Das Gift des Predigers

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/14

Der von Mechildis, Theos Vertrauter im Nonnenkloster, angekündigte Prediger kommt in die Stadt und wettert auf dem Marktplatz gegen „das Übel der Hexerei“. Um deren äußere Zeichen zu verbrennen, entzündet er ein „Feuer der Eitelkeiten“.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Das Feuer der Eitelkeiten

„Obzwar ein jeder der Hexerei zum Opfer fallen kann“, führte der Prediger aus, „müssen wir doch betonen, dass dieses Übel fast immer vom Wei­be seinen Ausgang nimmt. Dies lehrt uns schon die Eitelkeit des Weibes. Sie ist ja so allge­mein bekannt, dass wir hier gar nicht viele Worte darüber verlie­ren müssen. Wir müssen uns nur um­schauen, dann finden wir sie hundertfach bestätigt. Wahrlich, ein einziges Höllenfenster ist die Kleidung des Weibes, denn sie öff­net den Blick weit ins Verder­ben, das uns durch die Fleischeslust droht!“

Wie mir mein Mitbruder Albertus später erklärte, spielte der Prediger mit diesen Worten auf die „fenêtres d’enfer“ an, die weiten Öffnungen, wel­che die Obergewänder vieler Frauen in Höhe der Achselhöhlen aufwiesen. Da sich darunter allerdings nicht etwa nackte Haut, sondern vielmehr ein Unterkleid befand, machte diese Art der Kleidung auf mich keineswegs einen aufreizenden Eindruck.

Zwar waren die „Höllenfenster“ vielfach pelzumrandet, wodurch sie vielleicht den Blick der Männer auf diese Stelle des weiblichen Körpers lenken und ihre Phantasie anregen mochten. Verglichen mit der Mode späterer Jahrhunderte, wurden die weiblichen Formen jedoch so gut wie gar nicht betont.

Wenn überhaupt, hätte man eher die Kleidung der Männer als unanständig bezeichnen können. Deren strumpfhosenähnliche Beinkleider lagen so eng an, dass die Formen des Körpers sich darunter deutlich abzeichneten. Da zudem die eng auf Taille ge­schnittenen Jacken bei manchen kaum bis zur Hüfte reichten, sa­hen einige so aus, als wären sie unterhalb der Jacke nackt.

Als Nächstes griff Bruder Heinrich die Frauen wegen ihres angeblich zu prachtvollen Kopfschmucks an: „Auch mit ihren Hauben schmü­cken sich die Weiber heute mehr, als dass sie hierdurch ihre De­mut vor dem Herrn bekunden. Seht nur, wie sie die Hauben mit Gestellen verstärken und aufragen lassen, als wollten sie aller Welt zeigen, wie hochnäsig sie sind!“

Er rief zwei Gassenjungen zu sich, denen er je eine Münze in die Hand drückte und dabei etwas ins Ohr flüsterte. Daraufhin stürz­ten sich die beiden wie kleine Jagdhunde auf zwei in der ersten Reihe stehende Damen, deren Hauben die von dem Prediger kri­tisierte Form aufwiesen. Unter dem Gekreisch der Frauen rissen sie diesen die Hauben vom Kopf und warfen sie in ein Feuer, das der Prediger bereits zuvor von zwei anderen Geistlichen hatte anzünden lassen.

„Dies ist das Feuer der Eitelkeiten!“ rief er aus. „Tretet vor und übergebt dem Feuer, was immer ihr an Nahrung für diese Flam­men bei euch tragt.“

Angesichts der Tatsache, dass alle Zuhörerinnen auf dem Platz sich das Haupt bedeckt hatten, musste die Entblößung des Haa­res für die beiden Damen fast so demütigend sein, als hätte man ihnen die Kleider vollständig vom Leib gerissen.

Der Schreck, der die anderen Frauen auf dem Platz bei diesem Anblick durchfuhr, war deutlich zu spüren. Um ihre Hauben nicht ganz zu verlieren, begaben sich daher viele nach vorne und war­fen allerlei Bänder oder sonstigen Schmuck, mit dem sie ihre Kopfbedeckung verziert hatten, ins Feuer. Auch künstliche Lo­cken, die einige sich ins Haar geflochten hatten, loderten bald darauf im „Feuer der Eitelkeiten“. Die Männer fütterten es der­weil mit allerlei Würfel-, Brett- und Kartenspielen.

Während das Feuer immer höher loderte und immer mehr Zuhö­rer sich dazu durchrangen, eines ihrer Alltagskleinodien den Flammen zu überantworten, heizte Bruder Heinrich das „Feuer der Eitelkeiten“ mit seinen Worten weiter an.

„Mit der Hoffart ihrer Kleidung“, rief er aus, „verhext das Weib tagtäglich den Mann und hält ihn so davon ab, seinen Sinn dem Höchsten zuzuwenden. Ich frage euch also: Muss solche Hoffart nicht notwendig dazu führen, dass die Weiber übermü­tig werden in ihrem Sinn und mei­nen, sie hätten Himmel und Er­de in ihrer Gewalt? Geben sie hierdurch nicht den Kindern ein böses Exem­pel und halten sie an, ihnen auf die gleiche Weise nachzufolgen?“

Seine Stimme bedrohlich senkend, schlussfolgerte der Prediger: „Seht, darin offenbart sich ein Wesenszug der Hexerei: dass sie nämlich – wie alles Böse – immer die natürliche Tendenz zur Aus­breitung hat. Deshalb ist die Zunge der Weiber auch so schlüpfrig, deshalb können sie – selbst wenn sie wollten – das, was sie durch schlechte Kunst erfahren, ihren Gefährtinnen kaum verheimlichen.“

Mit Wohlgefallen blickte Bruder Heinrich auf das Feuer der Eitel­keiten, das nun schon bis zur Höhe seiner Kanzel emporloderte. Seine Arme schienen jetzt unmittelbar aus dem Feuer herauszu­greifen. Im Widerschein der Flammen wirkte sein Gesicht noch fratzenhafter als zuvor.

Podcast, Teil III:

Episode 11:

Bruder Heinrich wettert weiter gegen das weibliche Geschlecht. Vor allem Frauen, die sich um mehr Selbständigkeit bemühen, geißelt er als Nährboden des Bösen.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Der Franziskanermönch Johannes Capistranus bei einer Buß­predigt; Fränkisch-Bambergische Tafelmalerei (um 1470); im Vordergrund ein Beispiel für ein „Feuer der Eitelkeiten“; Historisches Museum Bamberg (Wikimedia commons)

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