Gedichte Walthers von der Vogelweide/4
In einem Dankgedicht an Friedrich II. feiert Walther von der Vogelweide den Erhalt eines Lehens, von dem er sich eine größere materielle Sicherheit versprach. Es gibt aber auch etliche dichterische Zeugnisse für sein Leiden unter seiner Existenz als höfischer „Betteldichter“.
Ich habe mein Lehen!
Ich hab' mein Lehen, sagt es aller Welt, mein Lehen hab' ich!
Nun kann der Winter nicht mehr meine Zehen schänden,
nie wird mich mehr der Geiz der hohen Herren schrecken!
Der König, mildtätig und edel, hat für mich gesorgt,
hat Sommerfrische mir geschenkt und Winterwärme.
Mit Wohlgefallen blickt mich nun mein Nächster an,
anstatt wie früher mich als Schreckgespenst zu sehen.
Wie lange musste Not ich leiden ohne eig'ne Schuld,
sogar mein Atem roch nach meinem schlechten Ruf!
Nun hat der König mich geläutert, mich und meine Lieder.
(Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lehen; L 28,31; textkritische Edition in LdM)
Gesungene Fassung von Joel Frederiksen mit dem Ensemble Phoenix Munich
Existenzsicherung am Lebensabend
In den um 1220 entstandenen Versen bringt Walther seine Dankbarkeit für das Lehen zum Ausdruck, dass ihm durch Kaiser Friedrich II. übertragen worden ist. Um was für ein Lehen es sich dabei gehandelt hat, wissen wir nicht genau. Es könnte sich um ein Stück Land, aber auch um eine Leibrente oder ein Amt gehandelt haben.
In jedem Fall hat das Lehen dem Dichter aber zum Ende seines Lebens zu jener Sicherheit verholfen, die er zuvor so schmerzlich vermisst hatte. Offenbar war das Lehen mit einer finanziellen Ausstattung verbunden, die ihm einen einigermaßen sorglosen Lebensabend ermöglichte.
Außerdem bringt Walther in seinen Versen aber auch noch einmal die Demütigung zum Ausdruck, die es für ihn bedeutete, ständig auf die Gnade der hohen Herren angewiesen zu sein. Deutlich wird zudem, dass deren Mildtätigkeit offenbar nicht verhindern konnte, dass andere seine niedere Herkunft an seinem Äußeren erkannten und er im Winter nicht unter den Glücklichen war, die näher an dem Wärme spendenden Kamin schlafen durften.
Durch das Lehen hatte er nun eine andere Stellung in der Gesellschaft. Es war eben nicht nur mit regelmäßigeren Einkünften, sondern auch mit einem höheren Ansehen verbunden.
Dichterische Belege für Walthers Leiden an seinen materiellen Nöten
Wie erniedrigend seine Bettelexistenz für ihn gewesen sein muss, bezeugen die zahlreichen Bezugnahmen auf Geiz oder Großzügigkeit seiner echten oder vermeintlichen Mäzene in seiner Dichtung. Einen Eindruck davon vermitteln die folgenden Beispiele.
Im ersten Beispiel beklagt Walther die mangelnde Freigiebigkeit der Fürsten 1224 auf dem Nürnberger Hoftag (dem mittelalterlichen Vorläufer der Reichstage, der Versammlungen der wichtigsten Landesherren und ihres Gefolges). Dies kommentiert Walther sarkastisch mit den Worten:
"Die Fürsten zeigten sich sehr rücksichtsvoll:
Ein jeder überließ dem anderen das Spenden.
Drum musste mit leeren Taschen
das fahrende Volk vom Hoftag scheiden."
(Si frâgent mich vil dicke, waz ich habe gesehen; 1224; L 84,14)
Das zweite Beispiel spiegelt Walthers Enttäuschung über die mangelnde Großzügigkeit Ottos IV. wider:
"Getreulich habe König Otto ich
Ehre mit meinem Dienst bezeigt.
Er aber hat untreu sich gezeigt
und sein Versprechen reichen Lohns gebrochen."
(Ich hân hêrn Otten triuwe, er welle mich noch rîchen; L 26,23)
Besonders hart geht Walther mit dem Markgrafen von Meißen ins Gericht, der ihm offenbar einen zugesagten Lohn verweigert hat. Dazu dichtet er:
"Manch Angelegenheit des Meißners
hat zu seinem Frommen sich gefügt
durch meine Worte. (…)
Ich könnt' auch jetzt mit meiner Rede
noch Schaden von ihm wenden.
Vergilt er aber dies nicht mit Entschädigung,
so soll er weiter Schaden nehmen.
Verzichte gnädigst ich darauf,
so soll er Lob mit Lob vergelten.
Ansonsten werde ich mein Lob auf ihn
auf den Gassen und bei Hofe widerrufen."
(Ich hân dem Mîssenære / Der Mîssenære solde; L 106,3 und 105,27)
Loblieder auf die Freigiebigkeit
Zuweilen äußert Walther seine Kritik auch nicht direkt, sondern auf dem Umweg über einen Appell an die Freigiebigkeit oder ein allgemeines Loblied auf die Mildtätigkeit seiner Geldgeber. Dies ist etwa bei folgenden an Philipp von Schwaben gerichteten Versen der Fall:
"An Gut und Ansehen habt, hochgeschätzter König, Ihr so viel wie der Könige zwei. Mit beidem geht freigiebig um! Denn wunderbar gedeiht die Saat der Mildtätigkeit im Herzen dessen, der sein Gut mit andern teilt." (Philippe, künec hêre; L 16,36)
Walther hat sich allerdings nicht nur über die mangelnde Großzügigkeit seiner Gönner beklagt. Entsprach ihre Mildtätigkeit seinen Vorstellungen, so hat er auch nicht mit Lob gegeizt. Dies war etwa bei dem Landgrafen von Thüringen, Hermann I., der Fall. Ihn preist Walther mit den Worten:
"Bestrebt, den Tugendhaftesten zu dienen, zähle zum Gefolge ich des mildtätigen Landgrafen. Mildtätig zeigen oftmals wohl auch andere Fürsten sich. Niemand aber war und ist beständiger darin als er." (Ich bin des milten lantgrâven ingesinde; L 35,7)
Noch überschwänglicher fällt das Lob für die Babenberger Herzöge aus. Das dichterische Denkmal, das Walther ihnen und dem Leben am Wiener Hof gesetzt hat, stellt jedes andere seiner Loblieder auf Freigiebigkeit und Mildtätigkeit in den Schatten:
"Hat irgendjemand Größeres gesehen,
als ehrenhalber wir am Hof
zu Wien empfangen haben?
Wahre Wunder hat der junge Fürst
bewirkt mit seinen Werken.
So freigiebig hat er verteilt sein Hab und Gut,
als wollte er nicht länger leben."
(Ob ieman spreche, der nû lebe, L 25,26)
Heikle Unmutsäußerungen
Die häufige Thematisierung seiner materiellen Lage durch Walther zeigt nicht nur, wie sehr der Dichter unter der ständigen Ungewissheit und der – zumindest in Bezug auf andere Höflinge – unzureichenden Ausstattung gelitten haben muss. Die Zitate erzählen auch von einem selbstbewussten Minnesänger, der sich seines Könnens und seines Wertes durchaus bewusst war und auch in materieller Hinsicht eine entsprechende Anerkennung dafür einforderte.
Erstaunlich ist dabei vor allem, dass wir überhaupt von den Klagen Walthers über den häufig offenbar wenig respektvollen Umgang der hohen Herren mit ihm wissen. Zwar hat er seine Kritik oft nur in verklausulierter Form – etwa durch ein Lob des gegenteiligen, freigiebigeren Verhaltens – zum Ausdruck gebracht. Mitunter hat er das Verhalten seiner Gönner jedoch auch recht unverblümt kritisiert.
So steht der oben wiedergegebenen andeutenden Kritik der mangelhaften Freigiebigkeit Philipps von Schwaben die offenere Unmutsäußerung in der so genannten „Philippschelte“ gegenüber (L 19,17). Darin wirft Walther dem Herrscher unzweideutig vor, die ihm entgegenbrachte Ehrerbietung nicht von sich aus entsprechend zu entlohnen („dun sîst niht dankes milte“).
Da Walther von den Kritisierten abhängig war, ist zumindest bei den unverhohlen kritischen Versen – die überdies zuweilen mit einer gehörigen Portion Sarkasmus gewürzt waren – kaum vorstellbar, dass er sie seinen Gönnern ins Gesicht gesagt (bzw. gesungen) hat. Im Falle Philipps von Schwaben und Ottos IV. kommt noch hinzu, dass die Würde des Königs – und erst recht die des Kaisers – damals unmittelbar auf Gott zurückgeführt wurde. Kritik konnte daher in diesem Fall nicht nur den Vorwurf der Majestätsbeleidigung, sondern auch den Verdacht der Gotteslästerung nach sich ziehen.
Andererseits muss Walther die entsprechenden Verse angesichts der damals üblichen mündlichen Vortragsweise aber öffentlich vorgetragen haben. Denkbar ist, dass er sie – ebenso wie seine papstkritischen Verse – nur vor den Gegnern der Kritisierten vorgetragen hat. Möglicherweise hat er sie aber auch lediglich im kleinen Kreis zum Besten gegeben, im Beisein anderer fahrender Sänger, die seine Verse dann – wohl, weil sie sich mit seiner Kritik aufgrund ähnlicher Erlebnisse identifizieren konnten – weitergetragen haben.
Ein Lehen als Tor in ein neues Leben
Aufgrund der Masse der dichterischen Klagen Walthers über den unangemessenen Umgang mit ihm dürfte seine Kritik allerdings den Adressaten kaum vollständig verborgen geblieben sein. So manche potenzielle Geldquelle dürfte daraufhin versiegt sein.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass Friedrich II. Walthers oben wiedergegebener dichterischer Bitte nach dauerhafter Unterstützung stattgegeben hat. Nicht nur hätte das permanente Drängen Walthers auf eine dauerhafte Unterstützungsleistung auch die gegenteilige Reaktion auslösen können. Den Beratern Friedrichs dürfte auch ebenso wenig wie diesem selbst entgangen sein, dass Walther seinem Kontrahenten Otto IV. noch 1212 – nachdem dieser bereits exkommuniziert war und der Papst ebenso wie eine Reihe von Landesherren sich für Friedrich II. als neuen König ausgesprochen hatten – dichterisch gehuldigt hatte.
Freilich handelte es sich bei den Otto gewidmeten Versen um eher allgemein gehaltene, unpersönliche Lobeshymnen. Auf die Zuerkennung des Lehens durch Friedrich II. antwortete Walther dagegen mit Versen, aus denen echte Begeisterung und tief empfundene Dankbarkeit sprechen. Jedes Wort darin zeugt von der großen Erleichterung, wenigstens die letzten Lebensjahre nicht mehr mit dem ständigen Zwang zu dichterischer Prostitution und der Ungewissheit über das eigene Schicksal verbringen zu müssen.
Bild: Collage auf der Grundlage von:“Der Taler“ (ein vermutlich aus dem Gebiet der heutigen Schweiz stammender Minnesinger); Abbildung in der Großen Heidelberger (Manessischen) Liederhandschrift (Codex Manesse), um 1300 (Wikimedia commons)