Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

Mit einer Einführung in Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme (überarbeitete Fassung mit Analyse und Nachdichtungen)

Wie bereits angekündigt, folgt hier ein weiteres Gedicht des französischen Autors Robert de Souza mit deutscher Übertragung. Wie Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne), zu dem wir zuletzt ein kleines Filmchen gepostet haben, entstammt Le saule (Die Weide) dem Zyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen), der in der 1897 erschienenen Gedichtsammlung Sources vers le fleuve (Zum Fluss strebende Quellen) enthalten ist.

Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

An deinen Trauerweidentagen
streckst du aus der Höhe deines stolzen Glaubens
herab die langen, trauervollen Arme
zu den Herzen, den Kieselsteinherzen,
die haltlos über die Steilküste stürzen
ins Nichts, eingeschlossen in ihre Hülle aus Schlamm.
Nichts kann sie aufhalten
und zur Sonne tragen,
um sie in Diamantenfunken zu verwandeln.
Und doch streckst du deine langen, trauervollen Arme
aus nach den haltlosen Herzen,
deine Trauerarme, die im Wind sich drehen,
leise in der Leere schwankend.

 

Französischer Originaltext:

Saule

aus: Sources vers le fleuve (1897); hier zit. nach dem Abdruck in: Modulations. Poésies et poèmes. Édition définitive, S. 129 – 153 (Le saule S. 140). Paris 1923: Crès [Gesamtausgabe der Gedichte de Souzas].

Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen)

 Einführung zur überarbeiteten PDF mit Analyse und Nachdichtungen

1897 veröffentlichte der französische Dichter und Literaturkritiker Robert de Souza (1864 – 1946) den Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen). Der Zyklus ist heute aktueller denn je – denn er kreist um nichts anderes als um Fundament und Ermöglichungsbedingungen dauerhaften Friedens.

Ein unzeitgemäßer Gedichtzyklus?

Was der Symbolismus uns lehren kann

Der Frieden als zentrales Thema des Gedichtzyklus

Die Utopie innerer und äußerer Harmonie als Leitfaden unseres Handelns

Ein unzeitgemäßer Gedichtzyklus?

Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme (Vom Unruhigen zum Ruhevollen), Ende des vorletzten Jahrhunderts entstanden, ist eindeutig symbolistisch geprägt. Dies mögen manche als unzeitgemäß empfinden.
Erscheint die Beschäftigung mit symbolistischer Literatur angesichts der im Krieg brennenden Welt nicht unpassend? Schließlich scheint der Rückzug aus der Welt, die Schaffung einer eigenen, vom Alltag unberührten Gegenwelt, doch ein zentrales Kennzeichen des Symbolismus zu sein. Und ist das denn in einer Situation, in der die am Abgrund stehende Welt unsere volle Aufmerksamkeit verlangt, eine adäquate Reaktion?
Ja und nein. Natürlich wäre es falsch, uns in unser Schneckenhäuschen zurückzuziehen, während draußen die Welt untergeht. Nur trifft es keineswegs zu, dass die Beschäftigung mit symbolistischer Literatur die Abkehr von der realen Welt impliziert.

Was der Symbolismus uns lehren kann

Zentrales Anliegen des Symbolismus ist es, das wahre Wesen der Dinge freizulegen. Es geht ihm zuallererst darum, unseren Blick zu schärfen und uns nicht mit den Schablonen zu begnügen, welche die tradierten Sicht- und Deutungsweisen den Dingen überwerfen.
Der Symbolismus lehrt uns damit zweierlei: genaueres Hinsehen und das Gewinnen von Distanz zu alltäglichen Wahrnehmungsmustern. Eben dies kann uns aber dazu verhelfen, das Grauen unserer gegenwärtigen Wirklichkeit in seiner ganzen Tragweite zu erfassen und mit aller Entschlossenheit darauf zu reagieren.
So gesehen, kann das, was zunächst wirklichkeitsfern zu sein scheint, gerade ein Impuls für handelndes Einwirken auf die Dinge sein. Manchmal ist es eben notwendig, die Dinge in anderer, verfremdeter Form zu sehen, um sie in ihrer Struktur zu erkennen. Und wie bei einem großen Gemälde in einem Museum kann es hilfreich sein, einen Schritt zurückzutreten, um das Tableau der Wirklichkeit in Gänze zu erfassen.

Der Frieden als zentrales Thema des Gedichtzyklus

Bei Robert de Souza und seinem Gedichtzyklus Du trouble au calme kommt noch etwas anderes hinzu. Der Zyklus kreist um ein Thema, das derzeit kaum aktueller sein könnte: um das Fundament des Friedens.
De Souza versteht Frieden nicht einfach als die Abwesenheit von Gewalt. Stattdessen beschreibt er Frieden als einen Zustand, in dem das Einssein des Menschen mit sich selbst sich mit einem Zustand äußerer Harmonie verbindet.
Beides hängt eng miteinander zusammen: Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann die der Natur innewohnende Harmonie als solche wahrnehmen und aus ihr heraus handeln. Und nur wenn äußere Harmonie herrscht, kann der Mensch zu sich selbst finden.
Vollständige innere und äußere Harmonie ist dabei ein idealer Zustand, der nur jenseits des Lebens möglich erscheint. Denn gerade das dynamische Wechselspiel aus Disharmonie und Harmonie, aus Zwietracht und Eintracht, aus Trennung und Vereinigung, treibt die Entwicklung des Lebendigen an.

Die Utopie innerer und äußerer Harmonie als Leitfaden unseres Handelns

Trotzdem ist es möglich, den Zustand einer vollständigen Harmonie, in der innerer und äußerer Frieden miteinander zusammenfallen, zum Leitfaden des eigenen Lebens zu machen. Es ist die Utopie, an dem wir unser Denken und Handeln ausrichten können, ja müssen, wenn wir in Frieden miteinander leben möchten.
Dafür, dass symbolistische Dichtung und soziales Engagement einander nicht ausschließen müssen, ist Robert de Souza selbst der beste Beweis. An seinem langjährigen Wohnort Nizza hat er sich für eine naturverträgliche Stadtentwicklung eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg war er in der Résistance aktiv.
Nach seinem Tod im Jahr 1946 ist sein dichterisches Werk weitgehend in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, wie ein genauerer Blick zeigt.

Erläuterungen:

Kennzeichnend für symbolistische Dichtung ist es, dass es ihr nicht um die äußeren Erscheinungen als solche geht. Vielmehr nutzt sie diese nur als Medium, um komplexe Vorstellungs- und Gefühlsinhalte zum Ausdruck zu bringen. Diese werden dabei allerdings nicht, wie im platonischen Höhlengleichnis, im Sinne „ewiger“ Ideen betrachtet, die hinter den äußeren Erscheinungen ruhen und erst zum Vorschein kommen, wenn man diese durchdringt. Vielmehr wird die für die Alltagswelt charakteristische enge Verknüpfung von sinnlicher und geistiger Sphäre gerade dafür genutzt, abstrakte Ideen und komplexe Gefühle, die ansonsten nur schwer in Worte zu fassen wären, in stimmigen Bildern vor Augen zu führen.

So gesehen, lässt sich Robert de Souzas Dichtung eindeutig dem Symbolismus zurechnen. Dies macht gerade ein Gedicht wie Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne) deutlich, das im Bild der schlafenden Schwäne die überzeitliche Idee des Friedens zum Ausdruck bringt. Die Idee wird hier dadurch zu neuem Leben erweckt, dass der „Frieden“ eben nicht als Pause zwischen zwei Waffenstillständen erscheint oder unter einer stereotypen Friedenstaubensymbolik erstickt wird. Stattdessen wird er als eine bestimmte Form der Ich-Umwelt-Harmonie gezeichnet, der auf der inneren Ebene eben jene Ausgeglichenheit und innere Ruhe entsprechen, die das Gedicht bei den Lesenden auslösen kann.

Das Beispiel zeigt jedoch auch, dass das „l’art pour l’art“ der symbolistischen Kunst – ihre Eigenweltlichkeit, die ihren spezifischen Sinn gerade durch die Abkopplung von der Alltagsrealität erhält – auf de Souzas Dichtung nur eingeschränkt zutrifft. Selbst dort, wo sie sich unwandelbaren Ideen zuwendet, sind diese zumindest indirekt von konkreter gesellschaftlicher Relevanz. So kann die Fähigkeit, die Idee des Friedens neu wahrnehmen und als innere Wirklichkeit erleben zu können, offensichtlich dabei helfen, Frieden zu bewahren bzw. ernsthaft anzustreben.

Für einige weitere Gedichte ergibt sich darüber hinaus ein unmittelbarer Alltagsbezug. Ein Beispiel dafür ist Le saule (Die Weide). Das unaufhaltsame Hinabstürzen der „Kieselsteinherzen“, dem sich die „Trauerweidenarme“ hier vergeblich entgegenstemmen, lässt sich zwar allgemein auf das durch nichts aufzuhaltende bzw. zu heilende Zum-Tode-Sein des Menschen beziehen. Daneben kann diese Metaphorik aber auch ganz konkret auf die Situation von Menschen, die trotz der gutwilligen Bemühungen anderer in ihr Unglück rennen (wie etwa im Falle mancher Drogenabhängiger) bezogen werden.

 

Bild: Claude Monet: Trauerweide (1918/1919), Kimbell Art Museum, Texas

2 Antworten auf „Robert de Souza: Die Weide (Le saule)

  1. Avatar von Jakob

    Jakob

    Ein wirklich beeindruckendes Gedicht. Vielen Dank für die sensible Nachdichtung und die Einführung. Übrigens: Selten findet man solch gewissenhaft erstellten Beiträge im
    Netz. Ein Schatz im Müllhaufen!

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..