Die galicische Dichterin Rosalía de Castro

Die Saudade: ein galicisch-portugiesischer Gefühlskomplex.

Rosalía de Castro (1837 – 1885) gilt als wichtige Vertreterin des so genannten „Rexurdimento“ (‚Wiederaufblühen‘), mit dem man in Galicien die Renaissance der eigenen Sprache und Kultur seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Besondere Bedeutung kommt dabei ihren 1863 veröffentlichten Cantares gallegos (‚Galicischen Gesängen‘) zu. Ihre Gedichte sind stark von der Saudade geprägt, einem nur schwer in Worte zu fassenden Gefühlskomplex aus Fernweh, Melancholie und unbestimmter Sehnsucht.

Das Galicische bzw. „Galegische“, die Sprache der nordspanischen Region Galicien, ist dem Portugiesischen näher als dem Spanischen. In Galicien selbst hatte dies allerdings lange Zeit keine Rolle gespielt, da das Galicische als die Sprache des einfachen Volkes galt und die Oberschicht kastilisch dominiert war. Das Galicische wurde demzufolge in erster Linie als Umgangssprache benutzt und spielte als Schriftsprache praktisch keine Rolle.

Dagegen hatte Galicien im Hochmittelalter, als das Land eine Zeit lang ein eigenständiges Königreich war, auch eine literarische Blüte erlebt. Noch im 13. Jahrhundert, als Galicien in das Königreich León integriert worden war, verfasste Alfons X., genannt „der Weise“, König von Kastilien und León, Verse in galicischer Sprache. Im Zuge der verstärkten Einbindung der Region in das kastilisch dominierte spanische Königreich wurde die galicische Sprache jedoch mehr und mehr zurückgedrängt. Erst spät wurde man sich wieder der eigenen kulturellen Wurzeln bewusst, die – auch angesichts der Bergketten, die eine natürliche Grenze zu Spanien bilden – eher eine Anbindung an Portugal als eine Eingliederung in das spanische Königreich nahe gelegt hätten.

Als wichtige Vertreterin des so genannten „Rexurdimento“ (‚Wiederaufblühen‘), mit dem man in Galicien die Renaissance der eigenen Sprache und Kultur seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet, gilt Rosalía de Castro (1837 – 1885). Die Dichterin hat zwar auch in kastilischer Sprache geschrieben, doch waren insbesondere ihre 1863 veröffentlichten Cantares gallegos (‚Galicische Gesänge‘) ein wichtiger Impulsgeber für das Rexurdimento. Ihre Gedichte sind stark von der Saudade geprägt, jenem Gefühlskomplex aus Fernweh, Melancholie und unbestimmter Sehnsucht, der auch für den portugiesischen Fado charakteristisch ist.

Exemplarisch hierfür ist das Gedicht [En los ecos …] (‚Nachhall‘), in dem das Glück nur im Nachhall der Spuren, die es in der Welt hinterlassen hat, erahnt werden kann. Vollkommene Harmonie und innere Erfüllung erhalten den Charakter eines Traumbildes, einer verblassten göttlichen Verheißung, die nur noch wie der Abglanz eines untergegangenen Tages erfahrbar ist.

Dieses existenzielle Ungenügen manifestiert sich in dem Gefühl eines „dunklen Schattens“ (so der Titel eines weiteren Werks der Dichterin), der das Ich überhallhin verfolgt und seine Seele verdüstert. Folglich wird in dem Gedicht [Del rumor …] (‚Geräusche‘) auch das Verlangen nach einer Flucht aus dieser Welt, von deren Last die eigene Seele „erdrückt“ wird, evoziert. Erreicht werden kann dies durch die traumhafte Übersiedlung in andere Welten. Diese sind jedoch auch hier wieder nur in den Spuren einer verlorenen Vollkommenheit erahnbar, als eine Art bruchstückhaftes „Gerücht“ (so eine andere Bedeutung von „rumor“).

Ein anderes Gedicht von Rosalía de Castro [Este vaise i aquel vaise …] verknüpft die Saudade mit konkreten sozialen Problemen der galicischen Landbevölkerung. Es wurde 1970 von dem portugiesischen Arzt, Komponisten und Musiker José Niza, mit geringfügigen Abwandlungen des Textes, unter dem Titel Cantar de emigração (‚Lied von der Emigration‘) vertont und von Adriano Correia de Oliveira gesungen.

Hintergrund des Gedichtes ist, dass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Spanien die Prozesse der Entfeudalisierung und der Industrialisierung beschleunigten. Beide Prozesse verstärkten einander gegenseitig und führten dazu, dass viele Menschen in den Dörfern keine Zukunft mehr für sich sahen. Die Folge war eine massive Landflucht.

In den meisten Regionen richteten sich die Fluchtbewegungen zunächst auf die großen Städte. In Galicien aber, mit seiner langen Atlantikküste und dem Kantabrischen Gebirge, das es vom übrigen Spanien trennt, war die Auswanderung übers Meer eine ebenso nahe liegende Option. So lebten, nachdem die Region auch von den ökonomischen Krisen des 20. Jahrhunderts verstärkt betroffen war, Anfang des 21. Jahrhunderts 1,4 Millionen Galicier im Ausland. Bei einer Gesamtbevölkerung von 2,7 Millionen Menschen entspricht das ungefähr der Hälfte der heutigen Einwohner Galiciens.

1880, als die Folgen der Emigration bereits deutlich zu spüren waren, widmete Rosalía de Castro dem Leid der Zurückgebliebenen ein Gedicht. Die Probleme, die sie darin beschwört, sind dieselben, unter denen auch heute noch von Auswanderung betroffene Gebiete leiden: brachliegende Felder, eine „todesgleiche“ Abwesenheit naher Angehöriger, Frauen, die sich allein um das Wohl der Familie kümmern müssen, Kinder, die ohne Väter aufwachsen. So führen die Verse eindrücklich vor Augen, dass Auswanderung zwar das nackte Überleben sichern, dafür aber das Sozialgefüge in der verlassenen Region nachhaltig zerstören kann.

zu Leben und Werk der Autorin: rosaliadecastro.de [von dem Studienrat Christian Switek eingerichtete Website, mit ausführlichen Angaben zur Biographie und zu den einzelnen Werken der Dichterin]

Gedichte mit Übersetzungen

[En los ecos …]

aus: En las orillas del Sar (1884)

Übertragung ins Deutsche:

[Nachhall]

I

Im Widerhall der Orgel, oder im Rauschen des Windes,
im Schimmern eines Sternes oder in einem Regentropfen,
in allem hat sie dich geahnt, und in allem hat sie nach dir gesucht,
ohne dich je zu finden.

Vielleicht hat sie dich ja gefunden, gefunden und wieder verloren
irgendwann im Getümmel der Schlacht,
so dass sie weiter nach dir sucht und dich in allem ahnt,
ohne dich je zu finden.

Und doch weiß sie, dass du existierst und nicht nur ein eitler Traum bist,
eine namenlose Schönheit, vollkommen und einzigartig.
Deshalb führt sie ein trauriges Leben,
denn immer sucht sie nach dir,
ohne dich je zu finden.

II

Was ist es nur, wonach ich unablässig suche
in der Erde, in den Lüften und im Himmel?
Wonach ich suche, weiß ich nicht – doch ist es etwas,
das ich verloren habe – ich weiß nicht wann – und nicht wiederfinde,
obwohl ich es im Traum sich regen fühle
in allem, was ich berühre, und in allem, was ich sehe.

Glückseligkeit, ich darf nicht weiter nach dir suchen
in der Erde, in den Lüften und auch nicht im Himmel,
obwohl ich weiß, dass es dich gibt
und du nicht nur ein eitler Traum bist.

[Del rumor …]

aus: En las orillas del Sar (1884)

Übertragung ins Deutsche:

[Geräusche]

Im rhythmischen Rauschen der Wellen
und im unbestimmten Widerschein des Lichtes,
in den Wäldern oder in den Wolken;
im Ruf eines vorüberfliegenden Vogels;
in einem unbekannten Wiesenduft,
den der Gott des Windes
aus einem Tal oder Gipfel entführt:
Es gibt Welten, in denen jene Seelen
Zuflucht finden, die von der Last
der Welt erdrückt werden.

[Este vaise i aquel vaise …]

aus: Follas Novas (1880)

Text von Gedicht und Liedfassung

(Cantar de Emigração)

portugiesischer Text und Musik von José Niza; Interpret: Adriano Correia de Oliveira; aus: Cantaremos (1970)

Andere Version (Grupo de Fado, 2016; live, sehr stimmungsvoll)

Übersetzung:

Lied von der Emigration

Du schaust hierhin,
du schaust dorthin,
und alle, alle gehen fort.
Galicien, bald ist kein Mensch mehr da,
um dir das Brot zu schneiden. [Original: um deine Felder zu bearbeiten.]

Stattdessen bleiben dir
Waisenjungen und Waisenmädchen,
es bleiben dir aufgegebene Felder,
Mütter ohne Söhne
und Söhne ohne Väter.

Und es bleibt dir dein Herz,
dein Herz, das leidet
unter den langen, todesgleichen Abwesenheiten
und mit den Witwen der lebenden Toten,
die niemand trösten wird.

Du schaust hierhin …

 

Bild: Porträt der Dichterin Rosalía de Castro vor einer galicischen Küstenlandschaft. © Rotherbaron

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