Jacques Prévert: Le cancre (Der Klassenclown /The Class Clown )

Ein Gedicht über die Selbstbefreiung des Geistes / A Poem about the Self-Liberation of the Spirit

Jacques Prévert ist heute eine unbestrittene Dichter-Ikone in Frankreich. Dies war in seiner Jugend ganz und gar nicht absehbar – auch weil der Dichter die Schule eher als Gefängnis statt als Hort des freien Geistes wahrnahm.

English Version

Schwierige Kindheit Préverts

Distanz zur traditionellen Schulbildung

Gedichte über die geistige Unterdrückung in der Schule

Nachweise

Jacques Prévert: Le cancre; mit deutscher Nachdichtung

Schwierige Kindheit Préverts

Bei einem Blick auf die Biographie des am 4. Februar 1900 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geborenen und am 11. April 1977 in Omonville-la-Petite (Normandie) verstorbenen Jacques Prévert wäre manch einer wohl geneigt zu sagen, dass diesem Autor das Dichten nicht gerade in die Wiege gelegt worden ist.
Préverts Vater musste sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, ehe er schließlich in Paris eine Anstellung bei einer Wohltätigkeitsorganisation fand (1). Im Dschungel der Großstadt geriet der Sohn ins Kleinkriminellenmilieu, so dass Prévert sich später selbst über die „Jungfräulichkeit“ seines Strafregisters wunderte (2). Die Schule war bei alledem nichts weiter als ein lästiges Übel, und das Schwänzen des Unterrichts mündete folgerichtig in das frühestmögliche Verlassen der Schule (mit 15 Jahren).

Distanz zur traditionellen Schulbildung

Hätte man Prévert gefragt, wie er mit dieser geringen Schulbildung Dichter werden konnte, so wäre die Antwort wohl gewesen, dass dies nicht trotz, sondern wegen seiner Distanz zum Schulbetrieb geschehen sei.
So hat er sich etwa gegen die Standardisierung des geistigen Fortschritts gewandt, die das gleichschrittige Lernen in der Schule mit sich bringe: Wenn man sage, dass ein Kind in der Schule keine Fortschritte mache, würden dabei oft die anderen, von den schulischen Tests nicht gemessenen und womöglich auch gar nicht mit dem Unterricht zusammenhängenden Entwicklungen übersehen, die ein Kind durchlaufe (3). Mit Montaigne kritisiert Prévert daher die „Gefangennahme“ des kindlichen Geistes in der Schule, wo dieser den Launen eines missmutigen Lehrers ausgeliefert sei und so seiner individuellen Kraft beraubt werde (4).

Gedichte über die geistige Unterdrückung in der Schule

Drei der bekanntesten Gedichte Préverts sind dieser Thematik gewidmet. In Le cancre (Der Schulversager / Klassenclown; 5) rebelliert ein Schüler gegen die geistige Unterdrückung durch den Lehrer, indem er all die abstrakten Zahlen und Fakten, die er lernen soll, von der Tafel wischt und sie mit dem „Gesicht des Glücks“ übermalt.
Analog dazu werden die Voraussetzungen geistiger Freiheit in Page d’écriture (Rechenübung; 6) gerade dadurch geschaffen, dass die Schüler sich von den mathematischen Repetierübungen des Lehrers ab- und dem Vogel der Phantasie zuwenden, der mit seinem Gesang die Mauern des Klassenzimmers und damit die Schulwirklichkeit in sich zusammenstürzen lässt:

„Und die Glasscheiben werden wieder zu Sand, / die Tinte wird wieder zu Wasser, / die Pulte werden wieder zu Bäumen, / die Kreide wird zu einem Kreidefelsen / und der Federhalter zu einem Vogel“ (7).

In Chasse à l’enfant (Jagd auf das Kind / Kinderjagd; 8) schließlich wird ein aus einer Erziehungsanstalt ausgebrochenes Kind wie ein „gehetztes Tier“ von der „Meute der anständigen Leute“ gejagt, die seine Flucht in die Freiheit als Anschlag auf die soziale Ordnung empfinden und entsprechend zu ahnden versuchen. Indem dabei nicht von „einem“, sondern von „dem“ Kind die Rede ist, erscheint dieses allgemein als Symbol für die im Alltag der bürgerlichen Gesellschaft unterdrückte geistige Freiheit.
Der erste Schritt zur Selbstbehauptung des menschlichen Geistes ist aus dieser Perspektive der Widerstand gegen seine Zurichtung in der Schule. Anders ausgedrückt: Geistige Freiheit ist nur dann dauerhaft möglich, wenn dem Geist in der Schule die Flügel nicht gestutzt werden, sondern ihm Wege zu deren Entfaltung aufgezeigt werden.

Nachweise

  1. Anlässlich des 40. Todestages von Prévert sind 2017 einige neuere Monographien über ihn erschienen, darunter auch biographisch orientierte Würdigungen seines Werkes (vgl. Aurouet, Carole: Jacques Prévert. Une vie. Paris 2017: Les Nouvelles Éditions JMP; Hamon, Hervé: Prévert, l’irréductible. Tentative d’un portrait. Paris 2017: Lienart).
  2. Vgl. die entsprechende Äußerung von Prévert in einem Interviewband mit André Pozner: Prévert/Pozner: Hebdromadaires; 1972, S. 85. Paris 1982: Gallimard.
  3. „Un enfant, (…) à l’école, on dit: il ne fait pas de progrès. Pourtant, on ne sait pas, on ne peut pas savoir s’il n’en fait pas, dans une direction différente“ – „Oft wird von einem Kind in der Schule behauptet, es würde keine Fortschritte machen. In Wahrheit kann man das aber gar nicht wissen. Vielleicht macht es Fortschritte, nur in einer ganz anderen Richtung“ (ebd., S. 101).
  4. Ebd.,  S. 101 f.
  5. Prévert, Jacques: Paroles (1946), S. 63. Paris 1949: Gallimard.
  6. Prévert: Page d’écriture; ebd., S. 146 f.
  7. Ebd., S. 147.
  8. Prévert: Chasse à l’enfant; ebd., S. 86 f. Das Gedicht beruht auf einer wahren Begebenheit – nämlich dem Aufstand gegen die Gewalt der Wärter und dem anschließenden Ausbruch von Insassen aus einer bretonischen Besserungsanstalt für Minderjährige im Jahr 1934. Auf die Ergreifung der Flüchtigen war damals eine Belohnung von je 20 Francs ausgesetzt worden.

Jacques Prévert: Le cancre; mit deutscher Nachdichtung

Originaltext

Nchdichtung

Der Klassenclown

Unter ihm
die gescheitelten Köpfe
der Musterschüler,
vor ihm
der lauernde Blick
des Lehrers.

Die Salven der Fragen
prasseln auf ihn ein,
er taumelt
im Kugelhagel der Probleme,
die nicht die seinen sind.

Plötzlich aber
lacht sich der helle Wahnsinn
durch sein verdüstertes Gesicht.
Er greift nach dem Schwamm
und wischt es einfach weg,
das Labyrinth aus Zahlen und Fakten,
aus Daten und Begriffen,
aus Phrasen und Formeln,

und übermalt
unter dem Gejohle der Klassenmanege
regenbogenfarben
die dunkle Tafel des Unglücks
mit dem strahlenden Gesicht des Glücks.

English Version

Jacques Prévert: Le Cancre (The Class Clown)

A Poem about the Self-Liberation of the Spirit

Jacques Prévert is an undisputed poet icon in France today. This was not at all foreseeable in his youth – especially since the poet perceived school more as a prison than as a nursery of the free spirit.

Prévert’s difficult childhood

Skepticism about traditional school education

Poems about mental oppression in school

References

Jacques Prévert: Le Cancre; with English adaptation

Prévert’s difficult childhood

Looking at the biography of the French poet Jacques Prévert (1900 – 1977), some would be inclined to say that this author did not exactly imbibe poetry with his mother’s milk.
Prévert’s father had to eke out a living with odd jobs for a long time before he finally found work with a charity association in Paris (1). In the jungle of the big city, the son fell into the petty crime milieu, so that Prévert himself later wondered about the „virginity“ of his criminal record (2). In all this, school was nothing more than an annoying evil, and skipping classes consequently led to leaving school as early as possible (at the age of 15).

Skepticism about traditional school education

If someone had asked Prévert how he could become a poet with this limited formal education, the answer would probably have been that this had happened not in spite of, but because of his distance from the school system. Thus, for example, he argued against the standardisation of intellectual progress that lockstep learning in school entails.
According to Prévert, to say that a child does not progress in school often overlooks the other developments that a child undergoes, which are not measured by school tests and may not even be related to instruction (3). With the French philosopher Montaigne, Prévert therefore criticizes the „imprisonment“ of the child’s spirit in school, where it is at the mercy of the whims of a bad-tempered teacher and thus deprived of its individual potential (4).

Poems about mental oppression in school

Three of Prévert’s best-known poems are dedicated to this topic. In Le cancre (The school screw-up / class clown; 5), a pupil rebels against the teacher’s mental oppression by wiping away all the abstract facts and figures he is supposed to learn from the blackboard and painting them over with the „face of happiness“.
Analogously, in Page d’écriture (Arithmetic Exercise; 6), the conditions for mental freedom are created precisely by the pupils turning away from the teacher’s repetition exercises and devoting themselves to the bird of imagination, whose song causes the walls of the classroom, and thus the school reality, to collapse:

And the glass panes become sand again, / the ink becomes water again, / the desks become trees again, / the chalk becomes a chalk rock / and the quill a bird“ (7).

Finally, in Chasse à l’enfant (Hunt for the Child / Child Hunt; 8), a child who has escaped from an educational institution is chased like a „hounded animal“ by the „pack of decent people“, who perceive his escape into freedom as an attack on the social order and try to punish the runaway accordingly. By speaking not of „a“ but of „the“ child, the latter appears in general as a symbol of the mental freedom suppressed in the everyday life of bourgeois society.
From this perspective, the first step towards the self-assertion of the human spirit is resistance against its conditioning in school. In other words, mental freedom is only possible in the long term if the spirit is shown ways to unfold its wings in school instead of having them clipped.

References

  1. On the occasion of the 40th anniversary of Prévert’s death, several recent monographs on him were published in 2017, including biographically oriented appreciations of his work (cf. Aurouet, Carole: Jacques Prévert. Une vie. Paris 2017: Les Nouvelles Éditions JMP; Hamon, Hervé: Prévert, l’irréductible. Tentative d’un portrait. Paris 2017: Lienart)
  2. Cf. Prévert’s statement in an interview tape with André Pozner: Prévert/Pozner: Hebdromadaires; 1972, p. 85. Paris 1982: Gallimard.
  3. „Un enfant, (…) à l’école, on dit: il ne fait pas de progrès. Pourtant, on ne sait pas, on ne peut pas savoir s’il n’en fait pas, dans une direction différente“ – „Often a child at school is accused of not making progress. In reality, however, one cannot know that at all. Perhaps the child is making progress, only in a completely different direction“ (ibid., p. 101).
  4. Ibid., p. 101 f.
  5. Prévert, Jacques: Paroles (1946), p. 63. Paris 1949: Gallimard.
  6. Prévert: Page d’écriture; ibid., p. 146 f.
  7. Ibid., p. 147.
  8. Prévert: Chasse à l’enfant; ibid., p. 86 f. The poem is based on a true incident – the uprising against the violence of the guards and the subsequent escape of inmates from a Breton reformatory for minors in 1934. For those who helped to apprehend one of the fugitives, a reward of 20 francs was offered.

Jacques Prévert: Le Cancre; with English adaptation

French Text

Free English adaptation

The Class Clown

Below him
the parted heads
of the model students,
in front of him
the lurking gaze
of the teacher.

The fusillades of questions
rain down on him,
he staggers
in the hail of bullets of problems
that are not his own.

But suddenly
the bright madness laughs
through his gloomy face.
He reaches for the sponge
and simply wipes it away,
the labyrinth of facts and figures,
of data and terms,
of phrases and formulas,

and under the cheering of the class arena
he paints over in rainbow colours
the dark board of unhappiness
with the radiant face of happiness.

Bild / image: Copping, Harold (1863-1932): The Dunce, 1886 ; © Russell-Cotes Art Gallery and Museum, Bournemouth, UK;

Eine Antwort auf „Jacques Prévert: Le cancre (Der Klassenclown /The Class Clown )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.