Kurdistan

Ein Gedicht von Kian Sor

Wenn die AKP in der Türkei einmal eine wichtige Wahl verliert, wird dies von den Herrschenden fast schon als Majestätsbeleidigung empfunden. Die Folge: Die Wahlen müssen wiederholt werden. Genau das ist jetzt bei der Oberbürgermeisterwahl in Istanbul passiert.

Bei der heutigen Wahlwiederholung werden die Kurden von beiden Kandidaten heftig umworben. Angesichts des erwarteten knappen Wahlausgangs zählt jede Stimme, auch die von Menschen, deren Stimme man ansonsten geflissentlich überhört. So standen sowohl die regierende AKP als auch die oppositionelle CHP, deren Kandidat die Oberbürgermeisterwahl beim ersten Anlauf gewonnen hatte, in der Vergangenheit stets für eine rigorose Unterdrückung kurdischer Selbstbestimmungswünsche.

Als Kurde kann man bei Wahlen in der Türkei deshalb nur verlieren. Wenn man gewinnt, wird man – wie bei den letzten Kommunalwahlen in einigen kurdischen Gemeinden geschehen – als Terrorist diffamiert und bekommt den Sieg nachträglich aberkannt. Verliert man, so gilt dies als Bestätigung einer Politik, die Kurden als „Bergtürken“ abqualifiziert und jeden Gedanken an ein eigenständiges kurdisches Volk mit entsprechenden Autonomierechten weit von sich weist.

Kurdistan … Das scheint ein unerfüllbarer Traum zu sein, eine Wunde auf der Karte der Völker, die dort, wo „Kurdistan“ stehen müsste, nur einen Flickenteppich aus kurdischen Siedlungsgebieten in fremden Ländern aufweist. Und wenn sich die Kurden, wie im Norden Syriens oder des Iraks, einmal doch in einzelnen Gebieten größere Selbstbestimmungsrechte erkämpft haben, kann man darauf warten, dass im fernen Istanbul von „Terrornestern“ gemunkelt wird und die Panzer losgeschickt werden. Und die Welt schaut zu und schweigt, weil die Kurden ihr nichts zu bieten haben außer ihrer Sprache und Kultur, für die niemand sich etwas kaufen kann.

Hierzu ein Gedicht von Kian Sor.

Kurdistan

Das Land, in dem du lebst,
ist ein Land,
das es nicht geben darf.

Das Volk, dem du angehörst,
ist ein Volk,
das kein Volk sein darf.

Die Sprache, die du sprichst,
ist eine Sprache der Angst.
Jedes Wort, das du sprichst,
wirft einen Verdacht auf dich.

Sprichst du mit den Nachbarn,
so rufen sie: „Verschwörung!“
Sprichst du mit Fremden,
so rufen sie: „Verrat!“

Deine Berge sind nicht deine Berge.
Deine Dörfer sind nicht deine Dörfer.
Deine Heimat ist nicht deine Heimat.
Deine Seele gehört dir nicht.

Sie bedrohen dich
und fühlen sich von dir bedroht.
Schon im Bauch deiner Mutter
warst du illegal.

Was hast du noch zu verlieren?

 

Link:

Erdoğan Emirs Lied To Şiya („Du bist fortgegangen“)

 

Bild: Florence Didiot: Kurdistan (pixabay)

 

 

 

 

Eine Antwort auf „Kurdistan

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