Ein Gedicht aus Griechenland

Marginalisierung, Ausgrenzung, existenzielle Heimatlosigkeit – das Lied Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (‚Ich bin kein Dichter‘) von Nikos Papazoglou (nach einem Gedicht von Lazaros Andreou).

Das auf einem Gedicht von Lazaros Andreou beruhende Lied Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (‚Ich bin kein Dichter‘) des 1948 in Thessaloniki geborenen und leider schon 2011 verstorbenen Nikos Papazoglou ist bereits 1995 veröffentlicht worden. Dennoch enthält es viele Aspekte, die sich auch auf die heutige gesellschaftliche Lage in Griechenland beziehen lassen.

Ganz allgemein beschwören die Verse die Situation eines Menschen, der sich überall ausgestoßen fühlt, der obdach- bzw. heimatlos ist, überall gegen Mauern rennt und sich wie Judas als Verfemter fühlt, als Paria, für den es nirgends auf der Welt einen Platz gibt. So lässt sich das Gedicht sicher auch als Beschreibung der conditio humana deuten, als Bild für den aus dem Paradies vertriebenen Menschen, der sein „unbehaustes“ Dasein als Strafe erlebt. In Griechenland könnten die Verse darüber hinaus Assoziationen an die Zeit der Militärdiktatur und an das „Verfemtsein“ der Opposition in jenen Jahren wecken.

Aus heutiger Perspektive erinnert das Gedicht aber auch an den Paria-Status, der Griechenland von der EU, den großen Ratingagenturen und den internationalen Geldgeber-Institutionen zugewiesen worden ist. Die in dem Gedicht evozierten Gefühl von Marginalisierung, Perspektivlosigkeit und Ausgestoßensein würden dann auf den Kahlschlag im Sozialbereich und die immer neuen Gehalts- und Rentenkürzungen hindeuten, unter denen weite Teile der Bevölkerung bis heute leiden.

Dabei scheint die nicht nur sinnlose, sondern für eine Erholung der griechischen Wirtschaft sogar kontraproduktive Politik der vor allem in Deutschland beheimateten Austeritätsdschihadisten längst zum Selbstzweck geworden zu sein. Erklären lässt sich das wohl nur noch unter Zuhilfenahme tiefenpsychologischer Theorien. Mit Sigmund Freud könnte man vielleicht sagen: Die fanatische Sparpolitik ist das Spiegelbild einer Charakterstruktur, bei der die Betreffenden auf der Stufe der analen Befriedigung stehen geblieben sind und Lust aus dem zwanghaften Zurückhalten bzw. Sich-Versagen jeder Form von spontaner Lebensfreude ziehen. Folglich richtet sich ihr Hass auf all jene, die ein unkomplizierteres Verhältnis zum „verschwenderischen“ Genießen des Lebens haben. Und tatsächlich haben die Ritter der Schwarzen Null in diesem Sinne ja auch ganze Arbeit geleistet, indem sie aus den lebensfrohen Griechen ein Volk von Selbstmordkandidaten gemacht haben.

Allerdings assoziiert man mit Griechenland auch aus anderen Gründen längst nicht mehr nur die klassische Antike und sonnige Gemüter. Vielmehr lässt das Land heute stets auch an das Ertrinken tausender Menschen denken, die in Europa Schutz suchen. So lassen sich Lied und Gedicht auch auf die Situation der in Griechenland strandenden Flüchtlinge beziehen, für die das Leben ein einziges Gefängnis ist, die als Vertriebene, Ausgestoßene, Ausgegrenzte durch die Welt irren müssen und nirgends ein Zuhause finden.

Nikos Papazoglou: Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (Text: Lazaros Andreou) aus: Otan kidinevis paíkse tin puruda (1995)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung:

Ich bin kein Dichter

Ich bin kein Dichter, ich bin ein Vers,
ein Vers im Vorübergehen,
auf eine Gefängnismauer geschrieben,
in eine Parkbank geritzt.

Die Verrückten singen mich und die Heimatlosen.
Ich bin der Vers der Verfluchten,
deren Seelen auf ferne Planeten verbannt worden sind.

Ich bin kein Dichter,
ich bin seine Klage.
Ich bin das letzte Abendmahl.
Judas, mein Bruder,
beugt sich weinend über mich.

 

Bild: Fotolia

 

Eine Antwort auf „Ein Gedicht aus Griechenland

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