihrer Schuld gedeutet. Da sie sich dennoch hartnäckig weigert, die ihr vorgeworfenen Taten zu gestehen, muss sie sich einer Hexenprobe unterziehen.
Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)
Bild: Hexenprozess; Illustration aus Bär, Adolf / Quensel, Paul (Hg.): Bildersaal deutscher Geschichte. Zwei Jahrtausende deutschen Lebens in Bild und Wort, Bd. 1. Stuttgart 1890: Union Deutsche Verlagsgesellschaft (Wikimedia commons)