Mönchische Sexualtheorien

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/12

Bruder Albertus – der Mönch, in dessen Zelle Theo nach seiner Flucht aus der Zukunft gelandet ist – nimmt für diesen die Rolle eines Mentors ein. Dazu zählt für ihn auch die Einweihung in nicht eben klösterliche Freuden.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Feucht-fröhliches Beisammensein mit Bruder Albertus

Angestachelt von dem recht starken Wein, den Albertus uns eingeschenkt hat, frage ich ihn: „Sag, hast du es eigentlich noch nie bereut, dass dein Vater dich ins Kloster gesteckt hat? Würdest du nicht lieber wie dein älterer Bruder das Leben draußen in der Welt genießen?“

Albertus bricht in so spontanes Gelächter aus, dass es in diesem Fall keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Worte geben kann. „Im Kloster kann ich doch viel freier leben, als wenn mein Vater mir die ganze Zeit auf die Finger schauen würde, damit ich ja die Geschäfte zu seiner Zufriedenheit führe“, sagt er endlich. „Abgesehen davon wird hier doch niemand daran gehin­dert, sein Leben zu genießen. Es haben nur nicht alle die nötigen Mittel dazu.“

„Aber auf gewisse Genüsse müssen wir im Kloster doch nun ein­mal verzichten“, wende ich ein.

Albertus blickt mich belustigt an: „Wenn du den Umgang mit Weibern meinst – da haben wir Mönche doch viel mehr Möglich­keiten als jeder andere Sterbliche! Ist dir denn noch nie aufgefal­len, wie anziehend die Aura des Heiligen auf das zarte Geschlecht wirkt?“

Er senkt die Stimme und rückt etwas näher an mich heran: „Ich kannte einmal eine Frau, die war so eitel, dass ich ihr weisma­chen konnte, der Erzengel Gabriel habe sich in sie verliebt und wolle sich in meiner Gestalt mit ihr vereinen. So konnte ich sie nachts problemlos aufsuchen, um ihr zu himmlischen Wonnen zu verhelfen.“

Was für ein Aufschneider, denke ich. Um Albertus aber nicht mit meiner ungläubigen Reaktion zu verärgern – schließlich bin ich ja in gewisser Weise von ihm abhängig –, ziehe ich das Gespräch auf die Ebene bibelkritischer Erörterungen: „Ist uns nicht, rein theo­logisch gesprochen, schon der Gedanke an so etwas bei Strafe ewiger Höllenpein verboten?“

„Dem Reinen ist alles rein“, scherzt Albertus. Dann wird er doch etwas ernster. Offenbar hat er sich bereits eine eigene Theorie zurechtgelegt, um sein nicht gerade asketisches Klosterleben vor sich selbst zu rechtfertigen: „Es stimmt natürlich, dass die Geil­heit Teufelswerk ist und dass wir uns mit dem Bösen einlassen, wenn wir uns der Lust hingeben. Aber offenbart sich nicht gerade in der Bereitschaft, den Kampf mit dem Leibhaftigen aufzuneh­men, die Stärke des wahrhaft Gläubigen? Ist es nicht ein Einge­ständnis der eige­nen Schwäche, wenn man den Kontakt mit dem Bösen meidet, anstatt ihm offen ins Auge zu sehen?“

Albertus versichert sich kurz der Wirkung seiner Worte auf mich, dann ergänzt er: „Vielleicht kann der Böse ja nur deshalb so un­gehindert sein Unwesen treiben, weil gerade die heiligsten Män­ner immer die Augen vor ihm verschließen und ihm so erst die Möglichkeit geben, sein Gift im Dunkeln zu brauen und in der Welt zu verbreiten. Dabei können wir ihm doch gar nicht entge­hen, da sein Samen ohnehin seit Adams Sündenfall in unseren Adern fließt. Wenn dem aber so ist, so besteht die wahre Läute­rung offenbar gerade darin, dass wir uns der Materialisationen des Bösen entledigen, wann immer sich die Möglichkeit dazu bie­tet.“

Ich sehe ihn skeptisch an. „Aber zieht uns nicht schon die Emp­findung der Geilheit auf die Seite des Teufels?“

Albertus schüttelt energisch den Kopf. „Nicht, wenn die Lust da­rin besteht

, den Teufel auszuscheiden – was wir regelmäßig tun müssen, um von dem dämonischen Gift nicht von innen heraus zersetzt zu werden.“

Wie um seine Absicht zu untermauern, eröffnet er mir, dass er sich übermorgen Nachmittag in einer Truhe in das Frauenkloster einschmuggeln lassen wolle. Wenn ich Interesse hätte, könnte ich problemlos mit ihm in die Truhe stei­gen. Genug Platz sei darin auf jeden Fall vorhanden.

Selbst schon vom Alkohol benebelt, halte ich die Idee für eine weinselige Phantasterei. Als ich aus Spaß zustimme, freut Albertus sich aber wie ein Lausbub, der einen anderen zu einem Streich überredet hat. Hat er den Vorschlag etwa doch ernst gemeint?

In seinem Enthusiasmus füllt er meinen Becher gleich noch einmal bis zum Rand mit seinem goldgelben Zaubertrank. Während er mit mir anstößt, ruft er, schon etwas lallend: „Auf den Kampf mit dem Deibel!“ – was auch immer das in unserem Fall bedeuten mag.

Podcast, Teil III:

Episode 8:

Theo sieht fürs Erste keine andere Möglichkeit, als sich in seine Rolle als mittelalterlicher Mönch zu fügen. Das stark reglementierte Klosterleben erinnert ihn an den monotonen Alltag in der Zukunftsstadt – auch wenn manche sich durch das enge Regelwerk erst recht zum Grenzübertritt angestachelt fühlen.

Episode 9:

Theo trifft zum ersten Mal auf Bruder Eberhart – den Prior, der dem Kloster vorsteht. Seltsamerweise kommt er ihm irgendwie bekannt vor. Bei der Predigt des Priors wird Theos Aufmerksamkeit vor allem von dem alles andere als andächtigen Treiben in der Kirche gefesselt.

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