Ausflug ins Paradies

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/13

Zusammen mit seinem Mitbruder Albertus lässt Theo sich in einer Truhe ins Frauenkloster einschmuggeln. Einer der Nonnen kommt er nicht nur geistig sehr nahe.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: „Liebe mich so, dass es wehtut!“

Mit großer Ernsthaftigkeit philosophiert Mechildis – die Nonne, die Theo im Frauenkloster kennenlernt – mit ihrem Gast über ihren Glauben. Sie öffnet sich ihm allerdings nicht nur in geistiger Hinsicht. Körperliche und geistige Begegnung sind für sie untrennbar miteinander verbunden:

Aus Mechildis‘ Mund strömte mir ein Duft wie von warmen Äp­feln entgegen, der sich angenehm mit dem Nachgeschmack des getrunkenen Weins vermischte. Als unsere Zungen ihr wortloses Zwiegespräch aufnahmen, hatte ich so den Eindruck, einen süßen Likör zu trinken, der mich allein dadurch berauschte, dass er mei­ne Lippen und Zähne benetzte.

Wir entkleideten einander mit vorsichtigen Bewegungen, als wä­ren unsere Körper kostbare Vasen, die wir durch eine unbedachte Berührung zerbrechen könnten. Meine Hände tasteten sich an Mechildis‘ Hals, der im Schein der Kerzen wie Elfenbein schim­merte, zu ihren Brüsten herab. Mit der Anschmiegsamkeit kleiner Kätzchen kuschelten sie sich in meine Hände. Dann umfasste ich das Geschmeide ihrer Hüften, das sich im nächsten Augenblick in weichen, unendlich zarten Bewegungen um meinen Schoß er­goss.

Ihre Augen hielt Mechildis fast die ganze Zeit über geschlossen. Nur wenn sie mich küsste, öffnete sie sie. Dann war es mir, als wären ihre Augen zwei dunkelgrüne Teiche, in denen ich versank in einem unbegreiflichen und unaussprechlichen Einswerden, in dem nicht nur alles Unterscheiden, sondern über­haupt alles Wis­sen von Unterschieden sich in nichts auflöste.

In dem grundlosen Abgrund, in dem wir uns miteinander in einer ebenso grundlosen Seligkeit verloren, war Mechildis mir Erinne­rung und Verheißung zugleich. Es war, als ginge ich durch einen langen Flur, dessen Anfang und Ende nicht abzusehen waren und aus dem mir die Liebesklagen aller Frauen, die ich je berührt hat­te und noch berühren würde, entgegenhallten. Gleichzeitig schien es mir, als handelte es sich bei all den Frauen stets um ein und dieselbe, die nur in immer anderen Gestalten vor mich hin­trat.

„Liebe mich so, dass es wehtut!“ Wie aus einem tiefen Brunnen drang Mechildis‘ Stimme an mein Ohr. Es war das Einzige, was sie während unserer Umarmungen zu mir sagte. Umso fester brann­ten sich diese Worte in mein Gedächtnis ein. Während sie sie mir ins Ohr flüsterte, presste sie ihren Körper eng an das Kreuz auf meiner Brust, das Albertus mir geschenkt hatte.

Als wir später nebeneinander lagen – mein linker Arm diente ihr als Kissen, während mein rechter Arm sie unterhalb ihrer Brüste umfing – fragte ich sie, was sie mit ihren Worten gemeint hatte. Daraufhin richtete sie sich halb auf und stützte ihren Kopf auf die rechte Hand.

Gedankenverloren fuhr sie mit den Fingern der linken Hand an meinem Brustbein auf und ab, als wollte sie ihre Antwort mei­nem Körper einschreiben. „Kennst du auch die Stelle in der Bibel, wo es heißt, das Weib sei bitterer als der Tod?“ fragte sie schließ­lich zurück.

Nein, ich kannte die Stelle nicht. Aber sie erschien mir in dem Moment als das Widersinnigste, was ich je gehört hatte. Mein Blick ruhte auf diesem weichen Körper, der mir noch immer in den geschmeidigen Bewegungen zu fließen schien, mit denen er mich eben noch umfangen hatte. Nichts lag mir ferner, als diesen Anblick mit Bitternis zu assoziieren.

Mechildis lächelte mich zärtlich an – wahrscheinlich ahnte sie, was ich empfand. Dennoch setzte sie unbeirrt zu einer Auslegung der von ihr zitierten Bibelstelle an: „Ich verstehe das so, dass der Mann durch das Weib zwar zu einer Ahnung der ewigen Seligkeit gelangt, dass er sich aber – weil diese Ahnung selbst ja vergäng­lich ist – eben dadurch nur umso deutlicher seiner Verlorenheit bewusst wird. Deshalb ist das Weib für ihn bitterer als der Tod. Denn der Tod setzt ja der Empfindung der Verlorenheit gerade ein Ende und bringt uns der Einheit mit Gott näher.“

Sie beugte sich kurz zu mir herab und küsste mich wie zum Trost. Für einen kurzen Augenblick versank ich noch einmal in dem rot­blonden Strom ihrer Haare.

Dann setzte sie, meinen Einwand vorwegnehmend, hinzu: „Wenn es in der Bibel auch weibliche Prophetinnen, Predigerinnen oder Evangelistinnen gäbe, würden sie wohl dasselbe über den Mann sagen. Die Empfindungen nämlich sind hier wie dort dieselben. Letztlich können wir uns doch nur so lange im anderen verlieren und damit ganz in der Liebe sein, wie das Verlangen in uns brennt.“

Seufzend fuhr sie fort: „Sobald aber das Verlangen gesättigt ist, werden wir uns wieder bewusst, dass auf dieser Welt kein Ver­langen je ganz zu stillen ist. Deshalb wünschte ich, dass das Ver­langen ewig währte, und bejahe den Schmerz, den es mir verur­sacht: Weil wir nur in der Sehnsucht wahrhaft zu Hause sind, füh­le ich mich umso reiner, je näher meine Liebe dem Schmerz kommt.“

Bald darauf klopfte es an der Tür. Es war Albertus, der mich für den Rückweg zu unserem Kloster abholte. Er war taktvoll genug, vor der Tür zu warten und mir so Zeit zu geben, mich anzukleiden und mich von Mechildis zu verabschieden.

„Bitterer als der Tod …“, hallte es in mir nach, als uns die Leere der nächtlichen Gassen in sich aufnahm.

Podcast, Teil III:

Episode 10:

Mechildis erzählt Theo von Bruder Heinrich – einem Prediger, der in Kürze wieder in der Stadt erwartet wird. Eine Freundin von ihr hat er im vergangenen Jahr der Ketzerei angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Gustave Moreau (1826 – 1898): Cantique des Cantiques (Das Lied der Lieder / Hohelied Salomos, 1893); Ohara Museum of Arts, Kurashiki/Japan (Wikimedia commons)

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