Edgar Fuhrmann: Vorübergehende Freundschaft / Passing Friendship

Ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Mann erzählt einem Zufallsbekannten von den Gründen für seine Haft. Eine Geschichte über Drogen, Gemeinschaft und Verrat.

English Version

Textauszug

Ohne sich um das Gewusel zu kümmern, begann mein neuer Bekannter zu erzählen: „Weißt du, vor dem Knast hatte ich echt ’ne geile Zeit. Wir haben da zusammen in so ’nem Haus gelebt, ich und ’n paar Freunde, ganz weit draußen. War fast schon ländlich.
Irgendwann habe ich dann den Wolf kennengelernt. Wir hatten zwar bei uns im Haus kein Zimmer mehr frei, aber mein Zimmer war sehr groß, und da hab‘ ich ihm halt angeboten, zu mir zu ziehen.
Die anderen haben mir erst mal schwer Kontra gegeben. So ’ne eingeschworene Gemeinschaft, und dann kommt plötzlich ein Neuer dazu, den man gar nicht richtig kennt – da ist man natürlich misstrauisch, das habe ich ja auch verstanden.“
Er verfiel in ein kurzes Schweigen, dann fragte er mich plötzlich: „Hast du einen Freund?“
„Wie bitte?“
„Na, einen Freund“, wiederholte er, „einen richtigen, meine ich. Hast du keinen Freund?“
„Doch, schon …“
„Kannst du dir vorstellen, deinem Freund zu misstrauen?“
„Nein – dann wär’s doch kein Freund!“
„Siehst du, genau das habe ich den anderen damals auch gesagt.“

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Das Buch

Die Texte dieses Erzählbandes handeln von Menschen am Rande der Gesellschaft, die als Treibgut am Hauptbahnhof stranden, diesem labyrinthischen Zentrum moderner Gesellschaften. Realistische Erzählungen wechseln sich dabei ab mit Texten, die das Geschehen wie unter einer Lupe betrachten und so eine neue Sicht auf die Dinge ermöglichen.

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English Version

Passing Friendship

A man just released from prison tells a chance acquaintance about the reasons for his imprisonment. A story about drugs, companionship and betrayal.

Excerpt from the Text

Without paying attention to the hustle and bustle, my new acquaintance began to tell me his story. „You know, before prison I had a really great time. We lived together in a house back then, me and a few friends, out in the sticks. It was almost rural.
One day I met a guy called Wolf. We didn’t have any rooms left in our house, but my room was very big, so I offered him to move in with me.
The others didn’t agree at first. Such a close-knit community, and then suddenly a newcomer arrives whom you don’t really know – of course you’re suspicious then, I could understand them.“
He fell into a short silence, then suddenly asked me: „Do you have a friend?“
„Excuse me?“
„Well, a friend,“ he repeated, „a real one, I mean. Don’t you have a friend?“
„I think I do …“
„Can you imagine not trusting your friend?“
„No – then it wouldn’t be a friend!“
„You see, that’s exactly what I told the others back then.“

Story as PDF

The Book

The texts in this collection of stories deal with people on the edge of society, stranded as human flotsam at the central station, this labyrinthine center of modern societies. Realistic narratives alternate with texts that look at events as if under a magnifying glass, thus providing a new perspective on things.

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Bilder /Images: Pixabay: Free-Photos: Meditatives Drogenrauchen /Meditative Drug smoking ; Ichigo 121212: Gefängniszelle / Prison cell

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