José (Zeca) Afonso: Canção do Desterro (Emigrantes) / Lied vom Exil /Song of Exile

Ein portugiesisches Lied über die Migration / A Portuguese Song about Migration

English Version

Das Canção do Desterro (Lied vom Exil) des portugiesischen Dichters José (Zeca) Afonso ist ein beeindruckendes Mahnmal für die erzwungene Emigration, die für die portugiesische Geschichte von prägender Bedeutung war. Das Lied lässt sich allerdings auch auf die Flüchtlingsschicksale der Gegenwart beziehen.

Flüchtlinge früher und heute

Wenn wir heute über Flüchtlinge reden, denken wir dabei zumeist an Menschen, die in den reichen Westen fliehen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch in den heute wohlstandsgesättigten Ländern der westlichen Welt Menschen in die Emigration getrieben wurden.
Die Gründe hierfür waren nicht nur die totalitären Regime und die Kriege des 20. Jahrhunderts. Vor allem im 19., teilweise aber auch noch im 20. Jahrhundert waren die Fluchtursachen schlicht Hunger und materielle Not. Die Situation war also nicht anders als bei heutigen Immigranten, die aus einer vergleichbaren Notlage heraus nach Europa oder in die USA fliehen – nur dass wir in deren Fall abfällig von „Wirtschaftsflüchtlingen“ sprechen.

Auswanderung aus Portugal

Besonders stark von Emigration betroffen war in der neueren europäischen Geschichte Portugal. Ende des 20. Jahrhunderts entsprach die Zahl der im Ausland lebenden Portugiesen fast der Hälfte der in Portugal lebenden Menschen (ca. 10 Millionen). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war Portugal mit einer Quote von 20 Prozent das Land mit der höchsten Auslandsbevölkerung in der EU.
Dieser Trend hat sich infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 noch einmal verstärkt. Allein 2013 sind 110.000 Menschen aus Portugal emigriert. Erst in jüngster Zeit bemüht sich die portugiesische Regierung wieder verstärkt um die Rückwanderung vor allem junger Emigranten, um dem Brain Drain entgegenzuwirken.

Eine gesungene Collage: Zu dem hier vorgestellten Lied

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Emigration auch in zahlreichen portugiesischen Gedichten und Liedern thematisiert wird. Ein Beispiel hierfür ist José (Zeca) Afonsos Canção do desterro (Lied vom Exil). Wie einige weitere Emigrationslieder ist es Ende der 1960er Jahre entstanden, als aus dem agrarisch geprägten, von der Salazar-Diktatur heruntergewirtschafteten Portugal besonders viele Menschen abwanderten. Zu den bevorzugten Zielländern der Emigranten gehörte damals auch Deutschland, das 1964 ein Anwerbeabkommen mit Portugal geschlossen hatte.
Im Vordergrund des Canção do desterro steht weniger die Hoffnung auf einen Neuanfang in der Fremde als vielmehr die mit der Auswanderung verbundene Verlusterfahrung. Dies deutet sich schon im Titel des Liedes an. Denn „desterro“ lässt sich auch mit „Verbannung“ oder „Vertreibung“ übersetzen.
Auf der Inhaltsebene kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass Aufbruch, Reise und Ankunft, Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, Träume und Wirklichkeit collagenartig ineinandergeschoben werden. Dadurch werden die ambivalenten Gefühle der Auswanderer, ihre Hoffnungen und Ängste, unmittelbar mit den Warnungen der Daheimgebliebenen vor dem Verlassen der Heimat, mit den Gefahren der Reise und der Gleichgültigkeit, mit der die Menschen am Zielort der Auswanderung auf die Neuankömmlinge reagieren, verknüpft.

Über José Afonso

José (Zeca) Afonso (1929 – 1987) ist einer der bedeutendsten portugiesischen Dichter und Liedermacher. Nachdem er bis 1940 in den ehemaligen portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik gelebt hatte, zog seine Familie ins zentralportugiesische Coimbra, die ehemalige Hauptstadt des Landes. Dort kam der Künstler mit einer für die Universitätsstadt charakteristischen Spielart des Fado, der klassischen portugiesischen Liedkunst, in Berührung.
Nach dem Studium unterrichtete José Afonso zunächst als Lehrer, u.a. auch vier Jahre lang in Mosambik. Daneben schrieb er jedoch auch Gedichte und Lieder und veröffentlichte 1956 sein erstes Album.
In den 1960er Jahren wurde der Dichter und Musiker mit seinem Werk zu einem der wichtigsten Gegner der Salazar-Diktatur. Er stand folglich in Portugal unter strenger Beobachtung des Regimes und konnte seine Lieder nur im Ausland aufnehmen.
1974 läutete José Afonsos antifaschistisches Lied Grândola, Vila Morena („Grândola, braungebrannte Stadt″) die Nelkenrevolution ein, mit der Portugal sich aus der Zeit der Diktatur befreite. Als es in der Nacht vom 24. auf den 25. April im Radio gespielt wurde, war dies das Startsignal für die Revolution.
Durch die große Bedeutung seiner Lieder hat der unvertonte Teil des Werks José Afonsos – der etwa die Hälfte seines Gesamtwerks umfasst – lange Zeit eine geringere Beachtung erfahren. Erst in der jüngeren Vergangenheit rückt auch dieser Teil seiner Dichtung stärker in den Vordergrund.

Nachweise

Marques, Rui: Portugal und Europa im Zeitalter der Migration. In: Ost-West. Europäische Perspektiven (OWEP) 2/2006.

Portuguese American Journal: Report: Portuguese lost 20% of its active population to migration. 24. März 2015; [bezieht sich auf eine Publika­tion des Observatório da Emigração; vgl. dessen Bericht zur Emigração Portuguesa vom Dezember 2016].

Streck, Ralf: Portugal will junge Menschen aus der Emigration zurückho­len. Telepolis, heise.de, 2. August 2017.

Canção do Desterro (Emigrantes): Text, Lied und Übersetzung

Lied und Text

Lied vom Exil

Sie sind frühmorgens gekommen,
zu Tode erschöpft.
Auf Wiedersehen, meine Freunde,
wir kehren nicht mehr hierher zurück,
das Meer ist so groß
und die Welt ist so weit.
Schöne Maria,
wohin werden wir ziehen?

Auf dem Schiff
singen die Matrosen.
Dieses Meer ist nicht so wie das,
das ich gekannt habe.
Das Steuerrad
und der umschäumte Bug …
Schöne Maria,
wohin wird es uns verschlagen?

Nicht eine Wolke
über der Meeresflut.
Das Siebengestirn der Plejaden
weist uns den Weg.
[Ich denke an] die Worte der alten Frau,
wie sie auf uns eingeredet hat …
Schöne Maria,
wohin werden wir sinken?

Am Ufer des Meeres
bin ich aufgewachsen.
Ruder und Segel
habe ich dort in Wind und Sonne aufblitzen lassen
und auf dem [glühenden] Sand des Strandes.
Schöne Maria,
wo werden wir leben?

Ich verdiene mir meinen Lebensunterhalt,
ich besitze ein kleines Vermögen
in einem fremden Land.
Ich weiß, wo ich Halt machen muss,
ich bin wie der Wind,
der kommt und geht.
Schöne Maria,
wohin werden wir ziehen?

Die bronzene Glocke
in meinem Heimatdorf
läutet für mich,
der ich in die Welt hinausziehe,
und die alte Frau,
die schlaue alte Frau redet auf mich ein.
Schöne Maria,
wo werden wir büßen?

Sie kamen von weither,
alle haben es gewusst,
niemanden hat es gekümmert,
der sie kommen gesehen hat.
[Ich denke an] die Worte der alten Frau,
wie sie auf uns eingeredet hat …
Schöne Maria,
wo werden wir sterben?

aus: Traz outro amigo também (1970)

Henrique Matos (2009): Porträt José Afonso

English Version

José (Zeca) Afonso: Canção do Desterro (Emigrantes) / Song of Exile

The Canção do Desterro (Song of Exile) by the Portuguese poet José (Zeca) Afonso is an impressive memorial to forced emigration, which was of crucial importance for Portuguese history. However, the song can also be related to refugee fates of the present.

Refugees in the past and today

When we talk about refugees today, we mostly think of people fleeing to the wealthy West. Yet it is not so long ago that people were also driven into emigration in the countries of the Western world, now saturated with prosperity.
The reasons for this were not only the totalitarian regimes and the wars of the 20th century. Particularly in the 19th century, but to some extent in the 20th century as well, the causes of emigration were simply hunger and material deprivation. The situation was therefore no different from that of today’s immigrants who flee to Europe or the United States out of comparable hardship – except that in their case we speak disparagingly of „economic refugees“.

Emigration from Portugal

A country that has been particularly affected by emigration in recent European history is Portugal. At the end of the 20th century, the number of Portuguese living abroad was equivalent to almost half of the people living in Portugal (about 10 million). At the beginning of the 21st century, Portugal was the country with the highest expatriate population in the EU: 20 percent of Portuguese people lived abroad.
This trend has intensified as a result of the financial and economic crisis since 2008. In 2013 alone, 110,000 people emigrated from Portugal. Only recently has the Portuguese government stepped up its efforts to encourage return migration, especially of young emigrants, in order to counteract the brain drain.

A collage set to music: on the song presented here

Against this background, it is not surprising that emigration is also a theme in numerous Portuguese poems and songs. One example is José (Zeca) Afonso’s Canção do desterro (Song of Exile). Like several other emigration songs, it was written in the late 1960s, when a particularly large number of people emigrated from the country, run down by the Salazar dictatorship. One of the preferred destinations for emigrants at that time was Germany, which had signed a recruitment agreement with Portugal in 1964.
The Canção do desterro focuses less on the hope of a new beginning in a foreign country than on the experience of loss associated with emigration. This is already indicated in the title of the song: „desterro“ can also be translated as „banishment“ or „expulsion“.
On the level of content, this is expressed by the fact that departure, journey and arrival, present, future and past, dreams and reality are interwoven like a collage. In this way, the ambivalent feelings of the emigrants, their hopes and fears, are directly linked with the warnings against leaving home, with the dangers of the journey, and with the indifference to which the new arrivals are exposed at their destination.

About José Afonso

José (Zeca) Afonso (1929 – 1987) is one of the most important Portuguese poets and songwriters. After living in the former Portuguese colonies of Angola and Mozambique until 1940, his family moved to the university town of Coimbra in central Portugal, the former capital of the country. There the artist came into contact with a variety of Fado, the classical Portuguese art of singing.
After his studies, José Afonso first worked as a teacher, including four years in Mozambique. In addition, he also wrote poems and songs and published his first album in 1956.
In the 1960s, the poet and musician became one of the most important opponents of the Salazar dictatorship with his work. Consequently, he was under strict observation of the regime and could only record his songs abroad.
In 1974, José Afonso’s anti-fascist song Grândola, Vila Morena („Grândola, tanned city″) heralded the so-called „Carnation Revolution“, with which Portugal freed itself from the period of dictatorship. When it was played on the radio on the night of April 24-25, this was the starting signal for the revolution.
Due to the great importance of his songs, the unset part of José Afonso’s oeuvre – which comprises about half of his complete works – has long received less attention. Only in the recent past has this part of his poetry also come more to the fore.

References

Marques, Rui: Portugal und Europa im Zeitalter der Migration [Portugal and Europe in the Age of Migration]. In: Ost-West. Europäische Perspektiven (OWEP) 2/2006.

Portuguese American Journal: Report: Portuguese lost 20% of its active population to migration. March 24, 2015; [refers to a publication of the Observatório da Emigração; Emigração Portuguesa, December 2016].

Streck, Ralf: Portugal will junge Menschen aus der Emigration zurückho­len [Portugal wants to bring back young people from abroad]. Telepolis, heise.de, August 2, 2017.

Canção do Desterro (Emigrantes): text, song and translation

Song and text

Song of Exile

They arrived early in the morning,
exhausted to death.
Goodbye, my friends,
we won’t return here again,
the ocean is so big
and the world is so wide.
Beautiful Mary,
where will we go?

On the ship
the sailors sing.
This sea is not like the one
I have known.
The steering wheel
and the bow bathed in foam …
Beautiful Mary,
where will it take us?

Not a single cloud
above the surging waters.
The seven stars of the Pleiades
guide us on our way.
[I think of] the words of the old woman,
how she spoke insistently to us …
Beautiful Mary,
where will we sink to?

On the shore of the sea
I grew up.
Rudders and sails I have seen there
flashing in the wind and sun
and on the [glowing] sand of the beach.
Beautiful Mary,
where will we live?

I earn my living,
I make a small fortune
in a foreign country.
I know where to turn to,
I am like the wind
that comes and goes.
Beautiful Mary,
where will we move to?

The bronze bell
in my home village
is tolling for me,
for me who go out into the world,
and the old woman,
the wise old woman
is speaking insistently to me.
Beautiful Mary,
where will we repent?

They came from far away,
everyone knew,
nobody cared
when they saw them coming.
[I think of] the words of the old woman,
how she spoke insistently to us …
Beautiful Mary,
where will we die?

from: Traz outro amigo também (1970)

Bild: Latyip: All for the hope of freedom (2004), Quelle: Wikimedia

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