Flucht aus der Zukunft

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/11

Um nicht selbst der tödlichen Epidemiebekämpfung in der Zukunftsstadt zum Opfer zu fallen, muss Theo erneut zu einem Sprung durch die Zeit ansetzen. So findet er sich plötzlich in einer mittelalterlichen Klosterzelle wieder.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Ankunft im Jahr 1485

Die Notfalluhr katapultiert Theo in eine Klosterzelle, die ihm zugleich fremd und vertraut vorkommt. Während er noch versucht, sich in der neuen Zeit zu orientieren, hört er plötzlich, wie sich jemand der Kammer nähert:

Unmittelbar vor meiner Tür hielten die Schritte inne. Erst da fiel mir auf, dass ich noch immer in dem futuristischen Schutzanzug aus der Zukunftsstadt in dem Bett der Klosterzelle lag. Noch ein paar Sekunden, und ich würde als Teufelsbrut, wenn nicht gar als der Leibhaftige höchstpersönlich entlarvt und zum Scheiterhaufen geführt werden! Wie hatte ich nur in einer solchen Situation so schwach sein können, mich einfach dem Schlummer in die Arme zu werfen!

Kurz darauf wurde die Türklinke heruntergedrückt und dann eine Zeit lang so gehalten. Anscheinend war der Mönch beim Öffnen der Tür noch von einem Mitbruder aufgehalten und in ein kurzes Gespräch verwickelt worden. Ich hörte ihn etwas murmeln, konn­te wegen der Unruhe auf dem Gang aber nicht verstehen, was er sagte.

Das war meine letzte Chance! Geistesgegenwärtig riss ich mir den Schutzanzug vom Leib und verschnürte ihn mit Flugdüse und Not­falluhr zu einem Bündel, das ich am Fußende des Bettes ver­staute. Dann legte ich mich nackt unter die Decke.

Zwar war auch das noch immer erklärungsbedürftig. Immerhin konnte ich in meinem Adamskostüm aber darauf hoffen, als ganz normaler Teil meiner neuen Zeit wahrgenommen zu werden. Schließlich ist das Adamskostüm völlig zeitlos – sozusagen die einzige Kleidung, die nie aus der Mode kommt.

So harrte ich nun also bibbernd unter der kratzigen Decke aus. Mein Körper war schon ganz mit Gänsehaut überzogen – was si­cher nicht nur an der kühlen Märzluft lag, die durch das geöffnete Fenster ins Zimmer drang. Der Mönch, der draußen die Klinke herunterdrückte, schien noch eine gefühlte Ewigkeit mit seinem Mitbruder zu tuscheln. So strich auch die Furcht mit eisigen Fin­gern über meinen nackten Körper.

Kurz darauf öffnete sich knarzend die Tür. In meiner Angst ver­kroch ich mich zunächst ganz unter die Decke, so dass nur die Konturen meines Körpers darunter zu erkennen waren.

Ich spürte, wie jemand langsam auf mich zuging und vor dem Bett innehielt. „Bist du es, Thomas?“ fragte er, wobei er behut­sam über meinen Körper strich.

Vorsichtig schlug ich die Decke zurück – und blickte direkt in das Gesicht des Mönchs, der sich schon halb über das Bett gebeugt hatte. Nun schauten wir einander in wechselseitigem Erstaunen an – ich, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass mein Mitbru­der jemand anderen unter seiner Decke vermuten könnte, und er, weil ich nicht der war, für den er mich gehalten hatte.

Podcast, Teil III:

Episode 6:

Die Lage im Jahr 2521 spitzt sich zu: Die Krankheit droht sich zur Epidemie auszuweiten. Vergeblich versuchen die Erkrankten sich dem Zugriff der Sanitätersoldaten zu entziehen.

Episode 7:

Stotternd bemüht Theo sich um eine Erklärung für seinen unerhörten Auftritt. Glücklicherweise ist der Mönch, in dessen Zelle er gelandet ist, entgegenkommender als erwartet.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Pete Linforth (TheDigitalArtist): Traum-Uhr (Pixabay)

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