Als Feingeist unter Rittern

Gedichte Walthers von der Vogelweide/5

In der berühmten Abbildung in der Manessischen Liederhandschrift wird Walther von der Vogelweide als eine Art Dichterkönig porträtiert. Sein Alltag als Dichter war jedoch von so vielen Hindernissen geprägt, dass er sich kaum sehr „königlich“ gefühlt haben dürfte.

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Am Thüringer Hof

Wer an einem Ohrenleiden krankt, dem rate ich:
Mach einen Bogen um den Hof von Thüringen.
Denn wenn du dorthin deine Schritte lenkst,
so wirst Gehör du und Verstand verlieren.

Der Landgraf ist von solchem Schlag,
dass er sein Hab und Gut vertrinkt
mit kampferprobten Ritterscharen,
die laut sich ihrer Heldentaten rühmen.

So großmütig ist er, dass um jeden Preis
er seine Gäste bewirten würde.
Und kostete ein Fass auch tausend Pfund –
die Becher seiner Gäste wären niemals leer.

So verdrängt ein Gästeheer das andere,
Tag und Nacht wird Wein getrunken
fuderweise. Da ist's ein Wunder, dass der Hof
nicht längst in tauber Nacht versunken ist.

(Der in den ôren siech von ungesühte sî; L 20,4; textkritische Edition in LdM)

Walther als Dichterkönig

Wie Walther von der Vogelweide ausgesehen hat, wissen wir, wie gesagt, nicht. Die überlieferten Bilder von ihm sind alle erst lange nach seinem Tod entstanden. Sie sind zudem stark stilisiert und ähneln denen anderer Minnesänger. Den damaligen Künstlern ging es dabei nicht darum, der vermuteten Physiognomie des Dichters nahezukommen, sondern ihn durch den Verweis auf Charakteristika seiner – aus seinem Werk abzulesenden – Persönlichkeit zu porträtieren.

Vor allem eine Darstellung hat unser Waltherbild nachhaltig geprägt. Dabei handelt es sich um die Abbildung in der um 1300 entstandenen Großen Heidelberger Liederhandschrift, die nach ihrem mutmaßlichen Auftraggeber, dem Züricher Ratsherrn Rüdiger Manesse, auch „Manessische Liederhandschrift“ oder „Codex Manesse“ genannt wird.

Die Abbildung zeigt Walther sinnierend auf einem Felsen, eine Hand auf die Knie gestützt. Sie bezieht sich auf den Anfang des ersten Spruchs im Reichston, also der berühmten „Reichsklage“ des Dichters:

"Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine;
dar ûf sazte ich mîn ellenbogen,
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben (…)"
"Mit übereinandergeschlagenen Beinen,
einen Ellbogen aufs Knie gestützt,
das Kinn und meine Wange
in meine Hand geschmiegt –
so saß ich einst gedankenversunken
auf einem Felsen und fragte mich:
Wie soll man leben auf dieser Welt?"

(Ich saz ûf eime steine; L 8,4; textkritische Edition in LdM)

Das auf diesen Versen beruhende Porträt Walthers in der Manessischen Liederhandschrift zeichnet das Bild eines edelmütigen, hochgeehrten Dichterphilosophen. Deutlichstes Anzeichen hierfür ist die Krone auf seinem Haupt, die ihn über alle anderen Dichter erhebt.  Zusätzlich verweist das zwar einfache, mit seinem samtigen Glanz aber zugleich kostbar wirkende Gewand auf die besondere Wertschätzung für Walther.

Der Sänger und die Säufer

Wie das eingangs wiedergegebene Gedicht Walthers über das Leben am Eisenacher Hof, die so genannte „Thüringer Hofschelte“, zeigt, ist man Walther zu seinen Lebzeiten allerdings keineswegs immer mit einer solchen Hochachtung begegnet. Vielfach hatte er wohl eher Schwierigkeiten, sich überhaupt mit seiner Kunst Gehör zu verschaffen.

Natürlich müssen wir bei dem Gedicht die Übertreibungen berücksichtigen, mit denen Walther das Geschehen in Szene setzt. Vielleicht hatte er vor dem Verfassen der Verse gerade ein frustrierendes Erlebnis, möglicherweise gab es auch eine außergewöhnliche Ballung von Gelagen. Dennoch wirft das Gedicht ein Schlaglicht auf die Lebensumstände eines mittelalterlichen Dichters.

Dass es sich bei den Zusammenkünften bei Hofe hauptsächlich um Männerrunden handelte, bei denen einer den anderen mit Trinkfestigkeit und Belegen seiner Manneskraft zu übertrumpfen suchte, dürfte kaum aus der Luft gegriffen sein. In einer solchen Runde wäre ein empfindsamer Dichter auch heute noch ein Außenseiter, der damit rechnen müsste, mit steigendem Alkoholisierungsgrad zunehmend zum Gegenstand des Spotts der anderen zu werden.

Dies wird zur Zeit Walthers noch weit stärker der Fall gewesen sein. Damals nämlich war nicht nur das Dichten für einen Mann eine eher ungewöhnliche Beschäftigung. Auch das Schreiben und Lesen war etwas, das man eher mit Mönchen als mit „echten Männern“ assoziierte.

Bei einem Alphabetisierungsgrad, der vermutlich deutlich unter zehn Prozent lag, galt nicht Bildung, sondern Kampferprobtheit als Ausweis wahrer Männlichkeit. Ein feingeistiger Dichter stand so zwangsläufig im Verdacht, den Normen der testosterontrunkenen Tafelrunden nicht zu entsprechen.

Ein trinkfreudiger Kunstförderer

Dennoch konnte Walther es sich natürlich nicht leisten, diesen Runden fernzubleiben. Dies lag zum einen schlicht daran, dass er selbst auf die dabei gereichten Speisen angewiesen war. Zum anderen erwartete aber auch sein Dienstherr, in diesem Fall der thüringische Landgraf Hermann I., dass er bei den Treffen anwesend war.

Für den Landgrafen war es eine Prestigeangelegenheit, sich einen Minnesänger wie Walther als Hofsänger zu halten. Daneben schätzte er wohl auch Walthers propagandistische Unterstützung in politischen Fragen, von der im zweiten Beitrag dieser Reihe die Rede war – auch wenn Hermann I. darauf kaum angewiesen gewesen sein dürfte.

Als Nebeneffekt ergab sich daraus freilich auch eine Förderung der Kunst. Schließlich hat Hermann I. neben Walther auch andere mittelalterliche Künstler unterstützt. So hat etwa auch Wolfram von Eschenbach, der Schöpfer des Parzivals, eine Zeitlang am Eisenacher Hof gelebt und gewirkt.

Dieses Mäzenatentums des Landgrafen war sich Walther durchaus bewusst. So stellt er den Landgrafen in seiner „Thüringer Hofschelte“ auch eher als Opfer seiner Großzügigkeit dar denn als obersten Saufkumpanen – als jemanden, der anderen einfach keinen Wunsch abschlagen kann und deshalb auch jedem Saufbruder den Becher bis zum Rand füllt.

Sarkastische Verse gegen einen Pferdemord

Nichtsdestotrotz dürften (nicht nur) am Eisenacher Hof recht raue Sitten geherrscht haben, unter denen Walther immer wieder zu leiden hatte.

Ein Beleg dafür ist die kuriose Geschichte eines Pferdes Walthers, dessen Erschießung der Dichter einem gewissen „Gêrhart Atze“ vorwirft (L 82,11 und 104,7). Als Grund für die Tat gibt dieser den Verlust eines Fingers an, der ihm von einem Pferd abgebissen worden sei. Allerdings herrscht offenbar Einigkeit darüber, dass diese Schandtat nicht von Walthers Pferd begangen worden ist. Die Tötung des Tieres war demnach einzig aus blinder Wut oder Mordlust heraus erfolgt.

Als Rechtfertigung für sein Tun führt der Täter nun an, Walthers Pferd entstamme derselben „sippe“ wie das angebliche Beißerpferd. Walther entgegnet darauf in einem dieser Begebenheit gewidmeten Spruchgedicht voller Sarkasmus, er schwöre, die beiden Pferde hätten sich gar nicht gekannt („ich swer mit beiden handen, / daz si sich niht erkanden“; L 104,7).

Walther nutzt hier seine dichterischen Fähigkeiten für die virtuose Formulierung einer Anklage: Das Ziel seiner Verse bestand natürlich darin, Entschädigung für die Freveltat zu erhalten. Dies ist ihm aber anscheinend nicht gelungen – denn ansonsten hätte er die Verse ja gar nicht erst verfassen müssen.

Dabei war die Tötung eines Pferdes keineswegs eine Kleinigkeit. Dies zeigt schon der von Walther angegebene Wert des Tieres: drei Mark. Dies entsprach zur damaligen Zeit dem Vielfachen des Wochenlohns eines Handwerkers. Für Walther, der beständig unter materieller Not zu leiden hatte, war das ein Vermögen.

Ein Pferd zu besitzen, war dabei nicht nur ein Statussymbol für ihn. Er war auf das Pferd auch als Fortbewegungsmittel für seine vielen Reisen von Hof zu Hof angewiesen.

Musikalischer Gedichtvortrag

Die Episode zeigt einmal mehr, dass Walther bei seinen Gedichtvorträgen nicht unbedingt mit einem wohlwollenden Publikum rechnen durfte. Und nicht nur der Gedichtvortrag dürfte für ihn oft mit erheblichen Hindernissen verbunden gewesen sein. Auch der schöpferische Akt selbst gestaltete sich weit schwieriger, als dies in späteren Jahren der Fall war.

Zunächst einmal müssen wir uns vor Augen halten, dass zu Walthers Zeit alles auf den mündlichen Vortrag der Werke ausgerichtet war. Dies bedeutete, dass Walther nicht nur auf Inhalt und Form der Versdichtungen achten, sondern jeweils auch eine passende Melodie dazu entwickeln musste.

Eben deshalb sprechen wir ja auch von „Minnesang“ beziehungsweise „Minneliedern“ oder von der „Sangspruchdichtung“. Ausgehend von dem mittelhochdeutschen Begriff „dôn“ für „Melodie“ ist insbesondere in letzterem Fall zudem immer wieder vom „Ton“ die Rede, wenn Verse oder Versgruppen mittelalterlicher Dichter charakterisiert werden.

Bei Walther ist dies etwa in Bezug auf seine Lobgesänge auf die verschiedenen Herrscher der Fall, die als „Ottenton“ oder „Philippston“ charakterisiert werden. Angesichts des engen Zusammenhangs von Versstruktur und Melodie bezieht sich der Begriff darüber hinaus auch auf die jeweils zugrunde gelegte Strophenform.

Die Melodien selbst lassen sich größtenteils nur indirekt aus den Strophenformen oder per Analogiebildung zu anderen Texten mit erhaltener Begleitmusik erschließen. Letztere Vorgehensweise bietet sich etwa dann an, wenn Parallelen von Texten Walthers zu älteren Troubadour-Liedern vermuten lassen, dass es auch bei der Melodie Übereinstimmungen gibt. Außerdem kann man sich bei der musikologischen Recherche die verbreitete Kontrafaktur-Praxis des Mittelalters zunutze machen, also das Singen von Texten zu Melodien bekannter Lieder.

Die bevorzugten Instrumente der Minnesänger und Sangspruchdichter waren wohl Zupf- und Saiteninstrumente, wie etwa die Leier oder die Harfe – wobei Letztere als Begleitinstrument allerdings deutlich kleiner war als heutige Konzertharfen. Diese Instrumente passten nicht nur gut zu dem oft feierlichen Ton der Lieder. Sofern die mittelalterlichen Singer-Songwriter überhaupt eigene Instrumente besaßen, mussten diese vielmehr auch leicht genug sein, um auf den beschwerlichen Reisen mitgeführt werden zu können.

Arbeitsbedingungen eines mittelalterlichen Dichters

Zweifellos musste Walther sich für seine oft sehr komplexen, präzise durchkomponierten Texte und Melodien zuvor Notizen machen, aus denen er schließlich – ebenso wie die Dichter späterer Jahrhunderte – in mehreren Arbeitsschritten das endgültige Werk entwickelte. Insbesondere bei längeren Werken ist es kaum vorstellbar, dass Text und Melodie in der Art einer Stegreifdichtung konzipiert worden sind.

Bei der Textproduktion sah Walther sich allerdings vor weit größere Schwierigkeiten gestellt als seine Dichterkollegen aus der damals noch sehr fernen Zukunft. Denn er verfügte eben nicht über den Luxus von Papier oder gar eines Computers, an dem man beim Schreiben beliebig oft ansetzen und Fehler problemlos per Mausklick korrigieren kann.

Die gängige Schreibunterlage der damaligen Zeit war das aus Tierhäuten hergestellte Pergament. Papier kam erst im späten Mittelalter auf, wobei es zu Beginn meist aus Lumpen hergestellt wurde und von entsprechend minderer Qualität war.

Pergament aber war ausgesprochen teuer. Es war undenkbar, das kostbare Material für Notizen zu verschwenden. So dürfte Walther für seine Entwürfe wohl eine Wachstafel oder ein – aus mehreren zusammengebundenen Tafeln bestehendes – Wachstafelbuch verwendet haben. Belege für die Nutzung solcher Tafeln durch die Dichter des hohen Mittelalters finden sich u.a. in der Manessischen Liederhandschrift, wo etwa Gottfried von Straßburg mit einem Wachstafelbuch abgebildet ist.

Die Produktion von Text mit Hilfe von Wachstafeln entsprach allerdings eher einem „Ritzen“ als dem, was wir heute als „Schreiben“ bezeichnen: Die Buchstaben wurden mit einem „Stilus“ genannten Griffel in die Tafeln gekerbt. Wachstafeln boten dabei den Vorteil, dass einzelne Textstellen leicht korrigiert oder der Text auch ganz ausgekratzt werden konnte (daher der Ausdruck „tabula rasa“).

Dennoch war der Platz auf den Tafeln natürlich begrenzt. Sofern Walther eine solche Tafel oder ein Wachstafelbuch besessen haben sollte, musste er also jeweils genau überlegen, welche Texte ausradiert werden konnten – sei es, dass er sie auswendig wiedergeben konnte oder dass sie, wie manche Texte aus der Sangspruchdichtung, nur für einen ganz bestimmten Anlass geschrieben worden waren.

Problematische Überlieferungsgeschichte der Werke Walthers

Eben weil die Wachstafeln in der Regel mehrfach beschrieben – respektive „bekratzt“ – wurden, ist die Überlieferungsgeschichte der darauf verfassten Texte problematisch: Originalmanuskripte konnten sich so kaum erhalten. Denkbar ist zwar, dass Walther zumindest einzelne seiner Werke später auf Pergament „verewigt“ hat. Sollte dem so sein, so sind die entsprechenden Aufzeichnungen jedoch verschollen.

Dass sich dennoch eine relativ hohe Anzahl von Versen Walthers erhalten hat, liegt zum einen an der ausgeprägten mündlichen Überlieferungskultur des Mittelalters, die teilweise die unterentwickelte Schriftkultur kompensierte. Zum anderen sind einzelne Werke Walthers aber offenbar auch von reicheren Gönnern auf Pergament fixiert und so für die Nachwelt erhalten worden.

Auf dieser Grundlage konnten dann ab dem späten 13. Jahrhundert die Werke Walthers und anderer Dichter des hohen Mittelalters in speziellen Sammlungen zusammengestellt werden. Für das Werk Walthers am wichtigsten sind dabei neben der bereits erwähnten „Großen Heidelberger“ oder „Manessischen“ Liederhandschrift die etwas früher entstandene Kleine Heidelberger, die Weingartner sowie die erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts zusammengestellte Würzburger Liederhandschrift.

Die verschiedenen Liederhandschriften enthalten teils unterschiedliche, teils aber auch dieselben Verse Walthers. In letzterem Fall sind allerdings sowohl Schreibweise als auch Anordnung der Verse nicht zwangsläufig identisch. Hier kann also nur durch einen textkritischen Vergleich der einzelnen Sammlungen versucht werden, die ursprüngliche Textfassung zu rekonstruieren.

Dennoch lässt sich in keinem Fall mit letzter Sicherheit ausschließen, dass im Zuge der Überlieferung von den Kopisten neue Elemente in die Texte eingefügt und andere weggelassen worden sind. Auch können die Verse anders zusammengestellt worden sein, als es Walther im Sinn hatte. Jede Textrekonstruktion ist daher in gewissem Sinn selbst wieder ein kreativer Akt, der dem Ursprungstext allenfalls nahekommen, ihn aber nie ganz erreichen kann.

Bild: Bild Walthers aus der Manessischen Liederhandschrift, mit KI bearbeitet

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