Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

Wie bereits angekündigt, folgt hier ein weiteres Gedicht des französischen Autors Robert de Souza mit deutscher Übertragung. Wie Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne), zu dem wir zuletzt ein kleines Filmchen gepostet haben, entstammt Le saule (Die Weide) dem Zyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen), der in der 1897 erschienenen Gedichtsammlung Sources vers le fleuve (Zum Fluss strebende Quellen) enthalten ist.

Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

An deinen Trauerweidentagen
streckst du aus der Höhe deines stolzen Glaubens
herab die langen, trauervollen Arme
zu den Herzen, den Kieselsteinherzen,
die haltlos über die Steilküste stürzen
ins Nichts, eingeschlossen in ihre Hülle aus Schlamm.
Nichts kann sie aufhalten
und zur Sonne tragen,
um sie in Diamantenfunken zu verwandeln.
Und doch streckst du deine langen, trauervollen Arme
aus nach den haltlosen Herzen,
deine Trauerarme, die im Wind sich drehen,
leise in der Leere schwankend.

Übertragung: Dieter Hoffmann (rotherbaron)

 

Französischer Originaltext:

Saule

aus: Sources vers le fleuve (1897); hier zit. nach dem Abdruck in: Modulations. Poésies et poèmes. Édition définitive, S. 129 – 153 (Le saule S. 140). Paris 1923: Crès [Gesamtausgabe der Gedichte de Souzas].

 

Erläuterungen:

Kennzeichnend für symbolistische Dichtung ist es, dass es ihr nicht um die äußeren Erscheinungen als solche geht. Vielmehr nutzt sie diese nur als Medium, um komplexe Vorstellungs- und Gefühlsinhalte zum Ausdruck zu bringen. Diese werden dabei allerdings nicht, wie im platonischen Höhlengleichnis, im Sinne „ewiger“ Ideen betrachtet, die hinter den äußeren Erscheinungen ruhen und erst zum Vorschein kommen, wenn man diese durchdringt. Vielmehr wird die für die Alltagswelt charakteristische enge Verknüpfung von sinnlicher und geistiger Sphäre gerade dafür genutzt, abstrakte Ideen und komplexe Gefühle, die ansonsten nur schwer in Worte zu fassen wären, in stimmigen Bildern vor Augen zu führen.

So gesehen, lässt sich Robert de Souzas Dichtung eindeutig dem Symbolismus zurechnen. Dies macht gerade ein Gedicht wie Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne) deutlich, das im Bild der schlafenden Schwäne die überzeitliche Idee des Friedens zum Ausdruck bringt. Die Idee wird hier dadurch zu neuem Leben erweckt, dass der „Frieden“ eben nicht als Pause zwischen zwei Waffenstillständen erscheint oder unter einer stereotypen Friedenstaubensymbolik erstickt wird. Stattdessen wird er als eine bestimmte Form der Ich-Umwelt-Harmonie gezeichnet, der auf der inneren Ebene eben jene Ausgeglichenheit und innere Ruhe entsprechen, die das Gedicht bei den Lesenden auslösen kann.

Das Beispiel zeigt jedoch auch, dass das „l’art pour l’art“ der symbolistischen Kunst – ihre Eigenweltlichkeit, die ihren spezifischen Sinn gerade durch die Abkopplung von der Alltagsrealität erhält – auf de Souzas Dichtung nur eingeschränkt zutrifft. Selbst dort, wo sie sich unwandelbaren Ideen zuwendet, sind diese zumindest indirekt von konkreter gesellschaftlicher Relevanz. So kann die Fähigkeit, die Idee des Friedens neu wahrnehmen und als innere Wirklichkeit erleben zu können, offensichtlich dabei helfen, Frieden zu bewahren bzw. ernsthaft anzustreben.

Für einige weitere Gedichte ergibt sich darüber hinaus ein unmittelbarer Alltagsbezug. Ein Beispiel dafür ist Le saule (Die Weide). Das unaufhaltsame Hinabstürzen der „Kieselsteinherzen“, dem sich die „Trauerweidenarme“ hier vergeblich entgegenstemmen, lässt sich zwar allgemein auf das durch nichts aufzuhaltende bzw. zu heilende Zum-Tode-Sein des Menschen beziehen. Daneben kann diese Metaphorik aber auch ganz konkret auf die Situation von Menschen, die trotz der gutwilligen Bemühungen anderer in ihr Unglück rennen (wie etwa im Falle mancher Drogenabhängiger) bezogen werden.

 

Bild: Claude Monet: Trauerweide (1918/1919), Kimbell Art Museum, Texas

2 Antworten auf „Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

  1. Jakob

    Ein wirklich beeindruckendes Gedicht. Vielen Dank für die sensible Nachdichtung und die Einführung. Übrigens: Selten findet man solch gewissenhaft erstellten Beiträge im
    Netz. Ein Schatz im Müllhaufen!

    Gefällt 1 Person

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