Edgar Fuhrmann: Endstation / End of the Line

Eine junge Frau ist nach einem Gefängnisaufenthalt nicht wieder auf die Beine gekommen. In einem Brief versucht sie, mit einer früheren Freundin Kontakt aufzunehmen.

Textauszug

Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Was will die dumme Gans überhaupt von mir? – Ich gebe ja zu, dass ich mich damals nicht gerade höflich verhalten habe, als Du zu der Gerichtsverhandlung gekommen bist. Du grüßt mich freundlich, aufmunternd sogar, und ich schaue Dich noch nicht einmal an. Nein, das war wirklich nicht nett von mir!
Ich habe das später auch oft bereut, als ich dann in meiner Zelle lag, hinter „schwedischen Gardinen“, wie ich das früher selbst verniedlichend genannt habe. Übrigens hat man da ein ganz normales Bett, keine Holzpritsche oder so: alles Klischees! Nur das Eisengitter und die Stahltüren – das ist ungefähr so, wie unbescholtene Bürger sich den Knast vorstellen.
Na ja, ich hatte an dem Ort jedenfalls genug Zeit zum Nachdenken. Da hätte ich dann gern mal mit Dir gesprochen. Aber weil Du nicht zu mir gekommen bist, war halt Funkstille. Denn Telefonieren und Briefeschreiben – das ist im Gefängnis eine Wissenschaft für sich, wie Du vielleicht weißt (weißt Du’s?).

Erzählung als PDF

English Version

End of the Line

A young woman has not gotten back on her feet after a stay in prison. In a letter, she tries to get in touch again with a former friend.

Excerpt from the text

Maybe you are asking yourself now: What the hell does that silly goose want from me? – I admit that I didn’t exactly behave politely when you came to the court hearing. You greeted me kindly, encouragingly in fact, and I didn’t even look at you. No, that really wasn’t kind on my part!
I often regretted this later when I was lying in my cell in the „Big House“, as I used to call it myself belittlingly. By the way, „inhabitants“ have a normal bed there, not a wooden cot or anything like that: all clichés! Only the iron bars and the steel doors – that is more or less how respectable citizens imagine what slammer is like.
Well, I had enough time for contemplation in that place anyway. I really would have liked to talk to you then. But since you didn’t come to me, there were no smoke signals from me either. Because phoning and writing letters in prison is a science in itself, as you probably know (do you?).

Story as PDF

Bilder: : Wokandapix: Obdachlose Person (mo­difiziert); 愚木混株CDD20: Lesendes Mädchen (Pixabay)

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