Tschechien: Humorvolle Philosophen

Die absurde Lebensreise, augenzwinkernd besungen.

In Tschechien scheint die Empfindung für die Absurdität des Daseins besonders ausgeprägt zu sein. Hier hat Franz Kafka seine absurden Romane und Erzählungen geschrieben, hier hat Jaroslav Hašeks „braver Soldat Schwejk“ das Licht der (literarischen) Welt erblickt. Die hier vorgestellten Lieder zeigen, dass die Absurdität in Tschechien auch in der Musik zu Hause ist.

Absurdität ist ein Grundzug des menschlichen Daseins. Ein Leben lang jagen wir den Fata Morganas unserer Träume und Sehnsüchte hinterher, nur um am Ende im dunklen Schlund des Nichts zu verschwinden. Und wie oft sorgt die Unergründlichkeit der Wege, auf denen wir wandeln, dafür, dass sich unsere Ziele in das Gegenteil des Erhofften verkehren, sobald wir sie erreicht haben!

In Tschechien scheint die Empfindung für diese Absurdität besonders ausgeprägt zu sein. Hier hat Franz Kafka seine absurden Romane und Erzählungen geschrieben, hier hat Jaroslav Hašeks „braver Soldat Schwejk“ das Licht der (literarischen) Welt erblickt. Bei Kafka wie in Hašeks Schelmenroman irren die Protagonisten durch Labyrinthe, die keinen Ausgang zu haben scheinen. Und auch wenn es sich dabei in beiden Fällen vordergründig um von Menschen gemachte Irrgärten handelt – nämlich die Labyrinthe bürokratischer, allgemein gesellschaftlicher oder militärischer Normen –, so verweisen diese doch auch stets (bei Kafka mehr als bei Hašek) auf das allgemein „Labyrinthische“ des menschlichen Daseins.

Während allerdings bei Kafka die mit dem unerforschlichen Schicksal verbundene Tragik im Vordergrund steht, überwiegt bei Hašek und seinem Protagonisten die sich daraus ergebende Komik. So ist Schwejk insgesamt auch eher eine heitere, Zuversicht ausstrahlende Gestalt. Sein Leben ist deshalb allerdings nicht weniger absurd. Vielmehr ergibt sich seine hoffnungsfrohe Ausstrahlung gerade durch seinen besonderen Umgang mit der Absurdität: Eben weil er die grundsätzliche Unplanbarkeit des Lebens annimmt und mit seiner impulsiven Naivität jeden Nebenweg einschlägt, der sich ihm eröffnet, provoziert er immer neue Volten des Schicksals, die ihn ein ums andere Mal vor dem Untergang bewahren.

Dieses augenzwinkernde Hinnehmen der Absurdität, die jeder Lebensreise eignet, strahlen auch die beiden hier vorgestellten tschechischen Lieder aus. Bei beiden steht denn auch das Unterwegssein als solches im Vordergrund. Das Ziel ist entweder unbekannt oder dient nur als grobe Orientierung, als Vorwand, um unterwegs sein zu können.

In dem Lied Černej pasažér (‚Der blinde Passagier‘) der Band Traband geht es um einen Menschen, der vollständig „ohne Ziel und Richtung“ durchs Leben reist. Er fühlt sich entwurzelt und heimatlos, sein Zuhause existiert nur noch in der Erinnerung. Es ist so weit entfernt, dass er es nur noch in verzerrter Form (als „Fratze“) wahrnehmen kann, wenn er daran zurückdenkt. Obwohl er das Gefühl hat, „in die verkehrte Richtung“ zu reisen, folgt er doch weiter seinem Weg, der ihn von „nirgendwoher (…) nirgendwohin“ führt.

Diese melancholisch klingende Beschreibung der eigenen Lebenssituation wird in dem Videoclip zu dem Song auf humorvolle Weise kommentiert. Der Reisende ist hier ein Mann mit einem abgetragenen Anzug und einem viel zu großen Koffer, der am Ende im Nirgendwo der tschechischen Provinz strandet. Parallel dazu betätigen sich die Bandmitglieder als Straßenmusiker, wobei sie sich erst allmählich, einer nach dem anderen, um den anfangs einsamen Sänger gruppieren. Dadurch, dass ein Bandmitglied gerade aus der Wohnung geworfen wird und in Unterwäsche zu der Band stößt, während ein anderes sich erst aus seinem Pappkarton-Bett schälen muss und dann die Mülltonnen als Drums benutzt, ergibt sich eine Situationskomik, die eine ironische Distanz zu dem schwermütigen Text aufbaut. Auch die Musik – insbesondere das wie ein Refrain eingesetzte Trompetensolo – wirkt eher heiter-lakonisch als melancholisch.

Im Unterschied zu dem Lied Černej pasažér gibt es in dem Song Krkavec (‚Der Rabe‘) der Gruppe Circus Cermaque durchaus ein klar identifizierbares Reiseziel – nämlich die Stadt Ostrava. Diese steht hier jedoch eher stellvertretend für einen fiktiven Sehnsuchtsort, als dass ihr eine konkrete Bedeutung zukäme. Wie die Reise bei Traband von „nirgendwoher (…) nirgendwohin“ führt, heißt es daher auch in Krkavec explizit, man bewege sich „von einem Irgendwo zum andern“. Dies verdeutlicht auch der Videoclip, in dem die Reisenden am Ende die Stadt zwar erreichen, dabei jedoch in einem x-beliebigen Kellergewölbe landen, das die Anstrengungen ihrer Reise kaum zu rechtfertigen scheint.

Wichtiger sind denn wohl auch die metaphorischen Verweise, die sich in dem Text finden. So scheint das Lied auf den Topos des Sünders anzuspielen, der nach seinem Tod einem in Not geratenen Menschen zu Hilfe eilt und so die eigenen Verfehlungen sühnt. In Krkavec handelt es sich dabei um einen verirrten Wanderer bzw. Vagabunden, dem durch einen – als schwarzer Rabe in Erscheinung tretenden – „gefallenen Heiligen“ der Weg gewiesen wird. In einer Art Traumreise sieht sich der Verirrte auf „Flügeln aus Rauch“ durch die Lüfte schweben, während der kolibriblaue Schatten des Raben ihn behütet.

Das Video zu dem Lied setzt die Traumreise in poetischen Bildern um, ironisiert diese aber zugleich, indem es den gefallenen Heiligen als selbst gemalten Pappkameraden in Erscheinung treten lässt. Dieser Mehrdimensionalität entspricht auch die Musik, in der sich drangvolle, das Vorwärtsstreben der Reisenden widerspiegelnde Gesangspassagen mit verträumten Klavier- und Violineinterludien abwechseln.

Links und Band-Infos:

Traband: Černej pasažér

aus: Hyjé! (‚Hü!‘); 2004

Die Band ist Mitte der 1990er Jahre von dem 1966 in Kolín geborenen Songschreiber und Sänger Jarda (Jaroslav) Svoboda, der sich auch als bildender Künstler betätigt, gegründet worden. Der Name „Traband“ leitet sich ab aus der Anfangszeit der Band, als diese als Trio auftrat. Aus „Trio-Band“ wurde später, in Anlehnung an den ostdeutschen „Trabi“, „Traband“.

 

Liedtext

Übersetzung:

Der blinde Passagier

Ich habe einen Koffer voll überflüssigem Krempel

und eine in Tücher eingewickelte Mappe.

Mein Zug fährt jedoch in die verkehrte Richtung,

und meine Fahrkarte ist schon lange ungültig.

 

Irgendwo in meiner Erinnerung gibt es ein Haus,

ich sehe noch den Rauch, der aus dem Schornstein aufsteigt.

In diesem Haus ist der Tisch für mich gedeckt,

dort ist meine Heimat.

 

Meine Vergangenheit wendet mir ihre Fratze zu,

und das Herz tut mir weh, wenn die Erinnerung sich regt.

Denn der Baum, der sich immer nach dem Himmel streckte,

liegt nun mit abgeschlagenen Wurzeln am Boden.

 

Ich bin ein blinder Passagier,

ich reise ohne Ziel und Richtung,

ich fahre schwarz und weiß nicht, wohin.*

Ich bin ein blinder Passagier,

ich reise ohne Ziel und Richtung,

von nirgendwoher fahre ich nirgendwohin,

und ich weiß nicht, wo es enden wird.

 

Ich habe lauter bunte Fotos

von irgendwann aus dem vergangenen Jahrhundert.

Aber ich fühle mich nur noch heimatloser,

wenn ich mir die Bilder ständig in Erinnerung rufe.

 

Ich bin ein blinder Passagier …

 

* wörtlich: und weiß nicht, mit welchem Leben.

 

Circus Cermaque: Krkavec

aus: Divozemí (2011)

Circus Cermaque ist ein Musikprojekt von Jakub Čermák, an dem außer diesem noch Kaia Mach, Iva Rybičková, Julie Goetzová, Jakub Cír, Ivan Paisrt und Richard Souček beteiligt sind. Der 1986 als Sohn des Musikers Miroslav Wanek geborene Čermák schreibt Gedichte, die er teilweise selbst vertont und unter dem Künstlernamen Cermaque herausbringt. Hierfür arbeitete er schon früh mit anderen Musikern zusammen. So gründete er bereits 2007 zusammen mit Martin Kučera und Anna Sypěnová die Gruppe Šácholan (Magnolie). An der Technischen Universität Brno (Brünn)  hat er sich mit Film- und Videokunst beschäftigt, was sich auch in der künstlerischen Qualität der Videoclips zu seinen Liedern niederschlägt.

 

Liedtext

Freie Übertragung ins Deutsche:

Der Rabe

Auf einem schwarzen Draht

sah ich einen schwarzen Raben,

einen gefallenen Heiligen,

der sich meines Vagabundenlebens

angenommen hat.

Die ganze Zeit über hörte ich sein Krächzen

auf dem schwarzen Draht.

// Schwarzer Engel, //

// Schwarzer Engel //

 

Ich taste mich durch den aschgrauen Himmel,

es ist noch weit bis Ostrava,

es ist noch weit bis Ostrava.

 

Ich taste mich durch den aschgrauen Himmel,

vielleicht leuchtet mir wenigstens der Mond,

es ist noch weit bis Ostrava,

es ist noch weit bis Ostrava.

 

Ich habe Flügel aus Rauch,

und obwohl ich ohne Gegenwind meinem Ziel entgegenfliege,

ist es weit bis Ostrava.

 

Wie ein blauer Kolibri

ist der Schatten des Raben.

Wir fliegen an einem Fluss entlang,

einer lebendigen Brücke,

von einem Irgendwo zum andern.

 

Den Schlaf hebe ich mir für übermorgen auf,

meine Träume aber scheinen meine Taten zu sein.

Die Wolken erzittern,

während der Kolibri

seine Liebe bewacht.

Ich komme voran,

ich komme voran …

 

 

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