Erdoğan Emirs Lied To Şiya („Du bist fortgegangen“)

Von der Utopie der Harmonie

Der aktuelle Angriffskrieg der türkischen Armee gegen die syrischen Kurden führt dem kurdischen Volk mal wieder seinen internationalen Paria-Status vor Augen.  In Erdoğan Emirs Lied To Şiya klingt die Verzweiflung über diese Verlassenheit an, aber auch die Sehnsucht nach ihrer Überwindung.

Kurdische Schachbrettfiguren

Im aktuellen Angriffskrieg der Türkei in Nordsyrien werden die Kurden mal wieder zur Verschiebemasse auf der großen Bühne der internationalen Politik degradiert. Erst konnte man sie gut als Frontfutter im Kampf gegen den IS gebrauchen, dann wurden die Ansprüche auf Eigenständigkeit lästig. So schweigt man geflissentlich über die Verbrechen, die der türkische Despot im Namen angeblicher Terrorismusbekämpfung am kurdischen Volk begehen lässt.
Menschenrechte? Recht der Völker auf Selbstbestimmung? Ach was! Im Zweifelsfall betrachtet man die Welt lieber als Schachbrett, wo man einzelne Völker wie Schachfiguren verschiebt und vom Tisch fegt, wenn es den eigenen Interessen dient. Und die Türkei gilt nun einmal als so wichtiger „geostrategischer“ Partner des Westens, dass man das bisschen Völkermord als lässliche Sünde abtut.
Hinzu kommt aber noch etwas anderes. Dadurch, dass die Kurden ständig als Akteure in kriegerischen Auseinandersetzungen gezeigt werden – sei es im Befreiungskampf innerhalb der Türkei, als Speerspitze gegen den IS oder als Angriffsziele im Rahmen von Erdoğans Großmachtstreben –, erscheint das kurdische Volk in der öffentlichen Wahrnehmung insgesamt als ein Volk von Kriegern. Selbst wenn die Blutbäder, die die türkische Armee unter den Kurden anrichtet, verurteilt werden, gerät so die kulturelle Wirklichkeit des kurdischen Lebens aus dem Blick.

Türkisches Großmachtstreben als Wurzel der Gewalt

Es ist durchaus nicht so, dass alle Kurden mit der Waffe zwischen den Zähnen durchs Leben gehen. Wie allen anderen Völkern auch geht es ihnen lediglich darum, ihre Kultur entfalten und in deren Rahmen ein ganz normales, friedliches Leben führen zu können. Die Prägung ihres Alltags durch Krieg und Gewalt ist – das wird regelmäßig übersehen – keineswegs ihre eigene Idee. Sie ist ihnen vielmehr seit dem Übergang vom Osmanischen Reich zum neuen türkischen Staat von Letzterem aufgezwungen worden.
Es war das von Mustafa Kemal Atatürk angeführte türkische Militär, das die den Kurden 1920 im Vertrag von Sèvres zugesicherten Selbstbestimmungsrechte missachtet hat. Unter falschen Versprechungen wurden die regionalen kurdischen Machthaber dazu gebracht, sich an dem vor allem gegen Griechenland gerichteten Territorialkrieg zu beteiligen. Schon damals wurden die Kurden nur benutzt, um fremde Ziele zu erreichen. Als die Türkei 1923 im Vertrag von Lausanne die Ernte ihrer kriegerischen Aktivitäten einfuhr, gingen die Kurden leer aus. Von kurdischer Autonomie und der Perspektive eines eigenen Staates war auf einmal nicht mehr die Rede. Stattdessen setzte Atatürk sein Projekt eines auf der türkischen Hegemonialkultur aufbauenden Staates um, in dem die Kurden als „Bergtürken“ ihre eigene kulturelle Identität zu verleugnen hatten.
De facto stand so die Existenz als Kurde in der Türkei unter Strafe. Was das bedeutete, hat gerade die Bevölkerung von Dersim – der Provinz, aus der auch der Sänger Erdoğan Emir stammt – schmerzlich erfahren müssen. In einem Feldzug, der Zehntausende Opfer forderte, wurden hier 1937/38 die kurdischen Bemühungen um Selbstbestimmung gewaltsam unterbunden. Als Zeichen des Triumphs und als dauernde Mahnung vor den Konsequenzen, die für die Beharrung auf der kurdischen Identität drohen, wurde die Provinz später in Anlehnung an die Bezeichnung für den Feldzug umbenannt: Aus Dersim (kurdisch „silbernes Tor“) wurde Tunceli (türkisch „eiserne Hand‘“).

Vielfältigkeit der kurdischen Kultur

Wir haben nicht allzu viele Möglichkeiten, uns die kulturelle Wirklichkeit des kurdischen Lebens vor Augen zu führen. Klar, wir könnten nach Kurdistan reisen und uns vor Ort vergewissern, dass die Frauen dort keine Amazonen und die Männer keine Berserker sind. Eben hiervon hält uns aber das Bild ab, das medial von den Kurden und den von ihnen besiedelten Gebieten erzeugt wird.
Deshalb greife ich an dieser Stelle einmal mehr zu dem völkerverbindenden Mittel der Musik, um die kurdische Kultur in einem ganz anderen, der Wirklichkeit eher entsprechenden Licht erscheinen zu lassen. Erdoğan Emirs Lied To Şiya („Du bist fortgegangen“) habe ich an dieser Stelle kürzlich bereits im Zusammenhang eines Gedichts über Kurdistan erwähnt. Ich stelle es nun noch einmal ins Schaufenster dieses Blogs, weil es mir besonders gut als Kontrapunkt zu dem medialen Erscheinungsbild des kurdischen Volkes geeignet erscheint.
Das fängt schon mit der Sprache an. „Das“ Kurdische gibt es nämlich nicht. Neben dem Nordkurdischen (Kurmandschi), dem Zentralkurdischen (Sorani) und dem Südkurdischen, die alle wiederum eigene Dialekte aufweisen, wird im kurdischen Siedlungsgebiet auch noch Zazaisch gesprochen. Trotz der Eigenständigkeit dieser Sprache – in der auch Erdoğan Emir sein Lied singt – definiert sich die Mehrzahl ihrer Sprecher als „kurdisch“. Dahinter steht die Befürchtung, die sprachwissenschaftlichen Forschungen könnten – so wichtig sie auch für das Verständnis des Zazaischen sein mögen – einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben.

Ein Liebeslied als Friedensbotschaft

Erdoğan Emir erscheint zunächst selbst als Gegenbild zum Karl-May-Klischee des „wilden Kurden“. Mit seiner Nickelbrille, dem Ohrring, den schulterlangen Haaren und dem Sokratesbart wirkt er ausgesprochen intellektuell. Auch seine harmonische Stimme und sein kontemplativer Gesang lassen sich kaum mit der Vorstellung eines blutrünstigen Kriegers verbinden.
Auch das Lied kann als eine Botschaft des Friedens gedeutet werden. Vordergründig handelt es sich um ein schlichtes Liebeslied, das der dazugehörige Videoclip in anrührender Weise mit der ersten schüchternen Liebeserfahrung zweier Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden bezieht. Die eindringliche Art des Gesangsvortrags macht jedoch deutlich, dass es hier nicht um eine banale Herzschmerzgeschichte geht. Vielmehr deutet sich in dem Lied die Kraft einer Liebe an, die Versöhnung an die Stelle von Entzweiung, Gemeinschaft an die Stelle von Zwietracht setzt.
Natürlich ist diese Art von Liebe eine Utopie. Dementsprechend unglücklich endet die Liebesgeschichte in dem Videoclip, dementsprechend melancholisch ist das Lied. Die besondere Kunst Erdoğan Emirs ist aber, dass es ihm gelingt, über die Musik die Harmonie zu verwirklichen, die in der Alltagsrealität unerreichbar bleibt: Violine und Klavier umspielen sich in so vollendeter Harmonie, dass sie wie zu einer Stimme verschmelzen und so die reale Disharmonie konterkarieren.
Diese Utopie lässt sich durchaus auch auf die allgemeine Situation des kurdischen Volkes beziehen. Der tristen, scheinbar ausweglosen Gegenwart wird die Vision einer Zukunft gegenübergestellt, in der auch das kurdische Volk im Einklang mit sich selbst leben und sich kulturell verwirklichen kann. Die Vision einer Zukunft, in der das Selbstbestimmungsrecht des kurdischen Volkes mit derselben Selbstverständlichkeit wie bei allen anderen Völkern anerkannt wird und in der die Kurden, als anerkannter Teil der Völkergemeinschaft, mit den anderen Völkern in Frieden leben können.

Erdoğan Emir: To Şiya aus: Tanık (‚Zeuge‘); 2010

Text mit englischer Übertragung

Freie Übertragung aus dem Englischen:

Du bist fortgegangen

/ Es war Sommer, als du fortgegangen bist
und ich blutige Tränen geweint habe. /

/ Ich rufe nach dir wie ein Kuckuck,
nur die Sterne erhören meine Wünsche
und erzählen mir von dir. /

/ Wer, wenn nicht du, kann meine Seele verstehen?
Du bist die Lösung all meiner Probleme. /

In der Dämmerung scheint die Sonne hinter den Bergen.
Ich erinnere mich an dein Gesicht,
die Welt verdunkelt sich für mich.
Ich steige durch die Berge, ich steige auf in den Wind
und bitte die Vögel, meine Seele zu dir zu tragen.

/ Wer, wenn nicht du … /

Live-Fassung mit abweichender Instrumentierung (Langflöte statt Violine, kein Klavier):

 

Bild: Nóra Bartóki-Gönczy:  Asimah (Junge Kurdin mit krankem Kind auf der Flucht) Quelle: Wikimedia

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